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Kernkraftwerk Ågesta

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Kernkraftwerk Ågesta
Eingang zur Kaverne
Eingang zur Kaverne
Standort
Land Flag of Sweden.svg Schweden
Provinz Södermanland
Ort Ågesta
Koordinaten 59° 12′ 21″ N, 18° 4′ 55″ OTerra globe icon light.png 59° 12′ 21″ N, 18° 4′ 55″ O
Reaktordaten
Eigentümer Barsebäck Kraft AB
Betreiber Barsebäck Kraft AB
Betriebsaufnahme 1964
Stilllegung 1974
Stillgelegt 1 (12 MW)
Einspeisung
Eingespeiste Energie seit 1964 397,6 GWh
Stand der Daten 10. Januar 2011
Zusatzfunktion Fernwärme
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Ågesta (schwedisch Ågestaverket) war das erste Kernkraftwerk in Schweden und steht nahe dem Ort Ågesta, 12 Kilometer südlich der Hauptstadt Stockholm. Die Anlage, die neben Fernwärme für die Hauptstadt auch Plutonium erzeugen sollte, ist unterirdisch in einer Kaverne errichtet worden.

Geschichte

Im Jahr 1955 begann Schweden damit neben dem militärischen Zweck die Kernenergie auch für zivile Zwecke zu nutzen, hauptsächlich für Leistungsreaktoren. Im Rahmen dessen wurde ein erstes Kernkraftwerk geplant, das auf Basis der eigenen Forschungsreaktoren R1 in Stockholm und R2 in Studsvik geplant wurde.[1] Allerdings war die Verbindung zum militärischen Sektor weiterhin aufrecht gehalten worden, weshalb die Firma AB Atomenergi einen Schwerwasserreaktor entwarf, der physikalisch zur Erzeugung von Plutonium taugen würde.[2] Anfangs gab es den Entwurf für zwei verschiedene Reaktoren: „R3“ für die Erzeugung von Elektrizität und Fernwärme für Stockholm und „Adam“ für die ausschließliche Erzeugung von Fernwärme für die Stadt Västerås im Zentrum Schwedens. Später gab es Modifikationen, die nur noch einen Reaktor mit der Projektbezeichnung „R3/Adam“ vorsahen, eine Kombination aus beiden Reaktoren die in Ågesta bei Stockholm entstehen sollte. Die erzeugte Fernwärme sollte in das Fernwärmenetz im Stadtteil Farsta eingespeist werden, das neu errichtet wurde.[3] Grund für die Verschmelzung zu einen Reaktor war, dass zu viele einzelne Reaktoren zu hohe Kosten verursacht hätten, da eine volle Auslastung nur einmal im Winter für eine kurze Zeit entstehen würde, was zu einen unwirtschaftlichen Betrieb führen würde.[4] In Stockholm wurden von dem Reaktor etwa 12000 Wohneinheiten mit Wärme versorgt.[5]

Bau

Mit den Bauarbeiten am Kernkraftwerk begann man am ersten Dezember 1957.[6] Eine Besonderheit an der Anlage ist, was nicht bei vielen Kernkraftwerken in Europa der Fall ist, dass sie in einer Kaverne unterirdisch errichtet wurde.[3] Der Hauptvertragspartner war ASEA, verantwortlich für Planung und Bau war die Firma AB Atomenergi und die verbleibenden Arbeiten, unter anderem die Turbinen und den Anschluss an das Fernwärmenetz, übernahm das staatliche Energiekomitee. Man erwartete bereits vor der Inbetriebnahme, dass die Anlage keinen wirtschaftlichen Nutzen haben werde. Man wollte lediglich Erfahrungen für den nächsten Entwicklungsschritt sammeln, den Reaktor R4/Eva in Marviken.[3] Die Inbetriebnahme sollte bis 1961 erfolgen, konnte allerdings aufgrund von Problemen beim Bau der Anlage nicht gehalten werden, weshalb man sie auf 1963 verschob und später noch einmal auf 1964. Probleme machte neben der Technik auch die Kosten für das Projekt, die sich mehr als verdoppelt hatten. Ebenso lag die geplante Produktion von Plutonium hinter dem Zeitplan.[2] Die Zeitüberschreitungen waren hauptsächlich auf Planungsänderungen zurückzuführen. So versuchte man durch Konstruktionsänderungen die Anlage wirtschaftlicher zu machen, sowie auf Wunsch des Militärs eine Reaktorbe- und Entlademaschine zu installieren, um während des Betriebs den Brennstoff tauschen zu können.[7]

Betrieb

Schaltwarte des Reaktors im Jahr 1966
Reaktorhalle der Anlage

Am 17. Juli 1963 wurde der Reaktor erstmals kritisch gefahren und speiste ab dem ersten Mai 1964 erstmals Elektrizität aus.[6] Im Rahmen des L-Programms zur Erzeugung von waffenfähigen Plutonium wurde ab der Inbetriebnahme der Reaktor in Ågesta dafür verwendet. Die Produktion lag bei rund 20 bis 25 Kilogramm im Jahr.[2] Allerdings war der Reaktor nicht vorrangig für die schnelle Erzeugung von Plutonium ausgelegt, da dafür die entsprechende Ausstattung fehlte, weshalb es eine zeitraubende Angelegenheit und vergleichsweise teuer war.[8] Auch ein Betrieb mit Natururan war möglich, was jedoch nicht ausgenutzt wurde.[7] Bereits 1965 hatte Schweden genug Brennstoff aus Ågesta sowie Aufbereitungsmöglichkeiten geschaffen, um eine atomare Bombe der Nagasaki-Klasse zu bauen. Jedoch wurde dieses Programm nahezu unermesslich teuer, weshalb sich vermehrt die Meinung bildete, dass konventionelle Waffen wesentlich billiger und effektiver einzusetzen wären. Mitte der 1960er entschied man sich gegen eine weitere Entwicklung von Kernwaffen, was im Februar 1968 vom schwedischen Parlament bestätigt wurde.[2]

Im Jahr 1969 gab es einen eiligen Transfer von bestrahlten Brennelementen aus Ågesta zur Wiederaufbereitungsanlage Mol. Das Plutonium, insgesamt 20,3 Kilogramm, sollten für den Verkauf an die Bundesrepublik Deutschland bestimmt sein. Allerdings gab es einige Unstimmigkeiten im Vertrag. In den Importlisten des Bundesinnenministerium tauchte keine Lieferung von Plutonium im Zeitraum von 1968 bis 1972 auf. Eine weitere Umstimmigkeit war, dass normalerweise nur Plutonium aus angloamerikanischer Herkunft in die Bundesrepublik eingeführt wurde. Der Verbleib des Plutoniums ist nicht bekannt.[7] Die Entscheidung gegen eine weitere Verfolgung des Kernwaffenprogramms hatte allerdings Folgen für die Anlagen in Marviken und Ågesta, da diese nicht mehr für militärische Zwecke benötigt wurden.[2] Der Reaktor in Ågesta wurde noch umgerüstet, sodass fortan leicht angereichertes Uran genutzt werden konnte, welches von amerikanischen Unternehmen bezogen wurde.[7] Der Bau in Marviken wurde storniert und Ågesta ging aus ökonomischen, technischen und politischen Gründen, sowie der neuen Forcierung der amerikanischen Leichtwasserreaktorlinien,[2] am 2. Juni 1974 nach einem zehnjährigen Betrieb vom Netz.[6]

Stilllegung

Nach der Abschaltung 1974 wurde der Brennstoff aus dem Reaktor entfernt. Die Anlage wurde jedoch nicht ganz eingemottet, sondern befand sich in einem Überwachungszustand.[9] Trotz der Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags im Jahre 1968 hielt Schweden bis 1986 vor der IAEA geheim, dass der Reaktor in Ågesta in einem Zustand war, indem er kurzfristig wieder in Betrieb genommen werden konnte.[10] Man vermutete, dass der Reaktor in der Zukunft für die Erzeugung von waffenfähigem Plutonium genutzt werden könnte. Die Überwachung und weitere Instandhaltung der Anlage hat jedoch den Grund, dass eine Gefährdung der Umwelt verhindert werden soll, wie es die schwedische Strategie zum Umgang mit hochradioaktiven Abfällen vorsieht.[11]

Einige Zeit nach der Abschaltung wurde das schwere Wasser aus dem Reaktor entfernt und der Brennstoff nach Clab auf der Halbinsel Simpevarp, dem Standort des Kernkraftwerks Oskarshamn, in ein Zwischenlager gebracht. Zwei Dampferzeuger wurden demontiert und die Anlage in einen Status überführt, der eine erneute Inbetriebnahme unmöglich macht. Langfristig ist der Rückbau der Anlage angedacht. Allerdings bestehen noch keine festen Pläne dafür, es wurde lediglich mit ersten Ausarbeitungen begonnen.[12]

Technische Details

Das Kernkraftwerk Ågesta ist ausgestattet mit einem Druckschwerwasserreaktor der so genannten „schwedischen Linie“ („den svenska linjen“), der einzige aus dieser Baulinie der den Betrieb aufnahm,[8] der eine elektrische Leistung von 10 MW netto und 12 MW brutto erzeugen konnte.[6] Die thermische Leistung lag bei 65 MW, von denen 55 MW für die Fernwärmeauskopplung verwendet wurden und 10 MW für die Elektrizitätserzeugung.[13] Im Jahr 1969 wurde die thermische Leistung auf 80 MW erhöht.[8] Gebaut ist der Reaktor in Druckbehälterbauweise, der aus einem extra angefertigtem Baustahl mit der Bezeichnung Degerfors 2103/R3 besteht, eine modifizierte Version des schwedischen Standardstahls SIS 142103. Dieser Stoff wurde aus Erfahrungen mit Bestrahlungenversuchen gewählt, die im Reaktor R2 stattfanden, bei verschiedenen Betriebstemperaturen und Neutronenflüssen.[14] Die durchschnittliche Temperatur im Reaktor lag bei 220 °C.[13]

Daten des Reaktorblocks

Das Kernkraftwerk ist mit einem Reaktor ausgestattet, der stillgelegt wurde.

Reaktorblock[6] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Ågesta PHWR Adam R3/R4 10 MW 12 MW 01.12.1957 01.05.1964 01.05.1964 02.06.1974

Einzelnachweise

  1. Holger Lundbergh: Sweden's Atomic Energy Program. In: Bulletin of the Atomic Scientists, Band 15, Nr. 5. Mai 1959. ISSN 0096-3402
  2. a b c d e f William J. Long: Economic incentives and bilateral cooperation. University of Michigan Press, 1996. ISBN 047210747X
  3. a b c Power and Heat Reactors in Sweden. In: Power programmes Revies. IAEA Bulletin, Volume 2, Nummer 1, 1960.
  4. Ten Years of Nuclear Power. IAEA Bulletin, Volume 6, Nummer 3, 1964.
  5. George F. Ray: Der Innovationsprozess in westeuropäischen Industrieländern: Innovation in der Energiewirtschaft. In: Band 3 von Der Innovationsprozess in westeuropäischen Industrieländern, George F. Ray; Band 93;Band 98 von Schriftenreihe des IFO-Instituts für Wirtschaftsforschung, Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung (München). Duncker & Humblot, 1979. ISBN 3428044150
  6. a b c d e Power Reactor Information System der IAEA: „Sweden“ (englisch)
  7. a b c d Roland Kollert: Die Politik der latenten Proliferation: militärische Nutzung "friedlicher" Kerntechnik in Westeuropa. DUV, 1994. ISBN 382444156X
  8. a b c Regina Cowen Karp: Security with nuclear weapons?: different perspectives on national security, Band 1. In: SIPRI Monographs. SIPRI Monographs. ISBN 019827839X
  9. Peter R. Mounfield: World nuclear power. Routledge, 1991. ISBN 0415004632
  10. Shai Feldman: Nuclear weapons and arms control in the Middle East. In: CSIA studies in international security. MIT Press, 1997. ISBN 0262561085
  11. Maria Rost Rublee: Nonproliferation norms: why states choose nuclear restraint. In: Studies in security and international affairs. University of Georgia Press, 2009. ISBN 0820330035
  12. Sverige Miljö- och samhällsbyggnadsdepartementet: Sweden's second national report under the Joint Convention on the Safety of Spent Fuel Management and on the Safety of Radioactive Waste Management : Swedish implementation of the obligations of the Joint Convention.. In: Ds : departementsserien. Norstedts Juridik AB, 2005. ISBN 9138224461
  13. a b Symposium on Radiation Effects on Metal and Nuetron Dosimetry. ASTM International.
  14. American Society for Testing and Materials: Effects of radiation on structural metals. In: Band 426 von ASTM special technical publication. American Society for Testing and Materials.

Siehe auch