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Kernkraftwerk Iguape

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Kernkraftwerk Iguape
Ehemals geplanter Standort
Ehemals geplanter Standort
Standort
Land Flag of Brazil.svg Brasilien
Bundesstaat São Paulo
Ort Iguape
Koordinaten 24° 32′ 36″ S, 47° 12′ 46″ WTerra globe icon light.png 24° 32′ 36″ S, 47° 12′ 46″ W
Reaktordaten
Pläne storniert 2 (2624 MW)
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Iguape (brasilianisch Central nuclear Iguape) sollte nahe der Ortschaft Iguape im brasilianischen Bundesstaat São Paulo am nordöstlichen Fuß des Juréia Massif entstehen. Aufgrund der Wirtschaftskrise Anfang der 1980er wurde das Projekt zunächst verzögert und 1985 wegen fehlender Geldmittel ganz aufgegeben.

Geschichte

Am 4. Juni 1980 verabschiedete der brasilianische Präsident João Baptista de Oliveira Figueiredo ein Dekret das es Nuclebras erlaubte, 236 Quadratmeter für den Bau des vierten und fünften Kernkraftwerks Brasiliens zu enteignen. Hierfür wurde ein Gelände zwischen den Ortschaftn Iguape und Peruíbe im Bundesstaat São Paulo gewählt. Obwohl diese Information unter Verschluss gehalten wurde, kam diese vertrauliche Information in lokalen Zeitungen an die Öffentlichkeit, die eine örtliche Opposition gegen den Bau hervorrief.[1] Ebenfalls der Bürgermeister von Iguape erklärte gegen die Regierungsmitgleider, die die Entscheidung fällten, dass er hinter der Opposition seiner Ortschaft stehe. Bei den Reaktoren handelte es sich um ein Teil der Folgeaufträge, der der Kraftwerk Union AG in Aussicht gestellt wurde nach dem Bau von Angra-2 und 3. Insgesamt sollten bis zu acht Reaktoren mit der Kraftwerk Union AG errichtet werden.[2]

Im Oktober 1980 begann die Standorterkundung, die sich insbesondere auf ozeanografische Daten konzentrierte, sowie Temperatur, Salzgehalt des Wassers, Meeresströmungen, den gelösten Sauer- und Stockstoffgehalt und verschiedene Planktonarten.[3] Allerdings wurde Ende 1980 erstmals das Projekt verschoben, wobei sich bereits frühzeitig abzeichnete, dass die Kapazität aus diesem Kernkraftwerk nicht vor Ende der 1980er benötigt werden würde und einige Blöcke überhaupt nicht. Dies baute seitens der Kraftwerk Union einen Druck aufbaute, da man mit den Export von Reaktoren keinen Erfolg zu haben schien, auf dem eigenen deutschen Markt weitere Reaktoren zu vermarkten, wo jedoch Reaktoren immer schwerer aufgrund juristischen Drucks zu vermarkten waren.[2] Dennoch ging man davon aus die Standorterkundungen bis Ende 1981 abschließen zu können,[4] da sie zu diesem Zeitpunkt in einem bereits fortgeschrittenen Stadium waren.[5] Die Kraftwerk Union plante darüber hinaus die Schwerkomponenten alle in Brasilien fertigen zu lassen, die 1981 bereits in der Fertigung waren.[4]

Anfang 1982 gab der brasilianische Energieminister Cesar Cals nach einer Besprechung mit Electrobras und Nuclebras bekannt, dass man das Bauprogramm auf 6 Reaktoren reduzieren werde und den Bau beider Reaktoren in Iguape um zwei Jahre verschiebe,[6] womit die Inbetriebnahme nicht vor 1991 für den ersten und 1992 für den zweiten Block erfolgen würde.[7] Auch der Bau von konventionellen Kohlekraftwerke und Wasserkraftwerken,[6] insbesondere des 18.700 MW Wasserkraftwerks Itaipú,[7] wurde entsprechend verlangsamt. Hintergrund war, dass der Stromverbrauch 1981 lediglich um 3,3 % stieg, damit die erwartete Marke von 11 % nicht erreicht wurde.[6] Dies hatte auch zur Folge, dass die Komponenten für das Kernkraftwerk nicht vor 1984 und 1985 für die beiden Blöcke offiziell geordert werden müssten.[7] Dennoch war fest geplant Ende 1984 die eigentlichen Bauarbeiten für den Bau der beiden Reaktorblöcke auszuschreiben,[8] sodass noch im Oktober 1982 der Nuclebras-Präsident Paulo Nogueira Batista der Kraftwerk Union die Zusage, dass die Vorarbeiten am Kernkraftwerk Iguape noch im Frühjahr 1983 beginnen sollen.[9]

Ende 1982 wurden die ersten offiziellen Aufträge für die Fertigung der Komponenten an brasilianische Unternehmen vergeben.[10] Allerdings kurz darauf noch am 6. Januar 1983[11] begann die brasilianische Regierung einen weiteren Aufschub des Baubeginns in Erwägung zu ziehen aufgrund der schlechten Finanz- und Wirtschaftslage des Landes.[10] Als Folge wurden die erteilten Aufträge noch 1983 wieder annulliert.[10][12] Die Kraftwerk Union wurde darüber vollständig aufgeklärt.[10] Der Baubeginn wurden letztendlich im gegenseitigen Einvernehmen aufgeschoben,[13] weshalb man in der Folge mit einem Baubeginn spätestens 1986 für Iguape 1 rechnete und 1987 für Iguape 2.[14] Dennoch konnten am Standort erste Vorarbeiten stattfinden zur Erschließung des Geländes.[15][16] Der Stillstand wirkte sich allerdings negativ für den Schwerkomponentenlieferant NUCLEP aus. NUCLEP hatte bereits mit der Fertigung des Reaktordruckbehälters,[17] der vier Dampferzeuger,[18] der Druckhalter und die vier Druckspeicher[19] für Iguape 1 begonnen, musste aber wegen den ausfallenden Verträgen 140 Milliarden Cruzeiro an Verlusten abschreiben, während das Auftragsportofolio für 1985 nur 1,2 Milliarden US-Dollar betrug.[17] Bis 1985 stand NUCLEP, selber ein Tochterkonzern der Kraftwerk Union und anderer Anteilseigner aus Deutschland und Österreich, finanziell nahe dem Ende, da die bereits gefertigten Komponenten hohe Lagerkosten verursachten. Man schlug der brasilianischen Regierung daher drei Optionen vor:[20]

  • Der Bau des Kernkraftwerk Iguape was vermutlich hohe Kosten verursachen würde.
  • Der gemeinsame Bau von Wasserkraftwerken, was zu diesem Zeitpunkt ökonomischer erschien, inklusive Aufgabe des Kernkraftwerks.
  • Dauerhafte Einlagerung der Komponenten mit Unkosten über Jahre in unbekannter Höhe, bis zum Bau der Anlage.

Projektende

Im Jahr 1985 entschied der Planungsminister Joao Sayad aufgrund der Kosten, die sich Brasilien nicht leisten konnte, das Kernkraftwerk Iguape nicht zu errichten und auf die Komponenten zu verzichten.[21] Der Planungsminister forderte zudem die Nuclebras auf das Land, das bereits in deren Besitz für das Kernkraftwerk war, wieder zu verkaufen, womit jedoch Nuclebras keinen Standort mehr vorhalten konnte für den Bau eines zukünftigen Kernkraftwerks. Dabei stellte man sich allerdings vor einem Problem, denn erst mit dem Bau der dritten Anlage wäre der Technologietransfer aus Deutschland an Brasilien für den 1300 MW Druckwasserreaktor der Kraftwerk Union abgeschlossen gewesen, weshalb der Präsident Licinio Seabra von Nuclebras darauf aufmerksam machte, dass mindestens noch ein Reaktorblock gebaut werden müsse.[22][23] Noch im gleichen Jahr gesteht Licinio Seabramit dem vorläufigen Ende des Baurpogramms, dass knapp 10 Jahre an Technologieübertragung völlig verloren sind.[24] Für die Zuliefererindustrie wie NUCLEP und auch als Stütze für Nuclebras wurde ein Fond eingerichtet, um Gelder für eine Restrukturierung anzusparen.[25]

Standortdetails

Der Standort befindet sich im Naturreservat Juréia-Itatins am nordöstlichen Fuß des Juréia Massif. Die Landschaft ist Teil des atlantischen Regenwalds. Im August 1981 wurden in der ersten Standortevaluierung zwei Standorte ausfindig gemacht, wovon der erste dann gewählte Standort auf dem Gebiet der Gemeinde Iguape lag. Als alternativen Standort gab es noch ein mögliches Gelände weiter nordöstlich, nahe der Ortschaft Guaraú bei Peruíbe.[26] Der Standort für das Kernkraftwerk Iguape war groß genug für den Bau von vier Reaktorblöcken.[27]

Technik

Die beiden Blöcke sollten Ausgestattet werden mit zwei Druckwasserreaktoren der Kraftwerk Union,[28] die beide jeweils eine Bruttoleistung von 1312 MW erreichen sollten,[29] während je Block 1245 MW Netto ins Netz gespeist werden sollten.[30] Als erstes brasilianisches Projekt wurde die Planung des Kernkraftwerk Iguape hauptsächlich vom Unternehmen NUCLEN ausgearbeitet. Infolge des Ende von Iguaupe wurde im Gegenzug dafür der Anteil der Arbeitsplanung für Angra 2 und 3 fpr NUCLEN erhöht.[28]

Viel Aufmerksamkeit wurde insbesondere der Auslegung des Kühlwasserrücklaufs geschenkt, da die Wellenströmungen an diesem Teil der Küste sich sich sehr besonders verhalten. Als einfachste Variante sah man den Bau eines normalen 4&nmbnsp;Kilkometer langen Auslaufkanals vor, da das Gelände sehr flach ist, jedoch dann die Wellenströmung blockiert wird, wodurch die Verdünnung des warmen Abwassers und letztendlich die Wärmesenke nicht effizient und umweltfreundlich genug für die Küstenlebewesen verwirklicht wird. Als andere Möglichkeit sah man den Bau eines unterirdischen Tunnels, durch den die warmen Abwässer 2 Kilometer weiter ins Meer geleitet werden. Es handelt sich dabei um die effizienteste, aber auch teuerste Variante, die jedoch die Möglichkeit beitet flexibler die Blöcke-1 und 2 zu positionieren, sodass ein dritter und vierter Block platz haben könnten. Als dritte Möglichkeit sah man die Installation eines 2 Kilometer langen und 400 Meter vor der Küste befindlichen Multiporendiffusor vor, über deren viele Öffnungen die warmen Abwasser weit verteilt an der Küste abgelassen wird. Die Kosten für dieses System wären im mittleren Bereich.[27]

Einzelnachweise

  1. James Everett Katz, u.a.: Nuclear power in developing countries: an analysis of decision making, LexingtonBooks, 1982. ISBN 0669047007. Seite 104.
  2. a b Jim Falk: Global Fission: The Battle Over Nuclear Power, Oxford University Press, Incorporated, 1982. ISBN 0195543157. Seite 219.
  3. Ecology Abstracts, Band 11,Ausgaben 1-4, Information Retrieval Limited, Unesco. Programme on Man and the Biosphere. Seite 20.
  4. a b Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 26. Handelsblatt GmbH, April 1981. Seite 226.
  5. Sam Stuart: Uranium and Nuclear Energy: 1982: Proceedings of the Seventh International Symposium Held by the Uranium Institute, London, 1 — 3 September, 1982, Butterworth-Heinemann, 2013. ISBN 1483163377. Seite 134.
  6. a b c Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 27. Handelsblatt GmbH, April 1982. Seite 186.
  7. a b c Economist Intelligence Unit (Great Britain): Quarterly Energy Review: Latin America & the Caribbean, Economist Intelligence Unit Limited, 1982. Seite 29.
  8. United States. Joint Publications Research Service: Latin America Report, Ausgabe 2748, [Executive Office of the President], Federal Broadcast Information Service, Joint Publications Research Service, 1983. Seite 6.
  9. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 27. Handelsblatt GmbH, November 1982. Seite 550.
  10. a b c d Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 28. Handelsblatt GmbH, Februar 1983. Seite 54.
  11. IAEA: O papel do PRONUCLEAR (1976 -1986) na formacao de recursos humanos para a area nuclear no Brasil: historia da ciencia, 2006. Seite 73. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  12. Klaus-Henning Arfert: Im Sog der Schulden, ZEIT, 05.08.1982. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  13. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 28. Handelsblatt GmbH, März 1983. Seite 121.
  14. Latin American Monitor: Mexico & Brazil. 1, Bände 1-4, Latin American Monitor Limited, 1984. Seite 10.
  15. Institute for Defence Studies and Analyses: News Review on Science and Technology, 1983. Seite 104.
  16. Financial Times Business Information Ltd: Energy Economist, Ausgaben 18-38, Financial Times Business Information Limited, 1983. Seite 28.
  17. a b Special reports, Latin American Newsletters Limited, 1985. Seite 17.
  18. IAEA: A insercao da energia nuclear no sistema eletrico brasileiro - Aspectos institucionais e juridicos, 1983. Seite 34. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  19. IAEA: Destaques - 1981, 1982. Seite 34. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  20. British Broadcasting Corporation. Monitoring Service: Summary of World Broadcasts: Non-Arab Africa, Ausgaben 7837-7863, 1985.
  21. United States. Foreign Broadcast Information Service: Daily Report: Latin America, Band 85,Ausgaben 231-240, Foreign Broadcast Information Service, 1985. Seite 45.
  22. Nuclear Engineering International, Band 31, Heywood-Temple Industrial Publications Limited, 1986. Seite 121.
  23. Institute for Defence Studies and Analyses: Strategic Digest, Band 16,Ausgaben 4-6, Institute for Defence Studies and Analyses., 1986. Seite 646.
  24. DER SPIEGEL: „Die zehn Jahre sind für uns völlig verloren“, 15.07.1985. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  25. Financial Times Business Information Ltd: Energy Economist, Ausgaben 51-62, Financial Times Business Information Limited, 1986. Seite 51.
  26. USOS DAS TERRAS E ÁGUASf HÁBITOS E DIETAS ALIMENTARES NAS REGIÕES CIR-CUNVIZINHAS AOS LOCAIS CANDIDATOS A INSTALAÇÃO DAS CENTRAIS NUCLEARES 4 e 5, 08.03.1982. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  27. a b Moreira, R.M.: Analysis of discharge designs and required distance from outfall to intake for the Iguape Nuclear Power Station, Units 1 and 2, Januar 1983. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  28. a b IAEA: nuclear power performance and safety, 28.09.1987. Seite 305, 307. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  29. IAEA: Centrais nucleares de potencia, 1985. Seite 50. Abgerufen am 26.09.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  30. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 28. Handelsblatt GmbH, November 1983. Seite 575.

Siehe auch

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