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Kernkraftwerk Stein

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Kernkraftwerk Stein
Unbebauter Standort 2012
Unbebauter Standort 2012
Standort
Land Flag of Austria.svg Österreich
Bundesland Niederösterreich
Ort St. Pantaleon-Erla
Koordinaten 48° 13′ 39″ N, 14° 33′ 22″ OTerra globe icon light.png 48° 13′ 39″ N, 14° 33′ 22″ O
Reaktordaten
Eigentümer Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GmbH
Betreiber Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GmbH
Planungen storniert 1978
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Stein sollte nahe der Gemeinde Sankt Pantaleon-Erla in Niederösterreich entstehen. Die an der Mündung der Enns in die Donau einst geplante Anlage war mit einem Reaktor bis 1300 MW geplant gewesen und 1978 aufgrund der Änderung des Atomgesetzes aufgrund einer Volksabstimmung storniert worden. Stein sollte das zweite Kernkraftwerk in Österreich werden.

Geschichte

Am 23. März 1973 entschied die Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld GmbH für das Kernkraftwerk Tullnerfeld in Zwentendorf einen Siedewasserreaktor bei der Kraftwerk Union AG mit 700 MW zu bestellen.[1] Allerdings war bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass durch den steigenden Energiebedarf eine Anlage nicht ausreichen würde, weshalb das 1969 beschlossene 10-jährige Ausbauprogramms bis Sommer 1971 abgeändert werden sollte. Hierbei haben die Landesverbundgesellschaften insbesondere ihr Interesse an der Beteiligung an einem zweiten Kernkraftwerk geäußert, das zwischen 1978 und 1981 den Betrieb aufnehmen sollte. Zunächst lag die Beteiligung allerdings nur bei einer benötigten Blockgröße von 500 MW. Für den wirtschaftlichen Betrieb liegt die Blockgröße jedoch bei mindestens 700 MW. Eine Entscheidung über den Standort war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefallen, allerdings favorisierte man wieder einen Standort an der Donau.[2] Aufgrund einer Neuprognose bis 1973 war mindestens eine Blockgröße von 1000 MW vorgesehen gewesen, sowie der Bau eines weiteren Kernkraftwerks bis zum 1985 und eine vierte Anlage bis zum Ende des Jahrzehnts. Für die zweite Anlage wurde bis 1973 eine Standortuntersuchung an der Grenze zu Oberösterreich an der Mündung der Enns in die Donau vorgenommen.[3] Im April 1978 wurden die Planungen für das zweite Kernkraftwerk offiziell seitens des Bundesministers für Verkehr und Elektrizitätswirtschaft, Erwin Frühbauer, bekanntgegeben. Für die Bedarfsanpassung wurde die Anlagengröße nunmehr auf 900 bis 1300 MW neu festgelegt.[4]

Am 27. November 1973 gründete sich für Bau und Projektion der Anlage die „Kernkraftwerks-Planungsgeschaft mbH“, an der die Landesgesellschaften und die Wiener Stadtwerke AG beteiligt war. Dabei wurde ein Leistungsbedarf von 820 MW seitens der Projektgesellschafter benötigt, sowie die Verbundgesellschaft noch einmal einen Bedarf von 500 MW. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nicht klar, ob man einen 1300 MW bestellen wird, oder einen kleineren 1000 MW starken Block, was von der zukünftigen prozentualen Beteiligung der Energieversorgungsunternehmen Österreichs abhing. Die Ausschreibung sollte ab Sommer 1974 erfolgen.[5] Am 20. Februar 1974 wurde die Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GmbH mit Sitz in Sankt Pantaleon gegründet, die als Eigentümer und Betreiber auftreten sollte.[6] Im gleiche Jahr unterzeichnete die Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GmbH mit der sowjetischen Techsnabexport ein Abkommen zur Lieferung und Anreicherung von Uran für das Kernkraftwerk. Das Abkommen umfasste die Lieferung des Erstkerns, sowie der ersten Nachladung.[7] Die im Sommer lancierte Ausschreibung für den Reaktorblock wurde im Oktober bis zum 11. November 1974 verlängert. Hierbei holte die Kernkraftwerks-Planungsgeschaft Angebote für Druck- und Siedewasserreaktoren der Leistungsklasse 900 bis 1000 MW, sowie 1200 bis 1300 MW ein. Bis zu diesem Zeitpunkt haben vier Bietergemeinschaften bereits Angebote eingereicht: Siemens Österreich, Elin-Union AG und KWU (Deutschland); BBC/BBR aus Deutschland mit der österreichischen Brown Boveri AG; die General Electric Technical Services Co. in Zusammenarbeit mit Elektrowatt und BBC (Schweiz); ASEA-Atom Investors (Schweden), vertreten durch die österreichische ASEA-GmbH. Aufgrund der hohen Auslastung im Kraftwerksbau haben sowohl Westinghouse, als auch Framatome der Ausschreibung abgesagt. Mit der Auftragsvergabe für das nunmehr offiziell bei St. Pantaleon-Erla geplante Werk rechnete man im Jahr 1975.[8] Über das Jahr 1974 bis Dezember formierte sich erster Widerstand in der Bevölkerung gegen die Anlage, bei der 75.000 Unterschriften gegen die Anlage gesammelt wurden.[9][10] 1974 wurden außerdem der bereits erworbene Standort abgesiedelt und die letzten Bauernhöfe in Stein abgerissen.[10]

Am 1. April 1975 gab der Handelsminister Josef Staribacher bekannt, den Baubeginn für das Kernkraftwerk zu verschieben. Allerdings fiel die Entscheidung die Blockgröße auf 1300 MW festzulegen. Offiziell lautete die Begründung, dass der Strombedarf geringer ansteigen würde, als vorhergesehen, was allerdings diametral gegen die Entscheidung spricht, die am 18. März 1975 die Regierung fällte und den Energieplan von 1971 ohne Beanstandungen bestätigte. Allerdings ließen die Äußerungen von Bundeskanzler Bruno Kreisky erahnen, dass man sich hier eine politische Entscheidung wünschte aufgrund der Proteste vor Ort.[11] Die Proteste radikalisierten sich insbesondere nach einer Ansprache von Bundeskanzler Bruno Kreisky weiter, nachdem die Gegner auch Bauplatzbesetzungen androhten.[9] Die Verzögerung, die im April angekünfigt wurde, belief sich auf ein Jahr, allerdings sei nach Ansicht der Energieversorger eine Inbetriebnahme vor 1985 bis 1986 nicht notwendig. Über das Jahr 1975 wurden die Bodenuntersuchungen am Standort abgeschlossen und die Eignung für den Bau eines Kernkraftwerks bestätigt.[12] Im Jahr 1977 wurde das Verfahren zur Bewilligung der Errichtung eines Kernkraftwerks am Standort Stein Sankt Pantaleon-Erla beantragt und damit das Ersuchen der ersten Teilerrichtungsgenehmigung. Wann sie jedoch veräußert wurde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, da außer die Standortstudien und geologischen und hydrologischen Gutachten noch kein Reaktortyp gewählt war.[13]

Im Jahr 1978 wurden die ersten Vorbereitungen für das Kernkraftwerk begonnen, darunter die Installation eines 73 Meter hohen Messmast. In der Nacht vom 22. auf den 23. März wurden zwei der acht Stahlseile, die den Messmast in Position hielten, von unbekannten Tätern durchgeschnitten.[10] Am 8. November 1978 folgte die Volksabstimmung über die Inbetriebnahme von Tullnerfeld und die Änderung des Atomgesetzes, die den Neubau von Kernkraftwerken verbieten würde. 50,47 % der Österreicher sprachen sich dabei für den Verbot der Nutzung der Kernenergie aus. Von den 1500 Stimmberechtigten Bürgern in Sankt Pantaleon haben 70 % an der Abstimmung teilgenommen, die zu 90 % die Nutzung der Kernenergie ablehnten.[14] Damit war es unmöglich geworden das Kernkraftwerk zu realisieren und das Projekt von staatlicher Seite storniert worden.

Am 1. Januar 1979 wurde die Liquidation der Projektgesellschaft Kernkraftwerks-Planungsgeschaft mbH eingeleitet,[15] kurz darauf im Juni auch die Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GmbH, die bis Ende 1979 ihre Liquidation vollenden wollte.[16] Die 48 Tonnen Kernbrennstoff für das Kernkraftwerk Stein, der bereits von der Sowjetunion auf 2,78 bis 3,25 % angereichert wurden, wurden 1978 zur Lagerung in die Bundesrepublik Deutschland zur Reaktor Brennelemente Union AG gebracht und dort für die weitere Verarbeitung gelagert. Nach dem Referendum 1978 bot die österreichische Regierung dieses zum Verkauf an, auch wenn die Genehmigung seitens der Sowjetunion ausstand, Deutschland aber bereit war eine Exportlizenz zu genehmigen. Im Jahr 1980 organisierte RG&E den Erwerb und Import des Brennstoffs in die Vereingten Staaten, um in der Urananreicherungsanlage Gaithersburg daraus Kernbrennstoff für das Kernkraftwerk Ginna herzustellen. Das Unternehmen ersparte sich dadurch rund 2 Millionen Dollar an Kosten für den Erstkauf des Kernbrennstoffs. Der Kernbrennstoff war der erste importierte Kernbrennstoff in den Vereinigten Staaten, der nicht weiterverkauft, sondern in eigenen Anlagen genutzt wurde.[17][18]

Das einst von der TIWAG geplante Pumpspeicherkraftwerk Matrei-Raneburg sollte das Kernkraftwerk Stein ursprünglich ergänzen und den Volllastbetrieb der Anlage sicherstellen. Das Kraftwerk wurde nach der Aufgabe des Kernkraftwerks nicht gebaut.[19]

Bilanz

Zwischen 1974 und 1976 investierten die Anteilseigner des Kernkraftwerks 49.394.382 Schilling in die Anlage, 1977 genau 3 Millionen Schilling und 1978 weitere 32.500.000 Schilling. Die Gesamtkosten für die Anlage wurden auf 16 bis 18 Milliarden Schilling geschätzt.[10]

Eigentümer und Betreiber

Eigentümer und Betreiber des Kernkraftwerks sollte die Gemeinschaftskernkraftwerk Stein GmbH mit Sitz in Sankt Pantaleon sein. Die Verbundgesellschaft hielt am Anfang insgesamt 50% des Anteils an der Gesellschaft, der Rest teilte sich auf die übrigen Energieversorger aus Österreich auf.[6] Die Beteiligung teilte sich am Ende wie folgt auf:

  • 37,88 % - Verbundgesellschaft (Mehrheitseigentümer)
  • 12,12 % - OKA
  • 12,12 % - Wiener Stadtwerke E-Werke
  • 11,36 % - STEWEAG
  • 07,58 % - NEWAG
  • 07,58 % - VKW
  • 05,30 % - KELAG
  • 04,55 % - SAFE
  • 01,51 % - TIWAG

Einzelnachweise

  1. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 16. Handelsblatt GmbH, April 1971. Seite 155.
  2. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 16. Handelsblatt GmbH, August/September 1971. Seite 384.
  3. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 18. Handelsblatt GmbH, März 1973. Seite 135.
  4. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 18. Handelsblatt GmbH, Mai 1973. Seite 210.
  5. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 19. Handelsblatt GmbH, Januar 1974. Seite 3.
  6. a b Profil, Band 8. Wirtschafts-trend Zeitschriftenverlag, 1977. Seite 10.
  7. CNEN: Notiziario, Band 20, CNEN, 1974. Seite 12.
  8. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 19. Handelsblatt GmbH, November 1974. Seite 515.
  9. a b Robert Kriechbaumer: Nur ein Zwischenspiel (?): Die Grünen in Österreich von den Anfängen bis 2017, Vandenhoeck & Ruprecht, 2018. ISBN 3205201000. Seite 21.
  10. a b c d Initiativ gegen Atomkratwerke, 1978. Seite 6. Abgerufen am 15.06.2018. (Archivierte Version bei Archive.is)
  11. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 20. Handelsblatt GmbH, Mai 1975. Seite 219.
  12. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 21. Handelsblatt GmbH, April 1976. Seite 184, 185.
  13. Austria. Bundespressedienst: Österreichisches Jahrbuch, Band 49, Druck und Verlag der Österr. Staatsdruckerei, 1977. Seite 21.
  14. OÖ Nachrichten: Als bei Enns ein Atomkraftwerk geplant war, 26.02.2018. Abgerufen am 15.06.2018. (Archivierte Version bei Archive.is)
  15. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 24. Handelsblatt GmbH, Februar 1979 Seite 59.
  16. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany), u.a.: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 24. Handelsblatt GmbH, Juni 1979 Seite 301.
  17. Nuclear Engineering International, Band 25, Heywood-Temple Industrial Publications Limited, 1980. Seite 11, 12.
  18. Atomic Industrial Forum: Nuclear Industry, Band 27, Atomic Industrial Forum, 1980.
  19. E. Broda, u.a.: Kernenergie in Österreich: pro und contra, Springer-Verlag, 2013. ISBN 3709151171. Seite 43.

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk