Kernkraftwerk Chooz

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Kernkraftwerk Chooz
Chooz B
Chooz B
Standort
Land Flag of France.svg Frankreich
Region Ardennes
Ort Chooz
Koordinaten 50° 5′ 27″ N, 4° 47′ 23″ OTerra globe icon light.png 50° 5′ 27″ N, 4° 47′ 23″ O
Reaktordaten
Eigentümer Électricité de France
Betreiber Chooz A: Societé d'Energie Nucleaire Franco-Belge des Ardennes
Chooz B: Électricité de France
Vertragsjahr 1960
Betriebsaufnahme 1967
Im Betrieb 2 (3120 MW)
Stillgelegt 1 (320 MW)
Einspeisung
Eingespeiste Energie im Jahr 2009 16471 GWh
Eingespeiste Energie seit 1967 256306 GWh
Stand der Daten 15. Mai 2010
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Chooz (französisch Centrale nucléaire de Chooz) steht an der Maas in der Gemeinde Chooz in der französischen Region Champagne-Ardenne. Die nahe der belgischen Grenze gelegene Anlage befindet sich seit 1967 in Betrieb und besteht aus zwei getrennten Anlagen. Die Anlage Chooz B besitzt zwei Reaktoren mit der weltweit größten Nettoleistung.

Geschichte

Am 25. September 1961 wurde zwischen Societe d'energie nucleaire franco-beige des Ardennes (SENA) und dem AFW-Konsortium ein Vertrag für den Bau des Kernkraftwerks Ardennes nahe der Gemeinde Chooz unterzeichnet, ein Gemeinschaftsprojekt von Frankreich und Belgien. Das AFW-Konsortium besteht insgesamt aus fünf Unternehmen, unter anderem die belgischen Unternehmen Charleroi Electrical Engineering Works (ACEC), Cockerill Ougree-Providence Company, sowie die Nuclear Metallurgy and Mechanical Engineering Company (MMN). Die französische Seite wird von Framatome vertreten, wobei die US-Firma Westinghouse ebenfalls an dem Projekt beteiligt ist.[1] Mit dem Bau der Anlage wurde am ersten Januar 1962 begonnen.[2] Der erste Reaktorkern und dessen Komponenten wurden sowohl in Frankreich, als auch in Belgien gefertigt. Die Anlage wurde mit einen Druckwasserreaktor ausgestattet, der Wasser als Kühlmittel, als auch als Moderator verwendet. Der Druck lag bei 140 Kilo pro Quadratzentimeter.[1]

Das Kernkraftwerk diente zwei verschiedenen Zwecken. Einerseits wollte man die Druckwasserreaktor-Technologie weiterentwickeln, weshalb die SENA die Gebäude in einer besonderen Weise errichten ließ. Der Reaktor und die Dampferzeuger wurden unterirdisch in einer Höhle errichtet, sodass nur die Turbinenhalle in einem herkömmlichen Gebäude an der Oberfläche errichtet werden konnte. Der zweite Zweck war die Erzeugung einer großen Menge an Elektrizität mit gleichzeitiger Ausbildung von Personal im Umgang mit Kernkraftwerken großer Leistung.[1]

Betrieb

Die Beladung des Reaktors war bis 1966 abgeschlossen, sodass der Reaktor am 18. Oktober erstmals kritisch wurde. Anschließend wurden einige Routinetests im nuklearen und konventionellen Anlageteil durchgeführt. Am dritten April 1967 wurde der Reaktor erstmals mit dem belgisch/französischen Stromnetz synchronisiert.[1] Am 15. April 1967 wurde der Reaktor dem Betreiber übergeben.[2] Im Januar 1968 traten allerdings Schäden im Reaktordruckbehälter auf. Der Reaktor wurde daraufhin heruntergefahren und die Kerneinbauteile, sowie der Brennstoff entfernt, was mehrere Wochen dauerte.[1] Der Grund für den Unfall wurde niemals veröffentlicht, allerdings ist bekannt, dass radioaktives Wasser in die Maas geleitet wurde. Die Anlage stand zwei Jahre still.[3]

Im Jahre 1973 wurde erstmals begonnen, von Leichwasserreaktoren abgebrannten Brennstoff aus der Bundesrepublik Deutschland, Belgien, Schweiz und Frankreich nach La Hague zu bringen. Der Brennstoff aus Chooz war der erste eines französischen Leichtwasserreaktors, der dorthin gebracht wurde.[4] Im Oktober 1984 wurde während eines Brennstoffwechsels von einigen Technikern der Zustand der Steuerstäbe im Reaktor untersucht. Man stellte fest, dass sich Risse und Abnutzungsspuren durch Reibung gebildet haben, sowie gebrochene Schweißnähte entstanden sind. Laut Physiker Helmut Hirsch könnten sich dadurch die Steuerstäbe bei einer Abschaltung verklemmen. Die IAEA kündigte in einem Bericht an im Zeitraum von zwei Jahren die Stäbe nacheinander zu ersetzten.[5]

Stilllegung

Frankreich kündigte an 1991 den Reaktor Chooz A vom Netz zu nehmen. Die Anlage ist der erste französische Druckwasserreaktor, der zurückgebaut wird.[6] Aufgrund dessen ging der Reaktor am 30. Oktober 1991 vom Netz. Bis dahin hatte Chooz A rund 38603 Gigawattstunden Elektrizität erzeugt.[2] Unverzüglich danach wurde mit dem Entladen des Brennstoffs aus der Anlage begonnen. Bis 1995 befand sich kein Brennstoff mehr auf dem Gelände. Daraufhin wurden die Sicherheitssysteme des Brennstofflagerbeckens abgeschaltet, das Kühlwasser aus dem Becken gelassen und anschließend das Becken dekontaminiert. Im Jahr 1999 wurde EDF der sichere Einschluss der Anlage genehmigt. Der Abriss des konventionellen Teils begann im Jahr 2002, das Hilfsanlagengebäude auf dem Hügel wurde im Jahr 2003 entkernt und galt anschließend als normales Gebäude, was den bürokratischen Aufwand für den Abriss erleichterte. Aufgrund des geänderten Stilllegungsplanes von EDF wurde im Jahr 2003 der sichere Einschluss beendet und direkt mit der Demontage des nuklearen Anlagenteils in den beiden Felsen begonnen. Im Jahr 2006 wurde damit begonnen den Reaktordurckbehälter zu demontieren. Es ist geplant, die Arbeiten bis 2014 zu beenden.[6]

Chooz B

Im Jahr 1979 beantragte die EDF zwei weitere Reaktoren am Standort Chooz.[7] Grund dafür ist einerseits der geplante Ausbau der Kernenergie in Frankreich, als auch die Überzeugung, dass man nach der Stillegung von Chooz A das Personal weiterhin beschäftigen kann. Angedacht wurden zwei N4-Reaktoren, die ersten ihrer Art in der Leistungsklasse von 1500 MW.[8] Proteste gegen das Kernkraftwerk gab es nur lokal, indem einige Frauen den Bürgermeister der Gemeinde Chooz einsperrten.[9] Mit dem Bau des ersten Reaktors wurde am ersten Januar 1984 begonnen, gefolgt vom zweiten Reaktor am 31. Dezember 1985.[2] Die Inbetriebnahme war für 1992 vorgesehen.[10]

Eine technische Neuerung an diesem Reaktortyp ist, dass die Kontrolle des Reaktors voll computerisiert erfolgt. Bereits 1987 wurde zum Training des Personals ein Simulator errichtet, in dem das neue Betriebssystem getestet wird und auch noch letzte Verbesserungen vorgenommen werden können. Die Unfallsimulationen, die durch das Personal gemanagt wurden, konnten leichter beherrscht werden als es bei vorherigen Reaktoren der Fall war, was auf die Automatisierung des Systems zurück zu führen ist.[10]

Betrieb

Der erste Block nahm am 30. August 1996 den Betrieb auf, gefolgt vom zweiten Reaktor am zehnten April 1997. Seit der Inbetriebnahme sind beide Reaktoren mit einer aktuellen Nettoleistung von 1500 MW die leistungsstärksten Reaktoren der Welt. Die größte Bruttoleistung eines Kernkraftwerks erreicht jedoch die baugleiche Anlage in Civaux.[2] Beide Reaktoren wurden von Alstom entworfen. Die erzeugte Energie teilen sich Frankreich und Belgien zu ungleichen teilen, Frankreich bezieht 75 % der Energie aus Chooz B, während Belgien die restlichen 25 % davon bezieht.[11]

Im Jahr 1998 mussten beide Reaktoren aufgrund eines Baufehlers vom Netz genommen werden und der Brennstoff aus dem Reaktor entladen werden. In der baugleichen Anlage Civaux-1 kam es aufgrund eines Thermoschocks zu einem Leck im Primärkreislauf. Nach Untersuchungen von EDF wurde festgestellt, dass der Krümmer an dem das Leck entstand, zu nah an einem Rohrabzweig montiert ist, durch den das Wasser vom Nachkühlsystem (Kaltwasser) und dem Überströmventil (Warmwasser) abwechselnd in einer hohen Frequenz wieder in den Kreislauf zurück geführt wurde. Aufgrund dessen ließ EDF alle Reaktoren der N4-Baulinie vom Netz nehmen.[12] Nach dem Umbau des defekten Nachkühlsystems wurde der erste Block im März 1999 wieder in Betrieb genommen, Block zwei im April 1999 einen Monat später.[13]

Der erste Reaktor nahm am 15. Mai 2000 den kommerziellen Betrieb auf und wurde dem Betreiber Électricité de France übergeben, Block zwei folgte am 29. September 2000.[2] Im Jahr 2008 produzierte Chooz-B1 insgesamt 12,84 Terrawattstunden Bruttoelektrizität und brach damit den Weltrekord des Kernkraftwerk Grohnde aus dem Jahr 1997.[14]

Seit 2009 wird mit dem Double-Chooz-Experiment in zwei Forschungsanlagen nahe dem Kernkraftwerk die Eigenschaften von Neutrinos untersucht.

Technische Details

Die beiden Blöcke von Chooz B sind mit Reaktoren der N4-Baulinie (Druckwasserreaktoren) ausgestattet. Beide haben eine thermische Leistung von 4270 MW bei einer elektrischen Nettoleistung von 1500 MW und Bruttoleistung von 1560 MW.[2]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Chooz hat insgesamt drei Reaktoren, von denen sich zwei im Leistungsbetrieb befinden und ein weiterer bereits stillgelegt wurde.

Reaktorblock[2] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Chooz-A (Ardennes) DWR 310 MW 320 MW 01.01.1962 03.04.1967 15.04.1967 30.10.1991
Chooz-B1 DWR Nouveau 4 1500 MW 1560 MW 01.01.1984 30.08.1996 15.05.2000
Chooz-B2 DWR Nouveau 4 1500 MW 1560 MW 31.12.1985 10.04.1997 29.09.2000

Einzelnachweise

  1. a b c d e International Atomic Energy Agency: Progress in peaceful applications of nuclear energy during the year 1967/68. In: Austria - January 1969 (englisch)
  2. a b c d e f g h Power Reactor Information System der IAEA: „France“ (englisch)
  3. S-EAU-S: Luttes antinucléaires : CHOOZ (französisch)
  4. B. Lenail: Update of French experience shipping irradiated fuel. In: IAEA Bulletin, Frühling 1985 (englisch)
  5. Mir läuft der kalte Schauer über den Rücken. In: DER SPIEGEL, 17/1987 am 20. April 1987
  6. a b Radioactive Waste Management, Status and Trends - Issue #4. In: International Atomic Energy Agency, February 2005 (englisch)
  7. Kerntechnische Gesellschaft im Deutschen Atomforum: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 33. In: Handelsblatt GmbH, 1988
  8. Kerntechnische Gesellschaft im Deutschen Atomforum: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 34. In: Handelsblatt GmbH, 1989
  9. Jacques Cousteau, Susan Schiefelbein: Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus: Mein Leben für die Erforschung und Bewahrung unserer Umwelt. In: Campus Verlag, 2008 ISBN 3593385643
  10. a b Ronald Allen Knief: Risk management: expanding horizons in nuclear power and other industries. In: CRC Press, 1991 ISBN 1560322314
  11. Mary Hutzler, u.a.: International Energy Outlook 98: With Projections Thru 2020. In: DIANE Publishing, 1998 ISBN 0788175742
  12. Störfall in Strang A DER SPIEGEL, 40/1998 am 28. September 1998
  13. Mesures to strenghthen international co-operation in culear, radioation and waste safety In: IAEA General Conference, 17 August 2000 (englisch)
  14. Prof. Dr. Dr.-Ing. e.h. Adolf Birkhofer, u.a.: Kernkraftwerke in Deutschland - Betriebsergebnisse 2008. In: INFORUM Verlags- und Verwaltungsgesellschaft mbH Berlin, 2009 ISSN 1431-5254

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk