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Kernkraftwerk Verbois

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Kernkraftwerk Verbois
Der Standort 2016, die Freifläche in der Bildmitte und rechts war für das Kernkraftwerk vorgesehen
Der Standort 2016, die Freifläche in der Bildmitte und rechts war für das Kernkraftwerk vorgesehen
Standort
Land Civil Ensign of Switzerland.svg Schweiz
Kanton Genf
Ort Russin
Koordinaten 46° 11′ 20″ N, 6° 1′ 28″ OTerra globe icon light.png 46° 11′ 20″ N, 6° 1′ 28″ O
Reaktordaten
Eigentümer L'Energie l'Ouest Suisse
Betreiber L'Energie l'Ouest Suisse
Pläne storniert 1 (1100 MW)
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Verbois sollte im schweizer Kanton Genf in der Gemeinde Russin entstehen. Obwohl eine Standortgenehmigung erteilt wurde und der Standort erkundet wurde, kam es nie zur Wahl eines Lieferanten für die Anlage und nie zu einem Rahmenbewilligungsverfahren. Aufgrund der generellen Kernenergiesituation in der Schweiz Ende der 1980er wurde das Projekt seit 1992 nicht weiter verfolgt.

Geschichte

Am 15. September 1965 kündigten die industriellen Betriebe der Stadt Genf erstmals an eine Projektstudie für ein Kernkraftwerk mit einer Leistung von 300 MW auszuarbeiten. Grundlage für diese Entscheidung war die Überzeugung, dass die Kernenergie bereits konkurrenzfähig genug war um mit konventionellen Kraftwerken konkurrieren zu können. Als Standort wurde Verbois an der Rhône gewählt, der zirka 10 Kilometer von der Stadt Genf entfernt liegt. Der Auftrag für solch eine Anlage sollte international ausgeschrieben werden und man erwartete eine theoretische Betriebsbereitschaft im Jahr 1972 oder 1973. Für den Bau der Anlage strebte man eine Kooperation mit anderen Energieversorgern an.[1] Zum 25. Firmenjubiläum der L'Energie l'Ouest Suisse (kurz EOS) kündigte der Energieversorger an das Kernkraftwerk bei Verbois errichten zu wollen. Entgegen der ursprünglichen Zeitschiene plante man allerdings frühstens 1975 oder 1976 mit der Inbetriebnahme, parallel zum Bau eines weiteren Kernkraftwerks im Kanton Waadt bei Corcelettes.[2] In den ersten Planungen ab 1970 wurde der Zeitplan bis 1980 weiter geschoben, da man ein Baubeginn der Anlage frühstens 1972 oder 1973 erwartete. Für die Bewertung des Standorts Verbois und der Wahl eines Reaktormodells mit um die 900 MW Leistung, die nach einer Studie der Société Générale pour l'Industrie (kurz SGI) die maximale Leistungsgröße am Standort darstelle unter den neuen Bestimmungen der Bundesregierung für die zulässige Erwärmung der Flüsse, wurde ein Teil des technischen Personals aus dem Kernkraftwerk Lucens angeworben.[3] Am 23. Dezember 1970[4] beantragte die EOS beim Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement die Standortgenehmigung,[5] die am 11. Oktober 1972[4] seitens des Departement positive Zustimmung erhielt, allerdings vorerst keine Bewilligung ausstellte, da noch die Zustimmung des Kantons fehlte.[6] Auch die Standortuntersuchungen wurden zu diesem Zeitpunkt noch nicht voll durchgeführt.[7]

Am 13. Februar 1974[8] gab der Kanton Genf seine generelle Zustimmung zum Standort Verbois, allerdings unter speziellen Auflagen wie Landschaftsschutz, der Kühlwasserrückführung in die Rhône und der Energielieferung für ein Fernwärmenetz. Zusätzlich wurde die Auflage erteilt keinen Kühlturm für die Anlage zu errichten. Seitens der EOS wurde mit dem Projekt fortgefahren und die Ingenieurberatungsunternehmen Bonnard & Gardel, Electro-Watt, Motor-Columbus, Société Générale pour l'Industrie und Suiselectra zu der Arbeitsgemeinschaft Groupement d'Ingénieurs-Conseils (kurz GIC) zusammengefasst, die die Spezifikationen für die Ausschreibungsphase ausarbeiten sollten.[9] Auf dieser Basis wurde nunmehr mit einen 1000 MW-Block gerechnet, der bis 1981 in Betrieb gehen soll. Als Reaktormodelle evaluierte man den Einsatz eines Leichtwasserreaktors oder eines gasgekühlten Hochtemperaturreaktor.[4] Am 7. Mai 1974[8] genehmigte das Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement den Standort Verbois.[10] Dies führte am 5. Juni 1974 zu einer Verwaltungsbeschwerde beim Bundesrat seitens des Staatsrats des Kantons, da das Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement nicht die Bedingungen des Kantons, die an die EOS gestellt wurden, in der Genehmigung berücksichtigte und forderten eine entsprechende Modifizierung der Genehmigung, in der die Bedingungen ausdrücklich enthalten sind.[8]

Im September 1974 forderte die EOS von acht Reaktorlieferanten die Abgabe entsprechender Angebote für die Lieferung des nuklearen Anlagenteils, sowie von fünf Firmen entsprechende Angebote für den konventionellen Anlagenteil.[8] Besonders hervorgehoben wurde das Angebot des US-Unternehmen General Atomic für einen Hochtemperaturreaktor mit einer Leistung von 1150 MW, der auch in Deutschland für die VEW am Standort Hamm und für das Großkraftwerk Mannheim für den Standort Kirschgartshausen angeboten wurde.[11] Die Beschwerde seitens des Kantons Genf wegen den fehlenden Bedingungen ihrerseits in der Standortgenehmigung wurde durch den Bundesrat am 19. Januar 1976 abgelehnt, da solche Bedingungen entweder direkt mit dem Betreiber ausgehandelt werden müssen oder im Bewilligungsverfahren vorgebracht werden müssen. Zusätzliche Beschwerden, die durch 25 Anwohner und anderen Organisationen eingingen, wurden teilweise abgewiesen weil sie unzulässig waren oder wissenschaftlich nicht begründet waren. Da keine direkte Beschwerdelegitimation vorlag, wies der Bundesrat weitere Beschwerden gegen die Standortgenehmigung ab.[12][13]

Zwischen 1975 und 1976 wertete die EOS die Angebote für das Kernkraftwerk aus und begann mit der Ausarbeitung mehrerer Projektstudien. Zusätzlich wurden Vorbereitungen für die Standorterkundung direkt am Standort eingeleitet. Im März 1977 wurde seitens des Kantons Genf eine Resolution erlassen, die den Bau von Kernkraftwerken für vier Jahre ausschließe. Grund war eine Revision des eidgenössischen Atomgesetztes. Seitens des Kantons Genf wurde gegen den Standortbescheid aufgrund der Entscheidung des Bundesrats von 1976 eine Klage beim Bundesgericht eingereicht, das am 23. März 1977 zugunsten des Kantons Genf entschied. Da Verbois als landwirtschaftliche Fläche eingetragen war, musste vor dem Standortbescheid eine entsprechende Umzonung zu einem Industriegebiet erfolgen, was allerdings die Änderung eines Gesetztes seitens des Kantons erforderte, oder aber eine Änderung durch den großen Rat, alternativ die Austragung eines Referendums.[14] Am 24. August 1977 wurde mit der Revision des Atomgesetzes das Rahmenbewilligungsverfahren eingeführt, das für Verbois nun entsprechend nachgeholt werden musste.[15]

Bis 1978 konnte die Standorterkundung abgeschlossen werden.[16] Bis April 1979 wurde auch die Untersuchungen für die Kühlwasserrückführung in die Rhône abgeschlossen. Hierfür wurden am Ecole Polytechnique Fédérale in Lausanne Modellversuche vorgenommen. Zusätzlich wurde eine Projektstudie abgeschlossen für die Auskopplung von Fernwärme aus dem Kernkraftwerk für die Stadt Genf.[17] Im März 1984 erläuterte die EOS nocheinmal, dass der Bau des Kernkraftwerks Verbois notwendig sei, da in der Westschweiz ein Bedarf bestehe und im Winter 1983/84 rund 30 % des Bedarfs aus dem Ausland oder der Deutsch-Schweiz importiert werden musste. Das Kernkraftwerk Verbois lag als Projekt zu diesem Zeitpunkt allerdings wegen der Kernenergiesituation auf Eis, weshalb das Rahmenbewilligungsverfahren nicht eingeleitet wurde.[18] Zu dieser zeit hielt die EOS lediglich die bereits erarbeiteten technischen Unterlagen auf einen aktuellen Stand.[19] In einer Volksabstimmung in Genf 1986, die von den Linken initiiert wurde, beteiligten sich 32,6 % der Wahlberechtigten, bei denen 37.095 Stimmen auf die Unterstützung der Initiative zur Blockierung des Projekts eines Kernkraftwerks in Verbois entfielen, 25.074 Stimmen gingen gegen die Initiative. Zwar hat das Referendum keinerlei Bedeutung für alle zuständigen eidgenössischen Instanzen, die für die Genehmigung der Anlage notwendig sind, stellt allerdings den Kanton Genf vor einen Problem, von dem die Initaitive den staatlichen Eingriff in den Energiebereich forerte.[20] Im Jahr 1992 fiel die Entscheidung das Projekt nicht mehr zu verfolgen.[21]

Technik

Für das Kernkraftwerk Verbois wurde nie förmlich ein Reaktordesign gewählt, am vielversprechendsten sah man aber den Bau eines Hochtemperaturreaktors der Firma General Atomics an, der in Vertretung für Europa seitens Frankreich angeboten wurde und für Verbois angepasst wurde. Der Reaktor sollte eine thermische Leistung von 3000 MW erreichen mit einer Leistungsdichte von 8,4 Watt pro Kubikzentimeter im Kern. Bei einer Verbleibzeit des Kernbrennstoffs von 4 Jahren sollte ein Abbrand von knapp 97.000 Megawatttagen pro Tonne Uran erreicht werden. Bei einer maximalen Kernbrennstofftemperatur von 1350 °C sollte eine Austrittstemperatur aus dem Reaktor von 750 °C für das Heliumgas erreicht werden.[22] Der Block sollte im Resultat eine Nettoleistung um 1100 MW erreichen.[23] Auf Basis des für Verbois projektierten Reaktordesigns des General Atomics Hochtemperaturreaktors wurde eine neue Version des Reaktors mit der Bezeichnung RHTF2 entworden. Die Dimensionen des Designs sind kompakter bei den gleichen wirtschaftlichen Indikatoren.[22]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Verbois sollte aus einen Block bestehen, dessen Planungen storniert wurde.

Reaktorblock Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Verbois[23] HTGR 1100 MW Planungen storniert

Einzelnachweise

  1. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 10. Handelsblatt GmbH, November 1965. Seite 540.
  2. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 14. Handelsblatt GmbH, Mai 1969. Seite 223.
  3. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 15. Handelsblatt GmbH, August 1970. Seite 356.
  4. a b c Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 19. Handelsblatt GmbH, Mai 1974. Seite 254
  5. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 16. Handelsblatt GmbH, Februar 1971. Seite 55.
  6. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 17. Handelsblatt GmbH, November 1972. Seite 537.
  7. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 18. Handelsblatt GmbH, März 1973. Seite 139.
  8. a b c d Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 20'. Handelsblatt GmbH, April 1975. Seite 204.
  9. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 19. Handelsblatt GmbH, April 1974. Seite 155
  10. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 19. Handelsblatt GmbH, Juni 1974. Seite 263.
  11. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 20'. Handelsblatt GmbH, Oktober 1975. Seite 485, 486.
  12. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 21'. Handelsblatt GmbH, März 1976. Seite 99.
  13. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 21'. Handelsblatt GmbH, April 1976. Seite 189.
  14. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 22'. Handelsblatt GmbH, Juni 1977. Seite 320.
  15. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 22'. Handelsblatt GmbH, Oktober 1977. Seite 506.
  16. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 23'. Handelsblatt GmbH, Mai 1978. Seite 243.
  17. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 25'. Handelsblatt GmbH, Juni 1980. Seite 332.
  18. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 29'. Handelsblatt GmbH, Mai 1984. Seite 215.
  19. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 29'. Handelsblatt GmbH, Juni 1984. Seite 323.
  20. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 29'. Handelsblatt GmbH, Januar 1987. Seite 4.
  21. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 37'. Handelsblatt GmbH, Juni 1992. Seite 299.
  22. a b Pepin, u.a.: Possibility of in-service inspection and accessibility into a HTR core cavity, 27.11.1978. Abgerufen am 23.10.2019. (Archivierte Version bei Internet Archive)
  23. a b Power Reactor Information System der IAEA: „Nuclear Power Reactor Details - BNPP-1“ (englisch) (Archivierte Version bei Internet Archive)

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk