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Kernheizwerk Radotín

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Kernheizwerk Radotín
Der Standort des Kernheizwerks sollte sich im Bild mittig befinden, kurz oberhalb des Zusammenflusses der Berounka (links) und Moldau (rechts)
Der Standort des Kernheizwerks sollte sich im Bild mittig befinden, kurz oberhalb des Zusammenflusses der Berounka (links) und Moldau (rechts)
Standort
Land Flag of the Czech Republic.svg Tschechien
Region Prag
Ort Prag-Radotín
Koordinaten 49° 59′ 50″ N, 14° 23′ 28″ OTerra globe icon light.png 49° 59′ 50″ N, 14° 23′ 28″ O
Reaktordaten
Pläne storniert 2 (600 MW)
Zusatzfunktion Fernwärme
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernheizwerk Radotín (tschechisch Jaderná Výtopna [JV] Radotín, gelegentlich Kernheizwerk Prag-Süd [tschechisch Jaderná Výtopna Praha-Jih]) sollte in der tschechischen Hauptstadt Prag im Stadtteil Radotín entstehen. Vorherige Projekte befassten sich zunächst mit dem Bau als Kernheizkraftwerk (tschechisch Jaderná elektrárna s odběrem tepla [JEOT]) zwischen den Stadtteilen Braník und Modřany, wurden Mitte der 1970er nach Radotín verlegt und zunächst optimiert weitergeplant bis zu einem fortgeschrittenen Planungsstand. Aufgrund verschiedener Ursachen wurden die Kernheizkraftwerksplanungen zunächst eingestellt und später verkleinert neu geplant als Kernheizwerk. Das Projekt wurde nach der samtenen Revolution nicht mehr weiterverfolgt.

Geschichte

Mitte der 1960er arbeitete im Rahmen der zukünftigen Wärmeversorgung der Stadt Prag das staatliche Forschungsinstitut für Maschinenbau in Prag-Běchovice eine Studie mit dem Einsatz von Kernheizkraftwerken aus. 1969 wurde neben einer Anlage für das östliche Netz in Malešice und dem Kernheizkraftwerk Holešovice im Norden, für die Fernwärmeversorgung des Südens von Prag der Bau eines Kernheizkraftwerks mit einem einzelnen Block mit einer Fernwärmeauskopplung von 350 bis 400 Gigakalorie pro Stunde bei Braník (Modřany) empfohlen. Bei dem Modell sollte es sich um einen baugleichen Druckwasserreaktor auf Basis des WWER-70 handeln, wie er auch für Holešovice geplant war. Der vorgesehene Standort (Terra globe icon light.png 50° 1′ 24″ N, 14° 23′ 58″ O) bietet zudem einen geeigneten Felssockel als Gründung für den Bau eines Kernkraftwerks.[1] Zu dieser Zeit war für die langfristige Wärmeversorgung der Bau von konventionellen Heizwerken vorgesehen mit Erdgasbefeuerung. Allerdings zeigte sich zu diesem Zeitpunkt bereits, dass sich der Bau dieser Heizwerke erheblich verzögern wird, was ein Zeitfenster für den Bau eines Kernheizkraftwerks öffnete.[2]

Parallel zu den Planungen im Süden wurden auch Standorte im Westen von Prag Standorte für eine nukleare Wärmequelle gesucht zwischen den Stadtteilen Motol und Radotín. Da der Westen von Prag sehr dünn bebaut ist und die Distanzen zwischen den einzelnen Ansiedlungen groß, wäre der Ausbau eines Gasnetzes technisch nur schwer durchführbar gewesen. Es war daher zum Stand 1970 fraglich, ob für dieses Gebiet zentrale Heizwerke eine Rolle spielen würden und ob auch nukleare Quellen infrage kämen. Aus diesem Grund war es eher interessant zu diesem Zeitpunkt sich bei den Projekten im Westen und Süden eher auf den Süden zu konzentrieren.[2] In der Reihenfolge war vorgesehen, dass die Anlage im Bereich Braník-Modřany nach dem Kernheizkraftwerk Holešovice umgesetzt werden würde, da bis dahin durch große Wohnungsbauprogramme die Wärmelast entsprechend ansteigen würde.[3]

Projektanpassung auf WWER-440

Bis 1975 wurden die Planungen für die Anlage optimiert und ebenfalls die Versorgung des Westens der Stadt durch dieses Kernheizkraftwerk vorgesehen.[4] Dies kam mit einer Änderung des Standorts des Kernheizkraftwerks, das nunmehr im Stadtteil Radotín geplant war,[5] kurz oberhalb des Zusammenflusses der Berounka in die Moldau.[6]. Da die Versorgung des südöstlichen Teils von Prag damit keine Rolle mehr spielte wurde langfristig geplant ein weiteres Kernheizkraftwerk im Stadtteil Uhříněves zu errichten,[5] das allerdings nie in eine volle Planungsphase kam. Die Abwärme des Kernheizkraftwerks Prag-Süd in Radotín sollte genutzt werden um entlang eines 12 Kilometer langen Streifens der Moldau ein Erholungsgebiet zu schaffen mit Schwimmbädern und Stränden.[4] Dies aber nur limitiert, da für die Anlage in Radotín empfohlen wurde eine Rückkühlung zu nutzen.[5] Dies sollte durch eine stärkere Erwärmung des Kühlwassers erreicht werden. Obwohl der Wärmeeintrag normalerweise ein Problem an anderen Standorten ist, stellt dies im Bezug auf die Moldau die Lösung eines anderes Problems dar: Durch den Bau vieler Staudämme entlang des Flusslaufs wird das Wasser der Moldau stark unterkühlt, was ebenfalls zu einem negativen Einfluss auf das Ökosystem des Flusses führte.[5] Zusätzlich wurde die Abwärmenutzung, wie für Holešovice auch, für die Beheizung von Fischbrütern, Nutztierzuchtanlagen und Gewächshäusern erörtert.[4]

Die Fernwärmeversorgung des Kernheizkraftwerk Prag-Süd sollte im Südosten die Stadtteile Modřany, Michle, Krč II, Libuš versorgen, im Südwesten die Südstadt I und II, Řepy, Fialka, Háje, Břevnov, Strahov, Smíchov, Radlice, Košíře, Motol, Barrandov, Hlubočepy, Velká Chuchle und Malá Chuchle, sowie die am Fluss Berounka liegenden Ortschaften Radotín, Zbraslav und Lipence.[5] Aufgrund der Planungsausweitungen wäre die Anlage größer geplant worden mit einer installierten Reaktorwärmeleistung von 2750 MW (zwei Reaktoren des Typs WWER-440, baugleich wie zu diesem Zeitpunkt im Kernheizkraftwerk Holešovice geplant), von denen 1017 MW (877 Gigakalorie pro Stunde) als Fernwärme abgeleitet worden wären. Die restliche Übererzeugung wäre in Strom umgewandelt worden. Wirtschaftliche Berechnungen für die baugleiche Anlage in Holešovice bei 7000 Betriebsstunden im Jahr ergaben Wärmeerzeugungskosten von 29 Kronen pro Gigakalorie, wobei ähnliche Berechnungen für das Kernheizkraftwerk Prag-Süd sogar noch niedrigere Kosten zeigten. Für die Anlage Prag-Süd wurde zudem erwogen Wärmespeicher am Standort zu errichten, sodass bei Schwachlastzeiten bei Strom und Wärme diese gefüllt werden können, um etwaige Spitzen in der Fernwärmelast abdecken zu können und um eine hohe Volllastausnutzung der Anlage zu gewährleisten. Dies war in Holešovice wegen mangelnden Platzes nicht vorgesehen. Trotz der generellen Machbarkeit des Projektes bleiben Fragen in Bezug auf die nukleare Sicherheit für das Kernheizkraftwerk Prag-Süd, wie auch im Fall von Holešovice, für den Fall eines Unfalleintritts und der Lage in einem dicht besiedelten Gebiet. Für die beiden Prager Kernheizkraftwerke war daher der Einsatz eines Containments unerlässlich. Für Prag-Süd war daher der Einsatz eines Doppelcontainments vorgesehen worden als Druck-Unterdrückungscontainment in der Bauart eines Eiskondensator-Containments, wie es auch für das Kernkraftwerk Loviisa in Finnland von Westinghouse errichtet wurde. Die Tschechoslowakei hatte deshalb für die Umsetzung der beiden Kernheizkraftwerke ein Kooperationsabkommen mit der finnischen Imatran Voima Oy abgeschlossen. In Holešovice sollte bis 1983 ein erster Block in Betrieb gehen in Zusammenspiel mit den dortigen konventionellen Kraftwerken, während man die Inbetriebnahme des Kernheizkraftwerks Prag-Süd mit beiden Blöcken bis 1988 vorsah.[5]

Zu diesem Zeitpunkt sind allerdings aufgrund der Positionierung nahe dem Stadtkern von Prag Grenzen offensichtlich geworden, weshalb einerseits das Kernheizkraftwerk Holešovice zugunsten des neuen Projekts Kernheizkraftwerk Kojetice aufgegeben wurde. Für den Standort Radotín wurde trotz der intensiven Untersuchung des Projekts ebenfalls im Jahr 1975 in Absprache mit dem Energieministerium der Tschechoslowakei und den Behörden der Hauptstadt Prag beschlossen, in den zukunftsnahen Stadtplanungen nicht den Bau eines Kernheizkraftwerks in Radotín zu berücksichtigen und stattdessen den weiteren Ausbau der Gasversorgung zu forcieren.[6]

Kernheizwerk

Trotz der Forcierung des Ausbaus von Heizwerken auf Basis von Erdgas wurde langfristig weiterhin der Bau von nuklearen Wärmequellen berücksichtigt.[7] SO kam es, dass bereits im Dezember 1977 die Tschechoslowakei eine Kooperation mit den sowjetischen Ingenieur-Architekten von Kernkraftwerken aufnahm, darunter Teploelektroprojekt Gorki, WNIIAES und WNIPIET, die ebenfalls an Kernheizkraftwerksprojekten planten. Im Mittelpunkt stand für die Tschechoslowakei nach wie vor der Bau eines Kernheizkraftwerks für Prag, wo man sich insbesondere auf Turbinensysteme konzentrierte für das Kernheizkraftwerk Kojetice in Kooperation mit Škoda. Mit dem Aufkommen des Kernheizwerks AST-500 in der Sowjetunion Ende der 1970er änderten sich allerdings die Planungen zugunsten eines reinen Kernheizwerks für Prag.[8] Da sich die Kernheizwerke der Größenklasse von 500 MWth als zu groß erwiesen, wurde auf Anregung der Tschechoslowakei Anfang der 1980er eine kleinere Variante AST-300 mit 300 MWth entwickelt für 4000 Betriebsstunden im Jahr.[9][10]

Auf der Basis des AST-300 waren zwei Kernheizprojekte in der Tschechoslowakei geplant worden für Prag in Radotín und für das Kernheizwerk Ostrava. Der Einsatz für andere Standorte war allerdings zu begrenzt, weshalb die Tschechoslowakei eher noch kleinere Varianten mit 200 und 100 MWth vorsah.[11][12][13][14] Diese hätten ebenfalls für Prag zum Einsatz kommen können, wie auch für Brünn und Bratislava.[15][16] Ab 1987 wurden die Planungen für das Kernheizwerk Radotín in das Jahr 2000 verschoben, da man plante langfristig die Fernwärmelast im Süden von Prag und einer 100 Kilometer langen Fernwärmeleitung aus dem Kernkraftwerk Temelín zu decken.[17]

Ab 1988 arbeitete OKBM zusammen mit Energoprojekt Prag an der Projektierung des AST-200, der in erster Linie für das Kernheizwerk Pilsen geplant wurde, als Alternativstandort aber auch Radotín für Prag erwogen wurde. Die Planungen wurden 1991 abgeschlossen,[8] Mit den sich ändernden politischen Gegebenheiten in der Tschechoslowakei 1989 kam die weitere Planung des Projekts in Konfrontation mit diesen neuen Gegebenheiten. Ein weiterer Grund war, dass die in Bau befindlichen größeren Anlagen des Typs AST-500 im Kernheizwerk Woronesch und Kernheizwerk Gorki ebenfalls Rückschläge in ihrer Umsetzung erlitten.[18] Am 24. Juni 1990 wurde die Projektstudie für den AST-200 für das Kernheizwerk Pilsen abgeschlossen.[18][8] Eine Weiterführung des Konzepts erfolgte nach der samtenen Revolution nicht.

Einzelnachweise

  1. Hulovec, J., u.a.: Nuclear reactor for heat and power supply, 10.05.1969. Seite 110. Abgerufen am 06.06.2022. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  2. a b Stransky, F., u.a.: 'Moznosti uplatneni jadernych teplaren v CSSR, Czechoslovak conference on nuclear power; Piestany, Czechoslovakia, 01.12.1970. Seite 7, 8. Abgerufen am 19.04.2022. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  3. United Nations, International Atomic Energy Agency: Peaceful Uses of Atomic Energy: Proceedings, Teile 3-4, UN, 1972. Seite 345.
  4. a b c International Atomic Energy Agency, u.a.: Environmental Effects of Cooling Systems at Nuclear Power Plants: Proceedings of a Symposium on the Physical and Biological Effects on the Environment of Cooling Systems and Thermal Discharges at Nuclear Power Stations, Band 378, The Agency, 1975. ISBN 9789200200755. Seite 733.
  5. a b c d e f Himmel, J., u.a.: A nuclear power and heating plant in the urban agglomeration of Prague, März 1975. Seite 6 bis 13. Abgerufen am 07.06.2022. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  6. a b Československá komise pro atomovou energii: VYUŽITI TEPLA Z JADERNÝCH ENERGETICKÝCH ZDROJŮ, 1976. Seite 28. Abgerufen am 06.02.2020. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  7. Czechoslovak Life, Orbis, 1976. Seite 5.
  8. a b c Владимир Николаевич Чистяков, u.a.: История ОАО "НИАЭП" в документах и воспоминаниях ветеранов: 1951-2008, Литера, 2008. ISBN 9785900915593. Seite 101, 102, 134 bis 136. Abgerufen am 07.06.2022.
  9. Stamberg, K.: Zasoby uranu a vyroba jaderneho palivoveho materialu ve svete, 22.03.1983. Seite 23, 24. Abgerufen am 07.06.2022. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  10. International Atomic Energy Agency: Nuclear Heat Application: Proceedings of a Technical Committee Meeting and Workshop on Nuclear Heat Application, IAEA, 1984. ISBN 9789200510847. Seite 257.
  11. Yatish T. Shah: Thermal Energy: Sources, Recovery, and Applications, CRC Press, 2018. ISBN 9781315305943. Seite 312.
  12. International Atomic Energy Agency: International Atomic Energy Agency Bulletin, Bände 26-27, The Agency, 1984. Seite 27.
  13. A. Panasenkov, u.a.: A promising area for collaboration, IAEA Bulletin, Dezember 1984. Seite 27. Abgerufen am 07.06.2022. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  14. Fedor I︠A︡kovlevich Ovchinnikov: Международное сотрудничество стран-членов СЭВ в области атомной энергетики, Энергоатомиздат, 1986. Seite 105.
  15. Igorʹ Dmitrievich Kozlov: Socialism and Energy Resources, Progress Publishers, 1984. Seite 100.
  16. Игорь Дмитриевич Козлов: The World Energy Problem, Progress Publishers, 1987. Seite 156.
  17. Development and Perspectives in the Field of Nuclear Energy Production, UN, 1987. Seite 57.
  18. a b Vít Pospíšil: Alternativní zdroj tepla pro vytápění středních a velkých měs, 2020. Seite 22, 149, 152, 156, 158 bis 161, 173, 174. Abgerufen am 28.05.2022. (Archivierte Version bei Internet Archive)

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk