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Atommeiler

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Als Atommeiler wurde in den Anfangsjahren der Kernenergie ein Kernreaktor bezeichnet. Die Erstverwendung stammt aus dem Jahr 1951. In diesem Jahr wurde in der Gewerkschaftszeitung Metall (heute metallzeitung) über Thoriumreaktoren referiert, da die Uranvorräte der Erde für das Atomzeitalter nicht genügen würden:[1]

Ein Atommeiler im Jahr 1942
„Auch bei Uran 233 handelt es sich um ein in Kettenreaktion zerfallendes Uranisotop, das man technisch in größeren Mengen aus Thoriummetall im Atommeiler erhalten kann.“

Die Metapher war die eines Kohlenmeilers, der Holz in Holzkohle umwandelt. Auch der Brockhaus der Naturwissenschaften und der Technik von 1951 verwendete diesen Begriff, in Analogie zu den Chicago Piles:[2]

„[…] oder Plutoniumkernen im Uranbrenner (Atommeiler, -pile, -batterie, -ofen, Reaktor). Nach dem →Atombrennstoff unterscheidet man langsame und schnelle Reaktoren. Langsame Reaktoren sind in der Regel riesige Blöcke reinsten Kohlenstoffes (Graphit), in denen die Atomkerne des spaltbaren Materials […]“

Der erste Band des Der Grosse Brockhaus übernahm 1952 den Begriff Atommeiler, allerdings nicht als eigenes Lemma. Im Dezember 1954 schrieb Professor Hans Schimank in den Physikalische Blätter:[3]

„Als eindrucksvolle Zeugnisse des Fortschritts, den die Technik während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts machte, seien mit einiger Willkür hervorgehoben: Röntgenapparatur und Elektronenmikroskop, Ultraschall-und Radarverfahren, Rundfunk- und Fernsehgeräte, Schallplatte und Tonband, elektronische Rechenmaschine und Atommeiler.“

Der Begriff wurde auch beibehalten, als Kernreaktoren nicht mehr aus Grafithaufen bestanden. Exemplarisch dafür seien hier die Frankfurter Hefte von 1954 genannt, eine linke deutsche Zeitschrift für Politik und Kultur, wo in Band 9 nüchtern und sachlich die Chancen der Kernenergienutzung und Brütertechnik erörtert wurden, und trotzdem der Begriff Atommeiler fällt. Auch die fortschrittsfreundlichen Bände des Druckwerkes Das neue Universum verwendeten zu der Zeit den Begriff Atommeiler. In Band 73 aus dem Jahr 1956 wird Atommeiler und Atomreaktor synonym verwendet: „In jedem Atomreaktor, in jedem Atommeiler (oder wie man das Ding nennen will) wird zwangsläufig Wärme erzeugt, […]“ Da die Begrifflichkeiten damals unklar waren, wechselt der angeführte Artikel stets zwischen Atommeiler, Atomkraftwerk, Atomelektrizitätswerk, Reaktor und Atomreaktor:[4]

„Aus diesen paar Beispielen sieht man bereits, daß es nicht d e n Atomreaktor oder d e n Atommeiler gibt. Fast alle Konstruktionsparameter lassen sich variieren, und man kann sehr verschiedene Atomreaktoren mit sehr verschiedenen Eigenschaften bauen. Meist hat jeder dabei entstehende Reaktortyp seine besonderen Vorteile und Nachteile. Es ist heute noch nicht entschieden, welcher Reaktortyp sich einmal endgültig durchsetzen wird. Weil es aber so viele Möglichkeiten gibt, sind eigentlich alle Atomkraftwerke, die gegenwärtig gebaut werden, noch als Versuchsanlagen zu sehen, obgleich sie zum Teil beträchtliche elektrische Leistungen aufbringen. Natürlich wird, zumindest in den ersten Stunden, die in einem Atomelektrizitätswerk erzeugte Kilowattstunde teurer sein als die, die aus einem herkömmlichen Dampf- oder Wasserkraftwerk stammt.“

Dies fällt auch auf, wenn man Fachbücher der damaligen Zeit betrachtet. So gibt es in Die industrielle Anwendung radioaktiver Isotopen von Dr. Heimo Hardung-Hardung aus dem Jahr 1953 ein Kapitel mit der Überschrift „Die Reaktoren oder Atommeiler“. Ein schönes Beispiel ist auch der Text der oben bereits zitierten Gewerkschaftszeitung Metall, wo der Begriff Atomkraftzentrale, angelehnt an das französische centrale nucléaire verwendet wurde.[1]

Der Begriff Atommeiler wird heute ausschließlich von Kernkraftgegnern für moderne Leistungs- und Forschungsreaktoren verwendet, obwohl die Begriffsnormierung zu Kernkraftwerk und Forschungsreaktor erfolgte. Alternativbegriffe wie Atomkraftzentrale, Elektrizitätszentrale oder Atomelektrizitätswerk bzw. Atompile oder Atomofen sind heute vollkommen unüblich geworden. Unter Atombatterie wird heute ein Radioisotopengenerator verstanden.

Einzelnachweise

  1. a b Metall, Band 5, Seite 157. Metall-Verlag GmbH, 1951
  2. Brockhaus der Naturwissenschaften und der Technik, Seite 33. Verlag Eberhard Brockhaus, 1951
  3. Hans Schimank Die Technik als formende Kraft unserer Zivilisation In: Physikalische Blätter. Volume 10, Issue 12. Dezember 1954 , S. 536
  4. Robert Gerwin: Atome arbeiten für uns In: Das neue Universum Band 73, S. 60