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Pripjat

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Die Stadt Pripjat (russisch Припять [ anhörenBeschreibungsseite der Audiodatei mit Lizenzangaben], ukrainisch Прип'ять, ukrainische Schreibweise Prypjat) befindet sich im Norden der Ukraine in der Oblast Kiew. Die Stadt entstand zusammen mit dem Kernkraftwerk Tschernobyl als einer der Atomgrads der Sowjetunion im Monogorod-Charakter ab 1970. Bis zum Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 lebten in der Stadt 49360 Menschen.[1] Seit dem 27. April 1986 ist Pripjat eine Geisterstadt. Die letzten Pläne zur Wiederbesiedlung wurden 1988 aufgegeben, nachdem die Dekontaminierungsarbeiten keine Wirkung zeigten. Die Stadt ist heute einer der meistbesuchten Touristenziele in der Ukraine, ist allerdings nicht frei zugänglich, da die Stadt nach wie vor in der Sperrzone liegt, die nach dem Unfall um das Kernkraftwerk Tschernobyl eingerichtet wurde. Die Stadt befindet sich rund 140 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew. Die Distanz zwischen dem Kernkraftwerk und der Stadtmitte beträgt 3,5 Kilometer, zum ersten Stadtgebäude 2,7 Kilometer.[1]

Panoramablick über Pripjat

Geschichte

Am 18. Januar 1967 fiel die Entscheidung nahe der Ortschaft Kopatschi in der Oblast Kiew im Rajon Tschernobyl das erste Kernkraftwerk der Ukraine zu errichten. Der Standort für das nach der Kreisstadt benannte Kernkraftwerk wurde im Februar 1967 seitens des Ministerrates und des Zentralkomitees der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken bewilligt.[2] Die Beschäftigungszahl des Kernkraftwerks sollte bei vollem Ausbau mehr als 10000 Personen betragen, weshalb es nötig war eine Stadt für diese Menschen zu errichten.[3] Als Standort für die Stadt wählte man ein Waldgebiet, in dem sich keine Häuser befanden, am Ufer des Pripjat, zirka 3,5 Kilometer nordöstlich des Kernkraftwerks. Die Freiflächen des Geländes wurden vornehmlich für wirtschaftliche Zwecke genutzt. Der Bereich der Stadt wird begrenzt durch die Siedlung Nowoschepelitschi im Norden, Semichodi im Osten und im Süden durch die Bahnstrecke Owrutsch-Tschernigow und der Ortschaft Janow. Das Gelände war 110 bis 115 Meter über Normalnull gelegen mit einem leichten Gefälle nach Norden. Geprägt war das Gelände durch mehrere kleine Sümpfe und Tümpel. Vorteilhaft war die Lage der Ortschaft, dass gute infrastrukturelle Anbindungen bestanden, darunter die Bahnstrecke und ein Flugplatz bei Janow, sowie der Fluss Pripjat, der die Möglichkeit bot, Passagierschiffe einzusetzen. Ein anderer Vorteil war die Möglichkeit die Stadt in Richtung der Dörfer Nowoschepelitschi und Semichodi zu erweitern.[4] Die erste Baustellenbegehung fand am 27. Juli 1967 seitens Teploelektroprojekt Ural statt.[5]

Am 4. August 1967 wurde die Planung von Pripjat in Auftrag gegeben. Auf dieser Basis wurde am 5. Juni 1968 das Gelände seitens der Oblast Kiew für den Bau ausgewiesen. Die Planung der Stadt erfolgte aus Basis des Ausbaus des Kernkraftwerks in drei Abschnitten, die 1970, 1985 und 1990 komplettiert werden sollten. Diese teile sich wie folgt auf:[4]

  • I. Abschnitt: Aufbau von Wohn- und Kulturkomplexen für die Inbetriebnahme der ersten Baustufe des Kernkraftwerks Tschernobyl. Die Stadt wurde auf dieser Basis für 11.600 Einwohner entworfen mit einer Bebauungsfläche von 80.000 Quadratmetern. Die Kosten für den Bau dieses Teils sollte rund 35 Millionen Rubel kosten.
  • II: Abschnitt: Im Rahmen des Ausbaus des Kernkraftwerks Tschernobyl auf 4000 MW Leistung bis 1985 wurde auf Basis von Berechnungen seitens des Generalprojektanten Gidroprojekt evaluiert, dass 5315 Personen während des Baus benötigt werden würden während der Bauspitze, die zwei Jahre lang andauern sollte. Hierzu wurde ein Berechnungskoeffizient von 1,4 genutzt. Das Betriebspersonal für die zweite Baustufe sollte 1700 Personen umfassen. Als Normwohnfläche wurden 9 Quadratmeter festgelegt und 7 Quadratmeter pro Person gewährt. Von den Bauarbeitern sollten 800 Personen in temporären Baracken untergebracht werden, da man davon ausging, dass 25 % der Arbeiter alleinstehend sind, und daher weniger Wohnraum benötigen, als wenn die Familie mitgekommen wäre. Von den fest errichteten Wohnungen für die Bauarbeiten sollten etwa 10 % der Stadt Pripjat nach Ende der Arbeiten übergeben werden. Insgesamt erwartete man einen Bevölkerungszuwachs auf 17.300 Einwohner mit einem benötigten Wohnraum von 130.000 Quadratmetern. Die Kosten für diesen Bauabschnitt wurden auf 60 Millionen Rubel geschätzt.
  • III. Abschnitt: Im Rahmen des Endausbaus des Kernkraftwerks Tschernobyl auf 6000 MW bis 1990 sah man vor, dass bei gleichbleibender Zahl der Bauarbeiter diese durch die Integration in regionale Unternehmen übernommen werden konnten. Auf dieser Basis würde der Wohnraum nur mit einem Bedarfszubau ergänzt werden, da innerhalb des zweiten Ausbaus von Pripjat genügend Wohnungen zur Verfügung gestanden hätten, um auch das Betriebspersonal aufzunehmen.

Innerhalb des Stadtgebietes von Pripjat befand sich zu diesem Zeitpunkt noch die Siedlung Semichodi. Diese Siedlung sollte ursprünglich relokalisiert werden und fortentwickelt werden um die Fläche für den Park frei zu räumen.[4] Darauf verzichtete man später und riss das Dorf ab. Die Einwohner wurden nach Pripjat eingebürgert. Ähnlich wurde auch mit dem Ort Podlesnij verfahren, der in der 3 Kilometer großen sanitären Zone des Kernkraftwerks lag, am späteren Frachthafen.

Bau

Funktion eines artesischen Brunnens

Am 4. Februar 1970 wurde mit dem Bau des ersten Gebäudes der Stadt begonnen. Das Datum spiegelt damit den Gründungstag von Pripjat wieder.[6] Die Stadt selbst wurde seitens des staatlichen Planungskomitees der Sowjetunion erst am 31. März 1970 genehmigt. Die Entwürfe für die Gebäude sind fast durchgehend Serienhäuser. Außnahmen bilden lediglich die Gebäude am Zentralplatz, darunter das Kulturhaus „Energetik“, das Einkaufszentrum, die Stadtverwaltung und die Parteizentrale.[4] Die ersten Gebäude der Stadt entstanden im ersten Mikrorajon, darunter die ersten vier Gebäude des Wohnheims, in dem die Arbeitskräfte für den Bau der Stadt und des Kernkraftwerks untergebracht wurden, sowie die Wohngebäude 3 und 5 in der Straße der Völkerfreundschaft. Durch den einfachen Bau von Plattenbauten war es möglich, dass im Juni 1971 das erste Gebäude mit 90 Wohnungen durch die zuständige Kommission übernommen werden konnte. Im August 1971 wurde die Infrastruktur für diese Häuser eingerichtet durch den Aufbau der festen Wasserversorgung und der Kanalisation. Durch den geringen Grundwasserspiegel der Stadt kommen vornehmlich artesische Brunnen zum Einsatz, die sich westlich der Stadt in einem Sumpfgebiet befanden.[5] Bis 1986 entstanden 28 solche Brunnen, die täglich knapp 15.000 Kubikmeter Wasser bereitstellten.[7] Im Dezember 1972 begann der Bau der ersten Schule der Stadt.[5]

Einweihung und Aufstieg

Blick auf der Lazarewastraße in Richtung technische Berufsschule am 23. April 1983

Die zuvor nach dem Ort „Lensnoj“ benannte Siedlung, die in den ersten Monaten nach Baubeginn entstand, wurde förmlich am 14. April 1972 in „Pripjat“ zu ehren des Flusses, an dem die Stadt entstand, benannt. Der Tag spiegelt die eigentliche Gründung der Ortschaft wieder. Bis zum Erlangen des Stadtrechts dauerte es jedoch noch bis zum Jahr 1979.[5] Seit dem Jahr 1980 wurde Pripjat aus der Verwaltung des Rajon Tschernobyl gelöst und in eine kreisfreie Verwaltung überführt.[8] Innerhalb der 1970er und der 1980er entwickelte sich die Stadt zu einer der prestigeträchtigsten Städte der Ukraine, zumal hier in der Tradition der sich modernisierenden Sowjetunion erstmals die neuen planerischen Errungenschaften umgesetzt wurden, darunter breite Straßen, Hochhäuser und auf die Bevölkerung ausgiebig zugeschnittene kulturelle Einrichtungen. Da die sowjetischen Atomstädte über den Primärweg mit Waren versorgt wurden und das Angebot in Pripjat im Vergleich zu den umliegenden Städten umfangreicher war, florierte insbesondere der Einzelhandel der Stadt durch die Kunden, die aus der Umgebung nach Pripjat kamen. Durch diese Vorteile war nicht nur der einfache Tagestourist in Pripjat aufzufinden, sondern auch Urlauber, die insbesondere in die Stadt kamen um die moderne Lebensart der Sowjetunion zu betrachten. Ganze internationale Delegationen reisten nach Pripjat in den 1970ern.[5]

Ausbau

Solche Arbeiterstädte, wie Pripjat es für das Kernkraftwerk Tschernobyl war, wurden ebenfalls bei den anderen Kernkraftwerken der Sowjetunion geschaffen. Im Gegensatz zu den anderen Atomgrads der Sowjetunion war Pripjat moderner gestaltet worden. Dies führte einerseits dazu, dass ein Arbeitsplatz im Kernkraftwerk Tschernobyl bei Technikern und Ingenieuren sehr begehrt waren, sodass die Stadt schnell auf eine Größe von fast 50.000 Einwohnern wuchs. Die gute Organisation der Stadt führte dazu, dass Pripjat als Modellstadt für die zukünftigen Atomstädte der Sowjetunion gewählt wurde. Mehrfach wurde Pripjat deshalb mit dem Architektur- und Planungspreis der Sowjetunion ausgezeichnet.[3] Langfristig war die Erweiterung auf eine Stadtgröße für 80.000 Einwohner geplant gewesen, darunter auch der weitere Ausbau der Kultur- und Einkaufseinrichtungen, der Neubau eines überdachten Marktes, ein neues Kino mit zwei Sälen, der Palast der Pioniere, ein Jugendclub, sowie der Neubau des Busbahnhofs und des Bahnhofs. Durch die steigende Zahl an Touristen war zudem der Neubau eines des zweiten Hotels „Oktober“ geplant gewesen. Für den verbesserten Empfang von Fernsehsendern war ein 52 Meter hoher Fernsehturm in der Stadt geplant gewesen.[5]

Bis 1986 entstanden in der Stadt insgesamt 13.414 Wohnungen in 160 Häusern, die insgesamt 658.700 Quadratmeter an Wohnraum boten. Des Weiteren gab es 18 Herbergen für 7621 Personen, sowie 8 Familienschlafsäle.[7]

Unfall und Evakuierung

Hotel Polesje am 4. April 1986

In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 kam es im Kernkraftwerk Tschernobyl im vierten Block um 1:23 Uhr zur Explosion des Reaktors. Die erste dabei entstandene Freisetzung von radioaktiven Stoffen wurde durch die Wetterverhältnisse relativ gerade nach Westen getrieben und zog damit in einer Entfernung von 1,5 bis 2 Kilometer an den Wohngebäuden der Stadt Pripjat vorbei. Durch die Wetterverhältnisse konnte insbesondere die ersten, sehr radioaktiven Gase und Brennstoffpartikel so abziehen, dass die Einwohner von Pripjat keiner starken Dosis durch die Explosion selbst ausgesetzt waren.[9] Bereits kurz nach dem Unfall gab es um 2:15 Uhr in den Morgenstunden die Entscheidung seitens der Polizei und des KGB die Stadt Pripjat zu isolieren und sämtlichen unnötigen Verkehr in die Stadt zu stoppen.[10] Zwischen 8:00 Uhr und 9:00 Uhr morgens fand eine Konferenz mit der sich noch in Moskau befindlichen Regierungskommission zur Ermittlung des Unfalls statt, in der der Generaldirektor des Kernkraftwerks Tschernobyl, Wiktor Brjuchanow, darum bat die Stadt zu evakuieren, was der Vorsitzende der Kommission nicht genehmigte, da es zu diesem Zeitpunkt keine genauen Messungen der Strahlungssituation am Kernkraftwerk und in der Stadt gab, was erst im Laufe des Tages passieren sollte.[5] Über den Tag hinweg drehte der Wind nach Nordwesten. Ein Teil der Abluftfahne des zerstörten Reaktors konnte dabei über die Stadt führen. Hauptbestandteile waren durch das Aufheizen des Brennstoffs und des brennenden Graphits vor allem volatile Radionuklide wie Iod, Tellur und Cäsium, sowie feine oxidierte Brennstoffpartikel in der Größenordnung von 1 bis 3 µm. Um die Strahlenwerte der Stadt zu erfassen setzte der Strahlenschutz 26 Messpunkte in der Stadt fest, die im 12 Stunden-Takt ab 12:00 Uhr des 26. April bis abweichend 17:00 Uhr des 27. April gemessen wurden. Aufgrund der sich ändernden außergewöhnlichen Wettersituation, verursacht durch ein Hochdruckgebiet in Weißrussland, drehte der Wind im Laufe des Tages in Richtung Süden, sodass die Stadt nicht weiter betroffen war. Am 26. April lagen die Strahlenwerte bei 140 bis 1300 µSv/h.[1]

Am 26. April wurden noch 16 Hochzeiten gefeiert, was später als unverantwortlich kritisiert wurde.[9] Obwohl die Bevölkerung in der breiten Masse nicht über den Unfall instruiert wurde, leiteten die wohl informierten Behörden erste Schutzmaßnahmen ein, weshalb zumindest informiert wurde Fenster und Türgen geschlossen zu halten, sowie die Schulkinder während den Pausen und des Unterrichts nicht ins freie zu lassen bzw. geschlossen waren. Dennoch ging das Leben in der Stadt weiter, so passierten auch Güter- und Personenzüge in knapper Entfernung zum Reaktorblock die Stadt und verteilten so bereits Radionuklide außerhalb der späteren Sperrzone.[11]

Am Abend des 26. April beriet sich die Kommission unter Leitung von Walerie Legassow und Vorsitz von über eine etwaige Evakuierung der Stadt im Hotel Polesje mit dem Ergebnis eine Entscheidung erst in den Morgenstunden des 27. April zu fällen. Allerdings wurde beschlossen die Zahl der Stahlungsmessungen zu erhöhen. In der weitreichenden Diskussion wurde beschlossen bereits Maßnahmen für eine Evakuierung vorzubereiten, weshalb zwischen 22:30 Uhr und 2:00 Uhr morgens 1225 Autobusse (darunter 144 mit sanitärer Ausrüstung für Krankentransporte), 360 Lastkraftwagen und zwei Dieselzüge mit Personenwagen für 1500 Personen beschafft wurden.[5] Diese Maßnahme wurde zuvor nur einmal aufgrund eines Unfalls in einem Kernkraftwerk ergriffen, als es im Dezember 1978 zu einem Großbrand im Kernkraftwerk Belojarsk kam und die Messleitungen zum Reaktor des zweiten Blocks zerstört wurden.[12] Am Morgen des 27. April um 7:00 Uhr entschied der Vorsitzende der Regierungskommission, Boris Scherbina, die Stadt am Nachmittag zu evakuieren. Zwischen 10:00 Uhr und 12:00 Uhr wurde auf einer eilig einberufenen Sitzung der Vorsitzenden der Regierungskommissionen diese Entscheidung bestätigt und die Evakuierung ab 12:00 Uhr genehmigt. Um 12.20 Uhr erfolgte die Anweisung an den Leiter der Evakuierung und um 13:00 Uhr die Anweisung an die Behörden und Einrichtungen der Stadt Pripjat mit der Evakuierung zu beginnen.[5]

Um die Evakuierung zu beginnen flog um 13:10 Uhr (andere Angabe bereits um 11:00 Uhr[13]) ein Helikopter über die Stadt, der mit einer Durchsage die Bevölkerung von Pripjat auf die Evakuierung hinweist ( anhörenBeschreibungsseite der Audiodatei mit Lizenzangaben, russisch):

Achtung, liebe Kameraden! Der Stadtrat der Volksabgeordneten informiert, dass sich im Zusammenhang mit dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Stadt Pripjat eine ungünstige Strahlungssituation entwickelt. Partei- und Führungsbehörden, Militäreinheiten haben notwendige Maßnahmen dagegen ergriffen. Jedoch, um die vollständige Sicherheit der Menschen und, insbesondere, der Kinder sicherzustellen, gibt es den Bedarf vorübergehend die Einwohner der Stadt zu evakuieren in die nächsten Siedlungen der Oblast Kiew. Zu diesem Zweck werden zu jedem Wohnhaus heute, 27. April, ab 14:00 Uhr Autobusse eingerichtet, begleitet von Polizisten und Vertretern des Stadtexekutivausschusses. Es wird empfohlen die Dokumente mitzunehmen, extrem notwendige Dinge, und bei der ersten Gelegenheit auch Lebensmittel. Leiter von Unternehmen und Institutionen des Verwaltungskreises bleiben an Ort und Stelle, um den normalen Betrieb der Stadtverwaltung sicherzustellen. Alle Häuser werden während der Periode der Evakuierung durch die Polizei bewacht. Genossen, die vorübergehend ihre Häuser verlassen, vergessen Sie nicht, bitte, die Fenster zu schließen, elektrische und gasbetriebene Geräte abzuschalten, alle Wasserhähne zu schließen. Bleiben Sie bitte ruhig, organisiert und halten Sie sich an Regeln während der vorübergehenden Evakuierung.

Das größte Problem stellte sich jedoch bereits vor der Evakuierung heraus: Der originale Evakuierungsplan war fehlerbehaftet, da die Evakuierung über eine einzige Hauptverkehrsanbindung realisiert werden sollte, deren Route stark kontaminiert wurden aufgrund der nahen Lage am Reaktorblock.[11] Dies ist auch der Grund, weshalb man primär zunächst von einer Evakuierung absah, da die 36 Stunden nach dem Unfall nötig waren um zunächst die Evakuierung neu zu organisieren. Da aber keine andere Route vorhanden war um die Masse an Bussen zu leiten, wurde eine Polymersubstanz auf der Evakuierungsroute versprüht um die Straßen zu dekontaminieren.[14] Bis 13:50 Uhr begann die Polizei die Häuser zu umstellen und zu kontrollieren, ab 13:50 Uhr begann die Evakuierung mit dem Sammeln der Bewohner an den Eingängen der Häuser. Mit dem Vorfahren der ersten Busse um genau 14:00 Uhr begann die Evakuierung der Stadt. Begleitet von der Polizei fuhren nacheinander Konvois mit je 20 Bussen und fünf Lastwagen im Takt von 10 Minuten in die Stadt.[5] Jeder der fünf Mikrodistrikte wurde dazu in weitere fünf Gruppen aufgeteilt, die nacheinander, begonnen im ersten Mikrorajon bis hin zum fünften Mikrorajon, evakuiert wurden. Um die gesundheitlichen Risiken zu minimieren, musste die Evakuierung so schnell wie möglich stattfinden.[11][13] Insgesamt brachten die Busse rund 34500 Einwohner aus der Stadt, 9000 weitere Personen blieben in der Stadt, da sie zu der Stadtverwaltung gehörten oder im Kernkraftwerk arbeiteten. Die verließen die Stadt separat oder mit dem privaten Kraftfahrwagen.[13] Der gesamte Buskonvoi hatte eine Länge von 15 Kilometer.[10] Gegen 16:30 Uhr wurde die Evakuierung abgeschlossen. In der Nachkontrolle der Wohnungen durch die Polizei wurden 20 Personen entdeckt, die sich der Evakuierung entziehen wollten.[5]

Im Laufe des 27. April drehte der Wind gegen Abend direkt Richtung Pripjat aufgrund der geänderten Windrichtung auf Nord-Nordwest. Dies führte dazu, dass die Strahlenwerte auf 4000 bis 10000 µSv/h anstiegen, an einigen Stellen der Stadt bis auf 15000 µSv/h. Einige Hotspots wiesen Werte zwischen 40000 und 70000 µSv/h auf. Zwischen dem 28. und 29. April begannen die Luftschichten abzusinken und die kontaminierten Partikel aus den oberen Luftschichten begannen sich in der Umgebung abzusetzen. Durch den Luftstrom nach Nordosten kam es dazu, dass östlich der Stadt Pripjat eine starke Kontamination des Erdreichs entstand. Im Laufe des Abends des 29. April drehte der Wind wieder Richtung Süden, sodass die Stadt von weiteren Kontaminationen verursacht von der Abkühlung Reaktors und Oxidation des Kernbrennstoffs verschont wurde. Diese Wetterverhältnisse hielten bis zum 6. Mai an, sodass bis zu Abklingen der Freisetzung aus den Reaktor auf ein Minimum, die Stadt Pripjat nicht mehr betroffen war. Die Kontamination in den folgenden Tagen bis zur völligen Unterbindung am 25. Mai hielt sich in Grenzen.[1]

Die Messwerte an den individuellen Messpunkten können in der folgenden Tabelle ausgelesen werden (1000 µSv≙1 mSv):

Map of Pripyat measuring April 1986.svg
Messpunkt 26. April 12:00 uhr 26. April 24:00 uhr 27. April 12:00 uhr 27. April 17:00 uhr
1 1 bis 2 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 20 bis 30 mSv/h 30 bis 40 mSv/h
2 1 bis 2 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 20 bis 30 mSv/h 30 bis 40 mSv/h
3 1 bis 2 mSv/h <5 mSv/h <20 mSv/h <20 mSv/h
4 <1 mSv/h <5 mSv/h <20 mSv/h <20 mSv/h
5 1 bis 2 mSv/h <5 mSv/h <20 mSv/h 30 bis 40 mSv/h
6 1 bis 2 mSv/h <5 mSv/h 20 bis 30 mSv/h 30 bis 40 mSv/h
7 1 bis 2 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 20 bis 30 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
8 1 bis 2 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 30 bis 40 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
9 1 bis 2 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 30 bis 40 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
10 2 bis 4 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 30 bis 40 mSv/h 30 bis 40 mSv/h
11 2 bis 4 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 30 bis 40 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
12 1 bis 2 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 40 bis 50 mSv/h 30 bis 40 mSv/h
13 2 bis 4 mSv/h 15 bis 20 mSv/h 40 bis 50 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
14 2 bis 4 mSv/h 20 bis 25 mSv/h 50 bis 60 mSv/h 50 bis 60 mSv/h
15 2 bis 4 mSv/h 25 bis 30 mSv/h 60 bis 70 mSv/h 60 bis 70 mSv/h
16 2 bis 4 mSv/h 35 bis 40 mSv/h 60 bis 70 mSv/h 60 bis 70 mSv/h
17 2 bis 4 mSv/h 5 bis 10 mSv/h 40 bis 50 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
18 2 bis 4 mSv/h 15 bis 20 mSv/h 40 bis 50 mSv/h 50 bis 60 mSv/h
19 2 bis 4 mSv/h 35 bis 40 mSv/h 70 bis 80 mSv/h 70 bis 80 mSv/h
20 2 bis 4 mSv/h 35 bis 40 mSv/h 80 bis 90 mSv/h 70 bis 80 mSv/h
21 16 bis 18 mSv/h 40 bis 45 mSv/h 100 bis 110 mSv/h >80 mSv/h
22 16 bis 18 mSv/h 40 bis 45 mSv/h 90 bis 100 mSv/h >80 mSv/h
23 4 bis 6 mSv/h 25 bis 30 mSv/h 60 bis 70 mSv/h 60 bis 70 mSv/h
24 4 bis 6 mSv/h 25 bis 30 mSv/h 60 bis 70 mSv/h 60 bis 70 mSv/h
25 2 bis 4 mSv/h 10 bis 15 mSv/h 40 bis 50 mSv/h 40 bis 50 mSv/h
26 4 bis 6 mSv/h 30 bis 35 mSv/h 40 bis 50 mSv/h 50 bis 60 mSv/h

Dekontaminierungsaktivitäten

Die Gesamtkontamination der Stadt besteht hauptsächlich aus Brennstoffpartikeln. Die Aktivität von 137Cs liegt bei 80 bis 24000 kBq/m2, 90Sr bei 50 bis 6660 kBq/m2 und 239Pu und 240Pu bei 1,5 bis 200 kBq/m2. Über den Sommer 1986 wurden verschiedene Messreihen von der Polytechnischen Instritution Gorki, Abteilung für Strahlenschutz, in der Stadt vorgenommen um die direkten Folgen der Strahlenexposition zu evaluieren für einen Bericht über die Auswirkungen des Unfalls.[1]

Anfang Mai 1986 wurden ersten Dekontaminierungsversuche auf einer kleinen Fläche hinter dem Hotel Polessje vorgenommen. Hierzu wurden die Gebäude von außen gewaschen, die Straßen abgewaschen und eine Schicht anliegender Straßenbegleitgrünflächen abgetragen. Am 11. Mai folgte die Entscheidung mehrere Gebäude in der Stadt für Versuche zu dekontaminieren. Diese Versuche wurden am 14. Mai im Mikrodistrikt 4 vorgenommen. Die beste Methode war der Einsatz eines Löschfahrzeugs sowie der Einsatz des Bindemittels SF-2U. Die Dekontaminationserfolge lagen bei einer reduzierten Ortsdosisleistung um das 20-fache des Ausgangswertes auf Betonoberflächen und bei dem bis 100-fachen Unterschreiten der Ausgangsdosis auf anderen Oberflächen. Wirkungslos war diese Methode jedoch bei Dächern, die mit Teerdachpappe bedeckt waren. Zwischen Mai und Juni 1986 wurde mit den Dekontaminierungsarbeiten in der Stadt begonnen. In der ersten Phase wurden alle Gebäude und Straßen, sowie Bäume mit einem Feuerwehrtankfahrzeug abgewaschen und einem Bindemittel benetzt, das auf der Oberfläche aufgebracht wurde. Bis Ende Juni 1986 waren 70 % der Wohngebäude dekontaminiert worden. Um ein weiteres Einsickern in den Pripjat zu verhindern wurden Dämme gebaut und die Regenwasserkanäle der Stadt verschlossen. Über den gesamten Sommer 1986 wurden die Straßen mit einem speziellen Staubbindemittel bespritzt um die Partikel zu binden.[1]

Im September 1986 begann die zweite Phase der Dekontamination. Zwischen dem 3. und 20. September wurde der westliche und zentrale Teil des Mikrorajon 4 dekontaminiert. Dies umfasste neben mehreren Grünflächen auch neun Wohngebäude, zwei Kindergärten, eine Schule und zwei Schlafsäle, in denen später Liquidatoren untergebracht wurden. Die Ortsdosisleistung konnte bei den Grünflächen, bei denen mit einem Radlader die Obersten 10 bis 15 Zentimeter abgetragen wurden, von zuvor 200 bis 400 µSv/h auf 30 bis 70 µSv/h gesenkt werden. Durch einen weiteren Reinigungsvorgang von Hand konnte der Wert auf 7 bis 22 µSv/h weiter gesenkt werden. Durch das Überdecken mit nicht kontaminiertem Sand lag die Dosisleistung lediglich noch bei 3 bis 7 µSv/h. In den einzelnen Appartments wurden ebenfalls Dekontaminationsversuche vorgenommen und die Vinylböden herausgerissen.[1] Im Oktober 1986 wurde entschieden die Stadt vorerst aufzugeben und stattdessen eine neue Stadt in der Oblast Tschernihiw zu errichten, jedoch das Stadtgebiet als Exklave der Oblast Kiew einzurichten. Die Stadt Slawutytsch war im Frühling 1988 für die ersten Einwohner bezugsfertig. Von den ursprünglichen 49.360 Einwohnern zogen nur um die 24.000 Einwohner, von denen 8000 Kinder waren, in die neue Stadt um. Insgesamt lebten in Pripjat nur 16 Jahre lang Menschen.[9]

Trotz dieser Entscheidung wurden die Dekontaminationsaktivitäten in Pripjat weiter fortgesetzt. Bis Dezember 1986 konnte die Dosisleistung auf durchschnittlich 28 µSv/h gesenkt werden, die ohne diese Aktivitäten bei den ursprünglichen Werten von 200 bis 400 µSv/h über Jahre hinweg geblieben wären. Über das Jahr 1987 wurden daher diese Arbeiten auch in den Mikrodistrikten 4a, 3a und 2a vorgenommen, jedoch hauptsächlich um Personal unterzubringen, das noch innerhalb des Kernkraftwerks Tschernobyl arbeiten vornahmen. Insbesondere konzentrierte man sich darauf Betriebe und Verwaltungen zu dekontaminieren, darunter das Spezialunternehmen „Komplex“, das sich in der Stadtverwaltung niedergelassen hatte, das Spezialunternehmen „Spezatom“, das sich in den Werkshallen des Unternehmens „Jupiter“ niederließ, das Amt für Dosimetriekontrolle in der technischen Hochschule, diverse Forschungsabteilungen, die sich im 4. Mikrorajon niedergelassen haben, die Infrastrukturgebäude für die Wasserversorgung und die Telekommunikation, sowie die Stadtpolizei und Feuerwehr. Insgesamt wurden 22 Gebäude erfolgreich dekontaminiert und fortgenutzt, damit auch wieder an das Strom- und Fernwärmenetz angeschlossen, 111.000 Quadratmeter Gebäudefassaden dekontaminiert, 13.000 Quadratmeter Dächer, sowie 100.000 Kubikmeter kontaminierte Erdoberfläche abgetragen und durch 144.000 Kubikmeter sauberen Sand ersetzt. Eine Besonderheit ist, dass das Grundwasser von den Brunnen nicht belastet war und ebenfalls genutzt wurde, um die Häuser mit Trinkwasser zu versorgen. Ab 1988 wurden vereinzelt in der Stadt in bestimmten Zonen diverse Dekontaminatiosarbeiten vorgenommen, jedoch unregelmäßig. Regelmäßig wurde allerdings ab 1988 bis 1998 die Straßen mit Wasser und Bindemittel gereinigt.[1]

Dekontaminierte Stadtgebiete in und um Pripjat ab 1988

Außerhalb der Stadt wurden einigen Bereiche östlich, südlich und südwestlich der Stadt vollständig dekontaminiert um die Gefahr einer sekundären Kontaminierung zu verringern, insbesondere um die Dosisbelastung des noch tätigen Personals in und um der Stadt zu verringern. Zu den Bereichen gehört unter anderem die Sandfläche östlich der Stadt an der Janow-Bucht, der „Rote Wald“, die industriellen Bereiche an der Baubasis der ersten und zweiten Baustufe des Kernkraftwerks, sowie der Bahnhof Janow. Während 1986 hauptsächlich die Staubbindung aus der Luft oder mit dem LKW mit technischen Ligninsulfonaten und Ölrückständen für Straßen stattfand, testete man bei der Dekontaminierung des Sandplateaus der Stadt Pripjat eine neue Technik um das Land zu fixieren. Eine Mischung aus Latex, Torfpellets, Getreidesamen und Hafer wurde auf einen Teil der Sandfläche versprüht. Später wendete man diese Mischung zwischen April und Juni 1987 auf nahezu allen Bereichen der Stadt Pripjat und des Kernkraftwerks Tschernobyl an. Später wurde eine Mischung aus technischen Ligninsulfonaten und Getreidesamen verwendet und zwischen 3 bis 5 Zentimeter dick aufgetragen. Sowohl die Latex-Mischung, als auch die Mischung aus technischen Ligninsulfonate und Getreidesamen, konnten keine ausreichende Fixierung der Oberfläche erreichen. Ab September 1987 setzte man daher eine Mischung aus Ligninsulfonaten und gemahlenem Kalkstein ein und der Bereich danach gepflügt, anschließend Getreidesamen und Winterroggensamen gesät und zusätzliche technische Ligninsulfonate eingebracht. Während man 1988 bis 1990 im roten Wald, sowie in der Stadt später die Oberfläche mit Gras, Moos und zusätzlichen Büschen fixieren konnte, war trotz der Mühe es nahezu unmöglich eine Vegetation und Bodenfixierung am Sandplateau der Stadt Pripjat zu realisieren. Die Bodenfixierung führte dazu, dass die Staubmengen bereits im Sommer 1987 um das zehnfache gesenkt werden konnten. Die alternative Beseitigung von Humusoberflächen ohne sie zu ersetzen zeigte insbesonders gute Ergebnisse. Die Staubbindung war sehr niedrig und die dauerhafte Belastung, die durch Akkumulierung von Radionukliden aus dem in der Luft zirkulierenden Staub resultiert wäre, konnte verhindert werden.[1]

Folgejahre

Die evakuierten Menschen galten bis in die 1990er Jahre nicht als Geschädigte des Reaktorunfalls. Später wurden einige Einzelfälle als Folgeerscheinung des Reaktorunfalls anerkannt, allerdings nicht generell die evakuierte Bevölkerung. Entschädigung für den verlorenen Wohnraum bekamen alle Personen aus Pripjat, aufgrund von Wohnungsmangel allerdings meist nicht 1:1.[15]

Um die Mengen an Schrott aus der Stadt zu verwerten gab es ab 1994 die Planung die Fabrik Jupiter in ein kleines Stahlwerk umzuwandeln, in dem belastete Stähle eingeschmolzen werden und für die Wiederverwertung aufbereitet werden. Die Planungen waren relativ weit gediehen zusammen mit der Firma Spezatom nach Vollendung der Stahlverwertung beim Rückbau der Blöcke 1 und 2 des Kernkraftwerks Belojarsk eine entsprechende Anlage bis 1996 in der Fabrik Jupiter zu errichten. Dazu hätten die bestehenden Öfen IST-1 und IST-0,4 rekonstruiert werden können, allerdings mit entsprechenden Mehraufwand. Zwar war die Inbetriebnahme für das vierte Quartal 1997 geplant, umgesetzt wurden allerdings keine dieser Arbeiten, aufgrund fehlender finanzieller Mittel in der ukrainischen Staatskasse.[16]

Die letzten Firmen und Industrieunternehmen, die in der Region auch nach dem Unfall noch tätig waren, wurden 1998, bis auf das Kernkraftwerk, geschlossen, sodass die Stadt 1998 vollständig aufgegeben wurde.[1]

Als einer der Folge der vernachlässigten Pflege man es dazu, dass sich die Vegetation in der Stadt ausbreitete. Obwohl ursprünglich sehr viele Kiefern im Stadtgebiet gepflanzt wurden, breiteten sich insbesondere Laubbäume und Laubbüsche in der Stadt aus.[1]

Touristenziel

Ein Tourist misst einen radioaktiv belasteten Flecken Moos in Pripjat

Trotz der Tatsache, dass die Stadt in den 1990ern völlig aufgegeben wurde, bot 1999 als erstes Reiseunternehmen SoloEast Travel Reisen in die Sperrzone an.[17] Daraus entwickelte sich mit der Zeit eine Art Selbstläufer, weshalb auch 2006 ein schweizer Reisebüro solche Touren anbot[18] und seit 2008 das auf diese Reise spezialisierte Unternehmen CHORNOBYL TOUR gegründet wurde, die sich zum Ziel gesetzt hat die "Informationskontamination" aufgrund falscher Fakten um den Unfall zu "Liquidieren".[19] Insgesamt stiegen die Besucherzahlen weiter an. Waren es 2008 noch insgesamt 5476 Besucher, lag die Zahl im Spitzenwert 2013 bei 17.757 Personen. Pripjat ist neben dem Kernkraftwerk und der Radarantenne Duga 1 eine von drei großen Attraktionen der Sperrzone, neben eine Vielzahl weiterer Orte.[20]

Ein großes Problem stellt allerdings der Verfall der Gebäude in der Stadt dar. Dadurch sie direkt der Witterung ausgesetzt sind, sind einige Gebäude bereits einsturzgefährdet. Der Architekt Matthew Frommer entwarf daher als eine mögliche Lösung die Schaffung von Glaskorridoren durch die Stadt, in denen die Besucher nicht nur vor den maroden Bauten geschützt wären, sondern auch vor kontaminierten Orten. Allerdings standen dem Projekt zu viele ungelöste Fragen gegenüber, darunter die Reinigung der Glasflächen, der Belüftung des Korridorsystems und der Aufbau für die nötigen sanitären Einrichtungen. Geplant waren im Rahmen des Projekts unter anderem eine Bar, ein Schwimmbar und ein Unterhaltungszentrum. Auch die Träger für die Betriebskosten, als auch für die Sicherheitsorganisation waren ungelöst.[21] Seit 2013 ist das Problem der Einsturzgefahr akut, teilweise der Einsturz bereits eingetreten. Um dem langfristig entgegenzuwirken gibt es bereits einen Plan seitens der Ukraine die Stadt geordnet abzureißen. Bedingung dafür ist es jedoch, dass die entsprechenden Gelder zur Verfügung stehen werden. Weitere Bedingung ist die entsprechende Erweiterung des Endlager Vektor in Burjakowka für die Entsorgung des radioaktiven Schutts.[22]

Besondere Ziele

  • Baggerkralle (Terra globe icon light.png 51° 24′ 4″ N, 30° 2′ 51″ O): Die Baggerkralle wurde ursprünglich zum Bergen von Graphit am vierten block verwendet, um ihn in den zerstörten Block zurückzuschaufeln. Heute befindet sich die Kralle an der Werkstatt für Sondermaschinenbau am Rand der Stadt und ist ein beliebter Hotspot.
  • Krankenhaus Pripjat (Terra globe icon light.png 51° 24′ 22″ N, 30° 3′ 56″ O): Im Keller des Krankenhauses befindet sich die stark kontaminierte Kleidung der Feuerwehrmänner, die in den ersten Minuten nach dem Unfall am zerstörten Block den Brand gelöscht haben.
  • Vergnügungspark (Terra globe icon light.png 51° 24′ 28″ N, 30° 3′ 20″ O): Insbesondere das Rießenrad gilt als einer der Wahrzeichen der Stadt. Innerhalb des Vergnügungsparks finden sich kleinere Hotspots mit kontaminierten Moosflecken.
  • Diverse Wohnungen
  • Leninstraße 7, Quartier 39, Wohnung von Anatoli Stepanowitsch Djatlow, 1986 stellvertretender Chefingenieur des Kernkraftwerks und Chefingenieur der zweiten Baustufe
  • Leninstraße 13, Quartier 78, Wohnung von Wiktor Bruchanow, 1986 Direktor des Kernkraftwerks
  • Leninstraße 23, Quartier 39, Wohnung von Nikolai Fomin, 1986 Chefingenieur des Kernkraftwerks

Demographie

Im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in der Sowjetunion war Pripjat insgesamt gesehen eine Stadt mit sehr junger Bevölkerung. Das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren. Ebenso spiegelte sich die gute Lage in Pripjat hinsichtlich der Versorgung und Arbeitssicherheit durch das Kernkraftwerk Tschernobyl, war die Familienplanung weitaus fortgeschrittener. Während der Geburtendurchschnitt der Ukraine bei 17 Kinder pro 1000 Einwohner lag, übertraf Pripjat diesen Wert mit einer überdurschschnittlichen Geburtenrate von 20 Kinder pro 1000 Einwohner.[3][9] Im Vergleich dazu: Die Geburtenrate in Deutschland im Jahr 2008 bei lediglich 8,2 Kinder pro 1000 Einwohner.

Die Gesamtbevölkerung von Pripjat lag zum Zeitpunkt der Evakuierung 1986 bei 49360 Einwohnern, davon rund 17000 Kinder.[10][1] Die Bevölkerungsdichte lag damit bei 10000 Einwohner pro Quadratkilometer. Zur Fortbildung gab es in der Stadt neben 16 Kindergärten und 6 Schulen, von denen sich eine noch in Bau befand, auch eine technische Schule.[1]

Als letztes Kind in Pripjat kam am 26. April 1986, zehn Stunden nach dem Reaktorunfall, Svetlana Alexeenko im Krankenhaus zur Welt.[23]

Klima und Geologie

Das Klima von Pripjat ist wesentlich das Gleiche wie in der Umgebung der Waldsteppenzone. Die Stadt liegt im gemäßigten kontinentalen Klima mit einer Durchschnittstemperatur von +6,7 °C. Der kälteste Monat ist der Januar mit einer durchschnittlichen Temperatur von -6,8 °C, der wärmste Monat der Juli mit einer Temperatur von Durchschnittlich +23,6 °C. Die kälteste Fümftagewoche erreichte Temperaturen von -22 °C. Die Heizperiode liegt in der Region im Schnitt bei 192 Tagen. Die Hauptwindrichtung ist zwischen Westen und Nordwesten, die Durchschnittswindgeschwindigkeit beträgt 24 Meter pro Sekunde. Der Niederschlag liegt im Schnitt bei 589 mm. Die Luftfeuchtigkeit liegt im Winter bei 87 %, im Sommer bei 64 %, im Jahresschnitt bei 77 %.[4] Pripjat liegt 110 bis 115 Meter über Normalnull und damit leicht oberhalb der ersten Überflutungsterasse des Pripjats, allerdings weiterhin teilweise im Überflutungsgebiet.[4] Das Stadtgebiet selbst ist eher flach und weicht kaum vom Geländeniveau ab. Lediglich im südöstlichen Außengürtel gibt es leichte Erhebungen auf 118 bis 120 Meter über Normalnull.[1] Die ersten 70 Zentimeter des Bodens bestehen aus einem Sand-Lehm-Gemisch, danach folgt bis in 5 bis 7 Metern Tiefe eine Lehmschicht, die nur gering mit Sand versetzt ist. Der Grundwasserspiegel liegt bei maximal 2 Meter unter der Erdoberfläche, im südwestlichen Bereich der Stadt teilweise bei nur 1,50 Meter bis 0 Meter, sodass sich dort ein Sumpf bilden konnte. Der Wasserspiegel des Flusses Pripjat wird für ein hundertjähriges Hochwasser mit 108,40 Meter beziffert und damit rund 1,60 Meter unterhalb des Bodenniveaus der Stadt.[4]

Aufbau und Infrastruktur

Aufbau der Stadt mit den Mikrorajons:
      - Mikrorajon 1
      - Mikrorajon 2
      - Mikrorajon 3
      - Mikrorajon 4
      - Mikrorajon 4a
      - Mikrorajon 5
      - Stadtzentrum
      - Krankenhauskomplex
      - Kommunalquartiere
      - Zentrum öffentlicher und pädagogischer Gebäude und Strukturen

Der Ursprungsentwurf von Pripjat wurde vom im Ural ansässigen Institut Teploelektroprojekt zusammen mit Gidroprojekt unter Leitung des Hauptarchitekten W. M. Grigorjew geplant. Dies geschah unter den Vorgaben des Ministeriums für Energie und Elektrifizierung, der vor Ort ansässigen Bauarbeiter, der Kernkraftwerksdirektion, sowie der regionalen Vertretung der Regierung der ukrainischen Sowjetrepublik. Basis für die Architektur und die teilweise außergewöhnlichen Lösungen beim Bau von Pripjat waren insbesondere modernere Anforderungen bei der Stadtplanung, sowie eine verbesserte Integrierung von kulturellen und kommunalen Dienstleistungen für die Einwohner. Auf dieser Basis wurde die Planung von Pripjat angepasst und Mikrorajons als Lösung fociert. Jeder Mikrorajon, von denen zunächst drei geplant waren, sollte eine Art eigene kleine Stadt bilden. Diese sollten von Erholungsgebieten in Form von Parks umgeben sein und sich um das Stadtzentrum mit den kulturellen Einrichtungen bilden. Als sichtbare Aufteilung sollten Alleen bilden mit je zwei zweispurigen Fahrbahnen, die sich im Stadtzentrum treffen, in dem sich neben der kulturellen Einrichtungen ein Hotel, die lokale Parteizentrale, die Stadtverwaltung und ein Einkaufszentrum befinden sollten. Die Achse stellt zugleich die Trennung zwischen dem ersten und zweiten Mikrorajon dar. Die Ausschmückung der Stadt sollte mit kulturellen Elementen und einer großflächigen Bepflanzung abgerundet werden. Diese Allee sollte die Hauptzufahrtsstraße zur Stadt werden mit direkter Anbindung an das Kernkraftwerk und zur Kreisstadt Tschernobyl.[4] Dieses Konzept war zusammen mit dem dreieckigen Bau der Mikrorajons eine ursprüngliche Idee vom Präsidenten Leonid Breschnew, der durch den Bau von Alleen das Stauproblem in Städten lösen wollte. Durch die großen Straßen und die Verhinderungen der Entstehung von Kreuzungen mit vier Abzweigungen konnte der Verkehrsfluss optimiert werden.[5]

Eine zweite Allee sollte sich mit der ersten Allee kreuzen und eine mittige Achse bilden. An dieser Achse sollte sich neben der Anlegestelle für Schiffe am toten Nebenarm des Pripjats auch die kulturellen Einrichtungen, sowie am Ende der anderen Straße die Industriezone der Stadt befinden. Um die Stadt im Osten und Süden sollte der bestehende Wald einen schützenden Waldgürtel bilden. Die beiden Alleen bilden sie Hauptachsen der Stadt, an denen die verschiedenen Bars, Einkaufszentren, das Hotel und die Stadtverwaltung entstanden. Die Hauptallee, die Leninstraße, bildet mit dem ersten und zweiten Mikrorajon die Hauptzufahrtsstraße nach Pripjat und verbindet die Stadt direkt mit dem Kernkraftwerk, als auch der Stadt Tschernobyl. Die zweite Hauptallee, die Kurtschatowstraße, bildet im Anschluss an die Leninstraße die Hauptverbindungn zu allen öffentlichen Kultureinrichtungen, den Flussbahnhof sowie der örtlichen Industrie im Osten der Stadt. Im Norden der Stadt war das Schwimmbad, das Kommunikationszentrum, die Berufsschule, der Freizeitpark und das Stadion vorgesehen. Im Osten der Stadt befindet sich die Poliklinik, sowie der Gemeinschaftskomplex mit Sauna, Waschraum und Schlafsaal. Die Wasserversorgung von Pripjat erfolgte durch eine Grundwasserpumpe im Südwesten im Waldgürtel der Stadt, nördlich des Bahnhofes Janow, angrenzend an die Reserveflächen für die regionale Infustrie. Beim Bau der Stadt wollte man ursprünglich hauptsächlich auf Häuser der Bauserie 111-60, 111-84, 1U-438A, 63/11233, 114-87 und 11-66/BS-44 setzen, sowie die kulturellen Einrichtungen nach einem Standarddesign errichten. Eine Ausnahme bildet nur die Gebäude auf dem Kulturplatz, bestehend aus dem Einkaufszentrum, dem Kulturpalast und die Stadtverwaltung.[4]

Während des Baus von Pripjat wurde vom Hauptentwurf mehrfach abgewichen. Insbesondere das in Kiew ansässige Ingenier- und Bauinstitut integrierte auch die regionalen Eigenheiten unter Leitung des Hauptarchitekten Walerij Pugrowkin. Pugrowkin war bis 1982 als Hauptarchitekt tätig.[24] Ab 1982 wurde Gennadi Iwanowitsch Oleschko vom im Ural ansässigen Teploelektroprojekt als Hauptarchitekt des Kernkraftwerks und der Stadt Pripjat berufen.[25] Oleschko arbeitete bereits bei der Planung und beim Bau des Kernkraftwerks Belojarsk.[26] Oleschko verstarb 1985 in Pripjat nach einer schweren Krankheit,[25] bekam aber für Pripjat postum den Preis des Ministerrats der Sowjetunion verliehen.[27]

Im Ausbau von 1986 bestand die Stadt aus einer fast 600 Hektar großen Fläche, von denen alleine 42 Hektar aus Rasen- und Waldflächen bestanden. Die insgesamt 5 Mikrodistrikte bestanden aus 149 Wohnblöcken mit einer gesamten Wohnfläche von 520000 Quadratmetern in 13500 Wohnungen und 30000 Räumen. Pripjat hatte ein vom Kernkraftwerk versorgtes Fernwärmenetz mit einer Länge von insgesamt 52 Kilometern. Für die Telefonie wurden insgesamt 135 Kilometer Leitungen gelegt. Öffentliche Gebäude nahmen in der Stadt eine Gesamtfläche von 10000 Quadratmetern ein.[1]

Ursprünglich sah man vor im nordöstlichen Bereich der Stadt, eine Sandfläche am Ufer des Pripjats, neue Wohnsiedlungen zu errichten.[1]

Pripjat
  Bahnhof Janow
  Bahnhof Janow nicht auf der Karte
  Flussbahnhof
  Flussbahnhof
  Busbahnhof
  Busbahnhof
Kulturpalast „Energetik“  
Kulturpalast „Energetik“  
Musikschule  
Musikschule  
  Kino   „Prometheus“
  Kino   „Prometheus“
Palast der Pioniere  
Palast der Pioniere  
  Café Pripjat
  Café Pripjat
  Café Olympic
  Café Olympic
  Hotel Polesje
  Hotel Polesje
  Stadion
  Stadion
  Fußballplatz
  Fußballplatz
  Sportkomplex „Awangard“
  Sportkomplex „Awangard“
Schwimmbad   „Lazurni“  
Schwimmbad   „Lazurni“  
  Sauna“
  Sauna“
  Tanzplatz
  Tanzplatz
  Vergnügungspark
  Vergnügungspark
  Stadtpark
  Stadtpark
Yachtclub  
Yachtclub  
  Genossenschaft   der Autoliebhaber
  Genossenschaft   der Autoliebhaber
  Kindergarten Nr. 2   „Iwuschka“
  Kindergarten Nr. 2   „Iwuschka“
Kindergarten Nr. 3   „Liebe Sonne“  
Kindergarten Nr. 3   „Liebe Sonne“  
Kindergarten Nr. 4   „Goldener Hahn“  
Kindergarten Nr. 4   „Goldener Hahn“  
Kindergarten Nr. 5   „Bärchen“  
Kindergarten Nr. 5   „Bärchen“  
  Kindergarten Nr. 6   „Freundschaft“
  Kindergarten Nr. 6   „Freundschaft“
Kindergarten Nr. 7   „Goldener Schlüssel“  
Kindergarten Nr. 7   „Goldener Schlüssel“  
Kindergarten Nr. 8   „Teremok“  
Kindergarten Nr. 8   „Teremok“  
Kindergarten Nr. 9   „Sternchen“  
Kindergarten Nr. 9   „Sternchen“  
  Kindergarten Nr. 10   „Tscherbuschka“
  Kindergarten Nr. 10   „Tscherbuschka“
  Kindergarten Nr. 11   „Märchen“
  Kindergarten Nr. 11   „Märchen“
Kindergarten Nr. 12   „Kornblume“  
Kindergarten Nr. 12   „Kornblume“  
  Kindergarten Nr. 13   „Goldfisch“
  Kindergarten Nr. 13   „Goldfisch“
  Kindergarten Nr. 14   „Kleine“
  Kindergarten Nr. 14   „Kleine“
  Kindergarten Nr. 15   „Marionette“
  Kindergarten Nr. 15   „Marionette“
         Mittelschule Nr. 1
         Mittelschule Nr. 1
  Stadion der   Schule Nr. 2
  Stadion der   Schule Nr. 2
         Mittelschule Nr. 2
         Mittelschule Nr. 2
  Stadion der   Schule Nr. 2
  Stadion der   Schule Nr. 2
  Mittelschule Nr. 3         
  Mittelschule Nr. 3         
  Stadion der   Schule Nr. 3
  Stadion der   Schule Nr. 3
Basketballplatz  
Basketballplatz  
  Technische Berufsschule
  Technische Berufsschule
  Mittelschule Nr. 4
  Mittelschule Nr. 4
  Stadion der Schule Nr. 4         
  Stadion der Schule Nr. 4         
  Mittelschule Nr. 5
  Mittelschule Nr. 5
Stadtverwaltung             
Stadtverwaltung             
  Polizei
  Polizei
  Feuerwehr
  Feuerwehr
  Kinderklinik
  Kinderklinik
  Krankenhaus-Komplex
  Krankenhaus-Komplex
  Friedhof
  Friedhof
Postamt  
Postamt  
  Läden des   Mikrorajon II
  Läden des   Mikrorajon II
  Läden des   Mikrorajon IV
  Läden des   Mikrorajon IV
Lebensmittelladen   „Neuer Gastronom“  
Lebensmittelladen   „Neuer Gastronom“  
Verbraucherzentrum „Jahrestag“                 
Verbraucherzentrum „Jahrestag“                 
  Sportgeschäft
  Sportgeschäft
  Sportgeschäft „Start“
  Sportgeschäft „Start“
Lebensmittelladen   „Woschod“                   
Lebensmittelladen   „Woschod“                   
  Gemüseladen
  Gemüseladen
  Jugendladen
  Jugendladen
   Lebensmittelladen   „Gastronom“
   Lebensmittelladen   „Gastronom“
  Spielzeugladen „Regenbogen“
  Spielzeugladen „Regenbogen“
  Milchladen „Bach“
  Milchladen „Bach“
  Fleisch/Fisch/Gemüse
  Fleisch/Fisch/Gemüse
  Bäckerei   „Kolosok“
  Bäckerei   „Kolosok“
  Buchladen   „Knigi“
  Buchladen   „Knigi“
  Laden   „Glühwürmchen“
  Laden   „Glühwürmchen“
  Laden   „Kaufhaus“
  Laden   „Kaufhaus“
Verbraucherzentrum                 
Verbraucherzentrum                 
  Laden   „Berjoska“
  Laden   „Berjoska“
Einkaufszentrum   
Einkaufszentrum   
  Gebäude der experimentellen   Treibhauswirtschaft
  Gebäude der experimentellen   Treibhauswirtschaft
  Fabrik „Jupiter“
  Fabrik „Jupiter“
  Werkstatt für   Sondermaschinenbau
  Werkstatt für   Sondermaschinenbau
  Fabrik „Kuchnaja“
  Fabrik „Kuchnaja“


Verkehrsanbindung und Nahverkehr

Bus des Typs LAZ-699

Für Pripjat wählte man im Nahverkehr normale Busse mit Verbrennungsmotor, da deren Reichweite so gesehen grob unbegrenzt ist. Das Nahverkehrssystem war so geplant worden, dass alle Fernverkehrslinien und Stadtlinien an einem zentralen Busbahnhof südlich des ersten Mikrodistrikts und der Fremdarbeiterherbergen mit einer Fahrleiterzentrale zusammenlaufen. Nahe dieses Busbahnhofes befindet sich ein größerer Garagenkomplex, in denen die Einwohner ihre Autos parken konnten. Man wollte mit diesem Prinzip forcieren, dass die öffentlichen Verkehrsmittel vor dem eigenen Auto bevorzugt wurden. Die Straßen, auf denen sich die Buslinien bewegten, wurden im Gegensatz zu den anderen Nebenstraßen mit einer zusätzlichen Asphalt- und Betondecke gebaut um die Standfestigkeit zu erhöhen, sekundär die Buslinien so ausgerichtet, dass nicht mehr als 2 % der Fahrbahndecke durch die Busse beschädigt werden. Auf der Linie zum Kernkraftwerk Tschernobyl kamen für die erste und zweite Baustufe insgesamt 16 Busse zum Einsatz. Die Anzahl der Busse wurden auf Basis der Arbeiter pro Schicht berechnet. Eine Schicht bestand aus 1100 Personen. Um die Schichtübernahme zu takten geht die Schicht von etwa der Hälfte der Arbeiter 30 Minuten früher zu ende als die Schicht der anderen Hälfte. Auf dieser Basis wären nur 11 Busse des Typs LAZ-695B benötigt worden, die allerdings noch mit einen Quotient von 0,7 berechnet wurden, wonach 16 Busse nötig waren. Aufgrund der großen Zahl an Radfahrern in Pripjat wurde parallel zur Straße ein 2,5 Meter breiter Fahrradweg zum Kernkraftwerk gebaut. Innerhalb der Stadt gab es nur eine Buslinie, die nur in eine Richtung fuhr. Der Takt lag bei 30 Minuten. Um das Netz möglichst engmaschig zu halten wurde alle 400 bis 500 Meter eine Bushaltestelle eingerichtet.[4] Eingesetzt wurden Busse des Typs LAZ-699. Während den Bauarbeiten am Kernkraftwerk war die Zahl der benötigten Busse größer, sodass der Industrieverbund des Kernkraftwerks Tschernobyl selber noch einmal zusätzlich 167 Busse zur Verfügung stellte.[7]

Bahnhofsgebäude im Jahr 2011

Pripjat liegt mit dem Bahnhof Janow an der Bahnstrecke Owrutsch–Tschernigow, die Teil der Fernverkehrsverbindung zwischen Chmelnyzkyj und Moskau. Durch die mögliche regionale Weiterreise mit dem Bus war der Bahnhof ein stark belebter Knotenpunkt an der Bahnstrecke. Bedient wurde die Strecke allerdings nur mit Nahverkehrszügen zwischen Owrutsch und Tschernigow. Langfristig sollte erwirkt werden, dass Pripjat auch Fernverkehrshalt für die Expresszüge zwischen Chmelnyzkyj und Moskau werden sollte, wozu es allerdings nie kam.[26] Gebaut wurde der Bahnhof bereits 1925 für das damalige Dorf Janow und wurde mit dem Bau des Kernkraftwerks maßgeblich erweitert. Die gesamte Strecke westlich nach Tschernigow ist ab dem Bahnhof Janow elektrifiziert, der Teil nach Owrutsch ist nur mit Dieselzügen befahrbar, was allerdings strategisch bedingt war, da große Schwerkomponenten für das Kernkraftwerk nur über diesen Weg angeliefert werden können. Obwohl nach dem Unfall 1986 der westliche Teil stillgelegt wurde und verwilderte, wird die Bahnstrecke dennoch für die Anlieferung großer Komponenten selten von Güterzügen befahren. Im westlichen Teil befindet sich zudem die Logistikstation um die angelieferten Waren umzuschlagen und abzutransportieren. Heute wird das Bahnhofsgebäude vom Unternehmen Tschernobylservice genutzt um Wartungen an Fahrzeugen durchzuführen, die in der Sperrzone verwendet werden.

Durch die Lage am Pripjat gab es als dritten Verkehrsweg einen Flussbahnhof in der Janow-Bucht, die nach den ursprünglichen Plänen im vollendeten Bauzustand der Stadt im Stadtzentrum liegen sollte. Durch den Einsatz der Schiffe des Typs „Woschod“ (deutsch Sonnenaufgang), „Raketa“ und „Meteor“ gab es über den Pripjat und den Dnepr eine direkte Verbindung mit der Rajonstadt Tschernobyl, die gleichzeitig Sitz der bedienenden Dnipro Schiffahrtsgesellschaft war, und Hauptstadt Kiew, zu der Tagesreisen mit dem Schiff dorthin, oder von Kiew aus nach Pripjat möglich waren. Bis 1976 wurde zudem der Pripjat auch nördlich der Stadt Pripjat schiffbar gemacht.[5] In Pripjat war allerdings nur ein Schiff beheimatet des Typs „Raketa“ mit dem Namen „Horizont“ (russ. Горизонт), die 1973 gebaut wurde und nach dem Unfall weiterhin in der Stadt Mykolajiw in der Südukraine Dienst war, mittlerweile jedoch verschrottet wurde.[28]

Sehenswürdigkeiten und Kultur

Der Kulturpalast „Energetik“ - Zentrum der Stadt

Obwohl es sich um eine sehr junge Stadt handelte, entwickelte sich insbesondere in der Künstlerszene die Stadt zu einem Talentmagneten und einem brummenden Kulturzentrum der Sowjetunion.[3] Kulturzentrum war daher der Kulturpalast „Energetik“ im Zentrum der Stadt Pripjat, in dem Theatheraufführungen stattfanden. Entlang der Straße „Ulitza Kurtschatowa“ (Kurtschatow-Straße) befanden sich andere kulturelle und sehenswürdigen Einrichtungen, darunter die Musikschule, sowie daneben das Kino „Prometheus“. Der Name des Kinos war sorgfältig gewählt worden, nachdem die in Pripjat ansässige Künstlergruppe „Strontium-90“ eine Statue des griechischen Gottes fertigte.

An normalen Wochentagen spielte sich das Leben insbesondere in den Läden der Stadt ab, sowie in den dauerhaft geöffneten Sport- und Kultureinrichtungen. Die Einwohner von Pripjat waren sportlich sehr aktiv. An den Wochenenden spielten insbesondere die großen kulturellen Einrichtungen wie der Kulturpalast und das Kino eine Rolle, sowie die Schiffahrtsanbindung in Richtung Tschernobyl und Kiew, die kurze Tagesausflüge möglich machten.

Einer der Hauptattraktionen von Pripjat, wohl die meist bekannte Attraktion, ist der Vergnügungspark mit dem charakteristischen Riesenrad. Ursprünglich sollte der Park zu den Maifeierlichkeiten am 1. Mai 1986 eröffnet werden, was allerdings aufgrund des Reaktorunfalls nie geschah.[3]

Kulturpalast „Energetik“

Der Kulturpalast im Jahr 2013

Mittelpunkt der Stadt war der Kulturpalst, in dem es mehrfach im Jahr Aufführungen gab, sowie jedes Wochenende die Disco Edison-2 stattfand. Der Palast umfasst neben einem Cafe auch ein Theater und eine Sporthalle. Die Aufführungen im Theater des Kulturpalasts wurden vom literarischen Verein „Prometheus“ organisiert und auch von deren 20 ständigen leitenden Mitgliedern geschrieben. Der Verein war auch für die Verwaltung des Kulturpalastes zuständig. Einer der bekanntesten Personen, die 1983 bis zum Reaktorunfall 1986 den Kulturpalast leitete, war Ljubow Sirota.

Kino „Prometheus“

Das Kino bot Platz für insgesamt 1220 Personen.[7] Das Kino wurde erst in den 1980ern errichtet und war einer der Mittelpunkte der Stadt entlang der Kurtschatow-Straße.

Tanzplatz

Der Tanzplatz befindet sich etwas außerhalb der Stadt. Dabei handelt es sich um einen glatt gepflasterten Platz mit Holzeinrahmung, umgeben von Zuschauerrängen. In der Sowjetunion waren solche Plätze nicht selten, an denen zu besonderen Anlässen Tänzer auftraten und zu meist Musik tanzten, die der sowjetischen Propaganda entsprach.

Stadtpark mit Vergnügungspark

Kern der Stadt war der große Park, der zusammen mit dem nie geöffneten Vergnügungspark den Mittelpunkt der Stadt sein sollte. Der Vergnügungspark war eine Initiative, die auch in anderen Atomgrads in der Sowjetunion in den 1980ern ergriffen wurde, um das Leben in diesen Städten schmackhafter zu machen. Ähnlich wie Pripjat erhielt auch die Stadt Desnogorsk am Kernkraftwerk Smolensk einen Vergnügungspark, der mangels Investitionen nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder aufgegeben wurde. Im Bereich des Vergnügungsparks findet man diverse Moose, die Hotspots aufweisen.

Stadion Awangard

Das Stadtion Awangard war einer der Mittelpunkte von Pripjat. Das ursprüngliche Stadion wurde in den 1970ern errichtet und war das Hausstadion des Fußballclubs Budivel'nyk (ukrainisch Будівельник). Der Verein war insbesondere bei regionalen Meisterschaften aktiv, sowie in der Liga der Oblast Kiew. Die Budivel'nyk waren sehr erfolgreich, so wurden sie 1981, 1982 und 1983 Saisonsieger der Oblast Kiew. Da das Stadion in dieser Zeit zu klein geworden ist, erfolgte der Ausbau auf 5000 Zuschauerplätze, sowie der Bau einer Rennstrecke um den Fußballplatz. Ursprünglich sollte das Stadion am 1. Mai 1986 neu eröffnet werden, wobei es dem gleichen Schicksal wie dem Vergnügungspark zum Opfer fiel und nie eröffnet werden konnte. Das Stadion ist heute stark mit Bäumen bewachsen.[29]

In Pripjat gab es neben dem Stadion Awangard noch ein zweites kleineres Stadion, sowie 10 Sporthallen.[7]

Schwimmbad „Lazurni“

Das Schwimmbad Lazurni war eines von drei Schwimmbädern in der Stadt, allerdings das größte und bekannteste.[7] Als einer der wenigen Einrichtungen war das Schwimmbad für Mitarbeiter des Kernkraftwerks auch nach dem Reaktorunfall weiterhin geöffnet und wurde erst 1996 aus sanitären Gründen geschlossen. Das Gebäude selber ist ein Standardgebäude vom Typ 2043R-00-AR, allerdings in modifizierter Variante, da die Beheizung nicht mit Kesseln im Schwimmbad stattfand, sondern durch Fernwärme aus dem Kernkraftwerk. Ein baugleiches Schwimmbad befindet sich in der Stadt Kirowgrad, allerdings mit vor dem Gebäude vorgelagerten Kesselhaus.

Vereine

In Pripjat gab es mehrere Vereine. Neben dem literarischen Verein zählten zu den größeren unter anderem der Yachtclub im Nordosten der Stadt, sowie die Genossenschaft der Autoliebhaber im gleichen Bereich, begründet durch die Nähe zu den städtischen Garagenanlagen, sowie der Sportclub „Stroitilej“, die unter anderem die Sauna nahe des ersten Mikrorajons betrieben, sowie den benachbarten Sportkomplex „Awangard“ - nicht zu verwechseln mit dem Stadion.

Hotels und Cafés

Hotel Polesje

Das Hotel Polesje war das einzige Hotel in Pripjat mit insgesamt 1206 Zimmer.[7] Nach dem Reaktorunfall wurde das Gebäude insbesondere zur Verwaltung von Wissenschaftlern fortgenutzt und erst mit dem Ende der letzten Versuche, die Stadt zu retten, 1989 aufgegeben.

Café Pripjat

Das Café Pripjat befindet sich direkt am Flussbahnhof. Das relativ kleine Café war in besonderen Design ausgeführt, so unter anderem die großen Bleiglasfenster, die verschiedene Muster aufwiesen.

Café Olympic

Das Café Olympic stand nahe des Awangard Stadions. Das Café war erst mit dem Ausbau des Stadions entstanden und wurde nie eingeweiht.

Öffentliche Einrichtungen

Krankenversorgung

Insgesamt gab es drei Polikliniken in Pripjat, bei denen es sich bei einer Klinik um eine Kinderklinik handelte. Zentrum war allerdings der Krankenhauskomplex im Südosten der Stadt, in der 410 Betten zur Verfügung standen. Die gesamte Aufnahmekapazität aller drei Poliklinik lag bei 1750 Patienten.[7]

In der Nacht und am Tag des 26. April 1986 wurden die ersten Verletzten aus dem Kernkraftwerk ins Krankenhaus gebracht.[15] Bereits als Vorsichtsmaßnahme wurden daher Neugeborene und konventionelle Patienten von Pripjat nach Tschernobyl verlegt.[23] Bereits in den Morgenstunden erbrachen sich die meisten Patienten aus dem Kernkraftwerk aufgrund des akuten Strahlensyndroms im Krankenhaus.[15]

Bildungseinrichtungen

Inneneinrichtung der Mittelschule Nr. 3 im Jahr 2011

Insgesamt gab es in Pripjat 15 Kindergärten mit 4980 Plätzen und 5 Sekundarschulen mit 6786 Plätzen.[7] Aufgrund des demographischen Wandels, begründet durch das junge Durchschnittsalter von 26 Jahren und der Geburtenrate von knapp 1000 Kindern jedes Jahr, war der Ausbau von Bildungseinrichtungen ein wichtiges Thema der Stadt.[5] Um einen hohen Bildungsstandard zu gewährleisten, wurden Lehrer aus der Ukraine und der Sowjetunion nach Pripjat beordert. In der Regel waren 5 bis 6 Lehrkräfte pro Schule dabei, die Auszeichnungen auf Republikebene oder Staatsebene erhalten haben.[15]

Nahe des Stadtzentrums befindet sich die technische Berufsschule der Stadt, die eine Zweigstelle des in Kuibyschew (Oblast Novosibirsk) ansässigen energetischen Technikums war, in der direkt Personal für die Energiebranche ausgebildet werden konnte.[5] Insgesamt bot die technische Berufsschule Platz für 600 Schüler.[7]

Industrie und Wirtschaft

Das wirtschaftlich größte Unternehmen in Pripjat war der Industrieverband Kernkraftwerk Tschernobyl (russisch Производственное объединение Чернобыльская АЭС), der wiederum Sojusatomenergo gehörte und mit dem Kernkraftwerk der größte Arbeitgeber war. An dem Kernkraftwerk wiederum hingen weitere Unternehmen, die in Pripjat Zweigstellen einrichteten, darunter unter anderem Atomenergoremont, Lwowenergoremont, Juschteploenergomontasch, Juschenergomontasch, Juschenergomotaschwentiljazija, Sojusatomenergomontasch, Sojusenergosaschita, Gidromontasch, Gidroelektromontasch, sowie eine Abteilung des Entsorgungsbetriebs PO Majak. Das zweitgrößte Unternehmen war die Radiofabrik Jupiter, die ähnlich wie die Angestellten im Kernkraftwerken Vorteile in der Stadt hatten. Insgesamt lag die von Industrieunternehmen besiedelte Fläche bei 30000 Quadratmetern.[1] Insgesamt waren in Pripjat nur vier Unternehmen industriell fest tätig, die allerdings jährlich einen Umsatz von knapp 477 Millionen Rubel erwirtschafteten.[7]

Kleingewerbe

Als sozialistische Modellstadt der Sowjetunion und Atomgrad gehörte Pripjat zu einer der wenigen Städten neben den Hauptstädten der Sowjetrepubliken, die über den Primärweg mit Waren beliefert wurden, weshalb es in den Läden nie an Waren mangelte wie in anderen Städten der Sowjetunion oft Routine.[9] Wie viele Monogorods in der Sowjetunion herrschte auch in Pripjat eine Art Vollbeschäftigung. Neben dem Kernkraftwerk waren die meisten Menschen in der Stadtverwaltung, bei Transportdienstleister und im Handel beschäftigt.[1]

Insgesamt gab es 25 Geschäfte in der Stadt mit einer Verkaufsfläche von 9239 Quadratmetern. Separat kommen dazu noch 27 öffentliche Kantinen, Cafés und Restaurants, die insgesamt Platz für 5535 Personen boten. Um die Waren zu lagern gab es in der Stadt 10 Lagereinrichtungen, die mit 4213 Quadratmetern etwa Platz für 4430 Tonnen Ware boten.[7]

Fabrik „Jupiter“

Aufgrund des hohen Bildungsstandards in Pripjat entschied das Unternehmen „Leuchtturm“ in Pripjat die Fabrik „Jupiter“ zu errichten. Die Fabrik wurde 1980 eröffnet und produzierte elektronische Halbleiter und spezielle Anwendungen für das Militär. Was genau die Fabrik produzierte unterlag der Geheimhaltung. Nach dem Unfall 1986 wurde das Werk großflächig dekontaminiert und bis 1996 weiter verwaltet. Parallel nutzte das Unternehmen Spezatom ab 1986 Teile des Werks als Standortbasis für die Überwachung und Dekontaminierung um das Kernkraftwerk und der Stadt.

Fabrik „Kuchnaja“

Die Fabrik „Kuchnaja“ befindet sich außerhalb der Stadt Pripjat in Richtung Marktplatz, nahe dem Bahnhof Janow. Bei der Fabrik handelte es sich um eine Großbäckerei, die regional Bäckereien mit Backwaren belieferte. Die Fabrik besitzt unter anderem einen Gleisanschluss.

Werkstatt für Sondermaschinenbau

Die Werkstatt für Sondermaschinenbau wurde 1986 eingerichtet. Hierbei handelte es sich um ein Entwicklungszentrum, in dem technische Lösungen für die Liquidierung der Unfallfolgen entwickelt wurden. Darunter unter anderem spezielle Greifwerkzeuge, einfach entworfene Roboter, sowie diverse Fahrzeugmodifikationen. Die Arbeit stellte die Werkstatt 1996 ein.

Gebäude der experimentellen Treibhauswirtschaft

Das Gebäude der experimentellen Treibhauswirtschaft ist Teil eines Forschungskomplexes der sich damit befasste, Pflanzen, die für die Nahrungsmittelproduktion nötig sind, in beheizten Treibhäusern zu züchten. Nach 1986 wurden die Gebäude anderweitig genutzt. Ähnliche Versuchsanlagen gab es auch in anderen Atomgrads, da die Nähe zu den Kraftwerken und die Fernwärmeversorgung, sowie die Prozessdampfversorgung eine günstige Lage darstellten.

Parteipropaganda

„Stark, Mutig, Agil“ - Sowjetische Ideale als Slogan in einer Sporthalle

Wie auch die anderen Städte der Sowjetunion blieb Pripjat, insbesondere als relativ junge Stadt, nicht von der Propaganda der kommunistischen Partei der Sowjetunion verschont.

Elemente in der Stadt

Leninstraße 2 vor dem Unfall

Im ersten Mikrorajon der Stadt befinden sich drei Hochhäuser des Bautyps 121-60-25, die sich an der Leninstraße, Ecke Straße der Völkerfreundschaft, befinden. An dieser Stelle wurden die Arbeiter, die alltäglich zum und vom Kernkraftwerk fuhren, mit Parolen der Partei, sowie Erfolgen des Kernkraftwerks konfrontiert. Fest auf den Gebäuden der Leninstraße 2 und 4, sowie der Straße der Völkerfreundschaft 1, befanden sich die allseits verbreiteten kommunistischen Parolen „Frieden für die Welt“ (Миру мир auf Leninstraße 4), „Ruhm zur Arbeit“ (Слава труду auf Völkerfreundschaft 1) und „Ruhm der KPdSU“ (Слава КПСС auf dem Frontgebäude Leninstraße 2) fest montiert. An allen drei Gebäuden wurden immer wieder Banner aufgehängt, auf denen allgemeine oder spezifische kommunistische Parolen zu lesen waren, wie 1982: „Einheit von Partei und Menschen ist unzerbrechlich“ (Единство партий и народа нерушимо an Leninstraße 4), „Wir werden die IV, V, VI Energieblöcke des Kernkraftwerks Tschernobyl in Betrieb nehmen“ (Посрочно введем в действие IV, V, VI энергоблоки ЧАЭС an Leninstraße 2) und „Frieden befestige deine Arbeit!“ (Мир крепи трудом своим! an Völkerfreundschaft 1). Ebenfalls befanden sich Ende 1983 an der Kreuzung zwei Parolen des Kernkraftwerks mit roten Hintergrund und weißer Schrift: „Energetiker des Kernkraftwerks Tschernobyl benannt nach W. I. Lenin haben zusgesagt im Jahr 1981 über den Plan 50 Millionen Kilowattstunden elektrische Energie zu erarbeiten“ (Энергетики ЧАЭС им. В. И. Ленина обязались в 1981 год выработать сверх плана 50 млн. квт. час. электроэнергий an der Straße der Völkerfreundschaft) und „Energetiker des Kernkraftwerks Tschernobyl benannt nach W. I. Lenin haben zusgesagt die Produktion bis zum 22. Dezember 1983 umzusetzen“ (Энергетики Чернобыльской АЭС им. В. И. Ленина обязались план по реализации продукции выполниц к 22. Декабрия 1983 годин. an der Leninstraße). Noch 1981, als Block 4 noch voll im Bau war, hing an der Straße der Völkerfreundschaft die Parole „Bauarbeiter des Kernkraftwerks Tschernobyl benannt nach W. I. Lenin haben zusgesagt die Bau- und Montagearbeiten nach Plan bis zum 22. Dezember 1981 umzusetzen.“ (Строительство ЧАЭС им. В. И. Ленина обязались выполнить план строительной-монтащних работ к 22. Декабрия 1982 годин.). Der 22. Dezember ist in der Sowjetunion und heute noch in Russland der „Tag der Energiewirtschaft“, eine Art Feiertag für die Arbeiter, die in der Energiewirtschaft arbeiten, der insbesondere zu kommunistischen Zeiten als Zieldatum für die Planerfüllung vor dem Jahresende genutzt wurde und daher ein Schlüsseldatum ist, insbesondere für Großereignisse. So kommt es auch, dass zum Tag der Energiewirtschaft am 22. Dezember 1983 Tschernobyl 4 erstmals ans Netz ging, oder Tschernobyl 2 am 21. Dezember 1978, es allerdings am Folgetag eine Parade zum Bauabschluss der ersten Baustufe in der Stadt gab.

Ein besonderes Element bildet der Schriftzug auf dem Gebäude der Lazarewastraße 3, der heute noch zu erkennen ist und eine Parole der sowjetischen Atomwirtschaft war, seit der Inbetriebnahme des ersten vollständig zivilen Kernkraftwerks in Nowoworonesch: „Lasst es Atomarbeiter sein und keine Soldaten!“ (Хай буде атом робітником а не солдатом). Eine Besonderheit an dieser Parole ist, dass sie im Gegensatz zu allen anderen Elementen in der Stadt nicht in russisch, sondern ukrainisch verfasst wurde, obwohl Amtssprache russisch war und erst 1990 das Recht eingeräumt wurde, lange nachdem die Parole installiert wurde, auch eigene Amtssprachen in den Sowjetrepubliken einzuführen.

Auf dem Dach der Stadtverwaltung stand ursprünglich die Parole „Menschen und Partei – Vereint“ (Народ и партия – едины).

Im sowjetischen Kommunismus allgegenwärtig war in der Sowjetunion der Hammer und die Sichel, die auch die Nationalflagge prägten. Auch diese Elemente sind in der Stadt mehrfach zu finden. Am Auffälligsten zu sehen ist es im Wappen der Sowjetunion zu sehen, das sich auf den beiden 16-stöckigen Hochhäusern der Lazarewastraße 1 und Lazarewastraße 7 befindet. Zu finden ist der Hammer und die Sichel allerdings auch in den einzelnen Straßenzügen der Stadt, an denen sich in einem Stern gefertigt Aufhänger an den Straßenlaternen befinden, oftmals auch nur der rote Stern als Symbol des Kommunismus.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p q r EMRAS Urban Remediation Working Group: Scenario for modeling changes in radiological conditions in contaminated urban environments, Mai 2006. Abgerufen am 30.08.2015. (Archivierte Version bei WebCite)
  2. International Atomic Energy Agency: The Chernobyl accident: updating of INSAG-1 : INSAG-7 : a report. In: IAEA safety series, no. 75-INSAG-7. IAEA safety reports. International Atomic Energy Agency, 1992. ISBN 9201046928. Seite 32 bis 34, 51 bis 55.
  3. a b c d e Russia Today: Pripyat: ghost city chronicles. Film, Erstausstrahlung am 28.08.2008.
  4. a b c d e f g h i j Чернобыльская АЭС Генеральный план поселка, Moskau 1971.
  5. a b c d e f g h i j k l m n o Pripyat.com: У самых истоков истории Города Припяти. Abgerufen am 29.10.2017. (Archivierte Version bei WebCite)
  6. Pripyat.com: Хронология событий. Abgerufen am 10.11.2013. (Archivierte Version bei Archive.is)
  7. a b c d e f g h i j k l Pripyat.com: Припять в цифрах. Abgerufen am 25.04.2018. (Archivierte Version bei Archive.li)
  8. Верховна Рада України: м Прип'ять, Київська область. Abgerufen am 29.10.2017. (Archivierte Version bei WebCite)
  9. a b c d e France Mesle, u.a.: Prypiat died – long live Slavutych: Mortality profile of population evacuated from Chornobyl exclusion zone. Abgerufen am 30.08.2015. (Archivierte Version bei WebCite)
  10. a b c R.F Mould: Chernobyl Record: The Definitive History of the Chernobyl Catastrophe, CRC Press, 2000. ISBN 1420034626. Seite 107.
  11. a b c Philip Steadman, u.a.: Nuclear Disasters & The Built Environment: A Report to the Royal Institute of British Architects, Elsevier, 2013. ISBN 1483106225. Seite 55.
  12. ИТАР-ТАСС Урал: Персонал Белоярской АЭС спас мир от "уральского чернобыля" в 1978 году, 26.04.2006. Abgerufen am 27.11.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  13. a b c Robert E. Ebel: Chernobyl and Its Aftermath: A Chronology of Events, CSIS, 1994. ISBN 0892063025. Seite 14.
  14. U.S. Nuclear Regulatory Commission: Nuclear Regulatory Commission Issuances: Opinions and Decisions of the Nuclear Regulatory Commission with Selected Orders, Band 26,Ausgaben 1-6, University of Michigan, 1987. Seite 528.
  15. a b c d Tаймер: Припять. 1986. Эвакуация. Воспоминания очевидца, 26.04.2013. Abgerufen am 24.04.2018. (Archivierte Version bei Archive.li)
  16. chornobyl.in.ua: Проект использования сооружений города Припять — создание плавильного цеха на заводе «Юпитер». Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  17. Tour Kiev: The best Chernobyl tours from the creator since 1999. Instant Booking.. Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  18. ZEIT Online: Es gibt ein Leben nach Tschernobyl, 30.03.2006. Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  19. CHORNOBYL TOUR: About CHORNOBYL TOUR. Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  20. SPIEGEL Online: Zum Gruselreaktor bitte hier entlang, 24.04.2016. Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  21. chornobyl.in.ua: Туристический центр в городе Припять — проект будущей инфраструктуры в зоне отчуждения, 2012. Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  22. chornobyl.in.ua: Припять будут демонтировать. Будущее брошенного города, 05.12.2012. Abgerufen am 04.11.2017. (Archivierte Version bei Archive.is)
  23. a b EnglishRussia: Svetlana last person who was born in Pripyat, 04.10.2017. Abgerufen am 10.10.2017. (Archivierte Version bei WebCite)
  24. Pripyat-city: Припять до катастрофы: как выглядел самый передовой город на западе СССР. Abgerufen am 29.10.2017. (Archivierte Version bei WebCite)
  25. a b Л. В. Ковалевская,, u.a.: Чернобыльский дневник: 1986-1987 гг. : заметки публициста, "Рад. письменник, 1990. ISBN 5333008515. Seite 14.
  26. a b Українське телебачення і радіомовлення (УТР): Причастность, Film 1983.
  27. Pripyat-city: Припять до аварии. Часть XXXII, 04.09.2015. Abgerufen am 29.10.2017. (Archivierte Version bei WebCite)
  28. Водный транспорт: Горизонт. Abgerufen am 07.10.2017. (Archivierte Version bei WebCite)
  29. Sport.ua: Как сегодня выглядит стадион Авангард в Припяти, 26.04.2016. Abgerufen am 24.04.2018. (Archivierte Version bei Archive.li)

Siehe auch

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