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Kernkraftwerk Plogoff

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Kernkraftwerk Plogoff
Standort
Land Flag of France.svg Frankreich
Region Bretagne
Ort Plogoff
Koordinaten 48° 2′ 12″ N, 4° 39′ 58″ WTerra globe icon light.png 48° 2′ 12″ N, 4° 39′ 58″ W
Reaktordaten
Eigentümer Électricité de France
Betreiber Électricité de France
Pläne storniert 4 (5200 MW)
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Plogoff (französisch Centrale nucléaire de Plogoff) sollte nahe der Ortschaft Plogoff, südlich der Stadt Brest in der Region Bretagne entstehen. Die Planungen für die Anlage wurden nach einen Regierungswechsel aufgegeben, nachdem es im Voraus bereits große Proteste von Anwohnern und Gemeinden gab.

Geschichte

Nachdem im im Oktober 1973 zur ersten Ölkrise in der Geschichte kam und man auf alternativen umsteigen wollte, initiierte am 5. März 1974 ein neues Ausbauprogramm, in dem 13 Reaktorblöcke in sechs Jahren entstehen sollten, sowie der Bau von 200 weiteren Reaktorblöcken bis zum Jahr 2000.[1] Im Rahmen dieses Programms wurde auf Basis einer Absprache mit dem Départementrat von Finistère und Morbihan, sowie dem französischen Wirtschafts-, Sozial- und Umweltrates generell eine Einigung getroffen auf einer 1,67 Quadratkilometer großen Fläche ein Kernkraftwerk in der Bretagne zu errichten mit vier jeweils 1300 MW starken Reaktorblöcken.[2] Hierzu kamen mehrere Standorte in Betracht: Erdeven im Département Morbihan, Tréguennec in der Bucht von Douarnenez im Département Finistère, Plogoff und Ploumoguer im Département Finistère, sowie Guimaëc in der Nähe von Lannion im Département Finistère.[3]

Bereits im Januar 1975 formierte sich auf der Halbinsel Cap Sizun nahe Plogoff erste Gegnerschaften gegen eine Industrialisierung der Bretagne, nicht direkt gegen ein Kernkraftwerksprojekt, die allerdings 5000 Besucher zu einem Festival auf der Halbinsel Cap Sizun am 13. Juli 1975 anzogen und die Bewahrung der Halbinsel in der jetzigen Form forderten und zudem gegen ein Reaktorprojekt waren. Ähnlicher Widerstand etablierte sich in Erdeven, was zu Differenzen zwischen den Aktivisten, den Anwohnern die mehrheitlich sich nicht in die Demonstrationen einmischten, sowie der Électricité de France führten. Die Folge war, dass sich Électricité de France vornehmlich auf den Standort Ploumoguer konzentrierte, der allerdings aufgrund der Nähe zur Stadt Brest wenig vielversprechend für die Genehmigung der Anlage zeigte. Zudem gab es hier aktiven Widerstand der Anwohner, da mindestens zwei Ortschaften dem Kraftwerk hätten weichen müssen. Im örtlichen Jargon sprach man für einen „Tod der Dörfer für Frankreich“. Dieser Widerstand und die Reaktion der Anwohner stieß auf Verständnis bei Électricité de France, weshalb man trotz des Widerstands der Graswurzelbewegungen auf der Halbinsel Cap Sizun wieder den Standort Plogoff in Augenschein nahm.[4] Dies war auch darauf zurückzuführen, dass die im Juni 1976 gezeigten Untersuchungen an den potentiellen Standorten mehrere Vorteile für den Standort Plogoff ergaben,[5] darunter eine vorteilhaftere Hydrologie des Standortes am Pointe du Raz und die bessere Verteilung der warmen Abwässer in den offenen Ozean, sodass Effekte auf die Umwelt durch die warmen Abwässer geringer wären.[4]

Die im Juni 1976 begonnenen Erkundungsarbeiten führten allerdings zu Widerstand bei der Gegnerschaft, weshalb die Gegnerschaft, zu der auch die Bürgermeisterin Jean-Marie Kerloch aus Plogoff zählte, die Zufahrtsstraßen nach Plogoff blockierten.[4] Die Proteste waren allerdings wenig friedlich, da auch Eigentum der Électricité de France zerstört wurde, sowie der potentielle Standort besetzt wurde.[6] Da Électricité de France nicht in der Lage war den Standort ausreichend zu erkunden durch die Proteste, wies der Staatskonzern daher auch die Forderung zurück, den Standort aufzugeben.[4] Zwar wurde versucht durch schärfere Bedingungen durch die Groupement foncier agricole die Enteignung der Grundstücke zu erschweren,[5] allerdings entschied im September 1978 der Wirtschafts- und Sozialausschuss des Regionalrats der Bretagne den Standort Plogoff für den Bau des Kernkraftwerks aus, das zunächst mit nur zwei 1300 MW-Blöcken ausgestattet werden sollte.[7] Gegen diese Entscheidung demonstrierten am 17. Sepotember 1978 rund 5000 Personen in Plogoff, am 23. September 1978 weitere 10.000 Menschen in der Stadt Brest. In der Gegnerschaft sprach man sich insbesondere für die Durchführung einer Volksabstimmung aus, alternativ die Verhinderung des Verkaufs der Ländereien an die Électricité de France. Am 25. September 1978 stimmte der Regionalrat der Bretagne in einer Abstimmung mit 44 Stimmen für den Bau des Kernkraftwerks, 21 Stimmen dagegen und 5 Enthaltungen.[8] Am 29. November 1978 stimmte auch der Départementrat von Finistère mit 28 Stimmen für und 17 Stimmen gegen das Projekt aus.[5]

Die Erörterung für den Bau des Kernkraftwerks wurden zwischen dem 31. Januar bis zum 14. März 1980 durchgeführt. Während der Erörterung kam es zu Eskalationen mit Projektgegnern. Insbesondere am 16. Februar 1980 kam es zu einen Zusammenstoß von 700 Gegnern mit Polizisten, bei dem die Gegner die Polizisten mit Sprengsätzen angriffen und die Polizei in der Folge Tränengas einsetzte.[9] Aufgrund der Verhältnisse sprachen sich 85 Wissenschaftler gegen eine Annulierung der Erörterung aus. Ein nicht geringer Teil der Demonstranten wurde durch die Polizei verhaftet und am Gericht in Quimoer zu niedrigen Strafen verurteilt, alle auf Bewährung. Während der Erörterungen wurden an den fünf Auslagestellen der Dokumentations insgesamt 514 Besucher empfangen, die an der Einsicht interessiert waren. 105 Personen reichten Einwendungen gegen das Kernkraftwerk ein.[10] Am 2. Dezember 1980 wurde durch die Veröffentlichung des Journal Officiel die Gemeinnützigkeit im öffentlichen Interesse (französisch kurz DUP) des Kernkraftwerks Plogoff für die Électricité de France anerkannt und damit das Kernkraftwerksprojekt bestätigt. Die Électricité de France plante mit den Vorarbeiten in der zweiten Jahreshälfte 1981 zu beginnen und den Bau es ersten Blocks 1983 zu starten. Allerdings stellte die Électricité de France klar, dass man sich zuvor noch einmal mit den Anwohnern von Plogoff verständigen wolle.[11]

Électricité de France beabsichtigte zudem 50&%nbsp;% der Erdarbeiten und 30 % der Bauarbeiten an regionale Unternehmen zu vergeben, was in etwa 15 bis 20 % des Gesamtauftragsvolumen entspräche. Für französische Verhältnisse lag dieser Anteil zuvor bei maximal 5 bis 6 %. Zudem kam man der Bevölkerung entgegen, die sich durch die Anlage hätten belästigt gefühlt. Unter anderem plante man die Gebäude des Kernkraftwerks niedriger zu designen um den Blickeinfluss auf die Umgebung zu mindern, sowie den Bau eines Kraftwerkshafen für die Anlieferung der Großkomponenten aufzugeben. Unterstützung für das projekt erhielt Électricité de France nunmehr auch von der Industrie- und Handelskammer von Quimper, die sich für den Bau des Kernkraftwerks aussprachen. Als direkte Reaktion auf die gesamte Genehmigung der Anlagen besetzten allerdings 500 Gegner rund acht Stunden das Forschungs- und Entwicklungszentrum Clamart der Électricité de France. Bei der Besetzung handelte es sich allerdings um eine Verwechslung, da das eigentliche Ziel das für die Planung zuständige Regionalbüro war, das nahe dem Forschungszentrum seinen Sitz hat. Im Januar 1981 wurde zudem ein Sprengstoffanlschlag auf eine Arbeiterunterkunft der Électricité de France in Pont Croix von Projektgegnern verübt. Am 18. Januar folgte eine Besetzung des Électricité de France-Büros in Audierne.[12]

Projektende

Mit dem Präsidentschaftswahlkampf 1981 war auch Plogoff ein Thema, das seitens der sozialistischen Partei vom Kandidaten François Mitterrand aufgegriffen wurde. Er sprach sich am 9. April 1981 gegen den Bau des Kernkraftwerks aus, als er bei einem Treffen in der Stadt Brest war. Nach seiner Aussage taucht ein Kernkraftwerk in Plogoff in seinen Nuklearplänen nicht mehr auf. Am 10. Mai 1981 wurde Mitterrand zum Präsidenten gewählt und rief Pierre Mauroy zum Premierminister aus. Dieser gab am 3. Juni 1981 mit einem von Mitterand herausgegebenen Kommuniqué bekannt, dass die Pläne für den Bau des Kernkraftwerks Plogoff und des Ausbaus des Militärlagers Larzac per Dekret beendet wurden. Eine entsprechende Mitteilung wurde an den Ministerrat weitergeleitet.[13][14] Per Erlass wurde am 1. Dezember 1981 die Gemeinnützigkeit im öffentlichen Interesse dem Projekt aberkannt worden. Mitterrand erklärte in der Folge eindeutig, dass der Standort für das Kernkraftwerk damit aufgegeben wurde.[15][16]

Einzelnachweise

  1. Jean-Yves Cléach, u.a.: La France, Bréal, 2000. ISBN 2842915380. Seite 121.
  2. Yannick Pelletier: Histoire générale de la Bretagne et des Bretons, Band 1, Nouvelle librairie de France, 1990. Seite 550.
  3. Paul Houée, u.a.: Régionalisation à l'essai: politiques de l'Établissement public régionale de Bretagne (1974-1983), Institut national de la recherche agronomique, Station d'économie et de sociologie rurales, 1984. Seite 106.
  4. a b c d Stephen Milder: Greening Democracy: The Anti-Nuclear Movement and Political Environmentalism in West Germany and Beyond, 1968–1983, Cambridge University Press, 2017. ISBN 1108228690. Seite 145, 146.
  5. a b c René Pichavant: Les pierres de la liberté: Plogoff, 1975-1980 : chronique, Morgane, 1980. Seite 17, 44, 209.
  6. Marco Armiero, u.a.: A History of Environmentalism: Local Struggles, Global Histories, A&C Black, 2014. ISBN 1441170510. Seite 191.
  7. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 23. Handelsblatt GmbH, Oktober 1978. Seite 428.
  8. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 23. Handelsblatt GmbH, November 1978. Seite 459.
  9. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 25. Handelsblatt GmbH, März 1980. Seite 107.
  10. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 25. Handelsblatt GmbH, Mai 1980. Seite 223.
  11. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 26. Handelsblatt GmbH, Januar 1981. Seite 2, 3.
  12. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 26. Handelsblatt GmbH, Februar 1981. Seite 51.
  13. Tudi Kernalegenn: Luttes écologistes dans le Finistère: les chemins bretons de l'écologie (1967-1981), Yoran Embanner, 2006. Seite 173
  14. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 26. Handelsblatt GmbH, Juli 1981. Seite 395.
  15. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 27. Handelsblatt GmbH, Februar 1982. Seite 59.
  16. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 27. Handelsblatt GmbH, Juni 1982. Seite 333.

Siehe auch

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