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Kernkraftwerk Süd-Ukraine

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Kernkraftwerk Süd-Ukraine
Datei:Південноукраїнська АЄС.jpg
Standort
Land Flag of Ukraine.svg Ukraine
Oblast Mykolajiw
Ort Juschnoukrajinsk
Koordinaten 47° 48′ 42″ N, 31° 13′ 15″ OTerra globe icon light.png 47° 48′ 42″ N, 31° 13′ 15″ O
Reaktordaten
Eigentümer Energoatom
Betreiber Energoatom
Betriebsaufnahme 1982
Im Betrieb 3 (3000 MW)
Bau storniert 1 (1000 MW)
Einspeisung
Eingespeiste Energie im Jahr 2010 16856 GWh
Eingespeiste Energie seit 1982 396344 GWh
Stand der Daten 27. September 2011
Zusatzfunktion Fernwärme
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Süd-Ukraine (ukrainisch Південноукраїнська АЕС, russisch Южно-Украинская АЭС) steht nahe den Städten Juschnoukrajinsk und Konstantiniwka. Die in der Oblast Mykolajiw gelegene Anlage steht nahe dem Fluss Bug am Taschliskoje-Reservoir.

Geschichte

Auf der Suche nach einem geeigneten Standort wurde zuerst Roschniatiw in der Region in der Oblast Iwano-Frankiwsk gewählt, jedoch aufgrund einer möglichen Anbindung an ein Aluminiumwerk im Süden der Ukraine in die Region Mykolajiw verlegt.[1] Bereits 1975 wurde mit den ersten Planungen unter sowjetischer Leitung am Standort für das Kernkraftwerk Süd-Ukraine begonnen.[2] Die projektierte Kapazität lag im Jahre 1975 bei 4000 MW.[3] Mir dem Bau des ersten Blocks wurde am ersten März 1977 begonnen.[4] Das Kernkraftwerk Süd-Ukraine wurde als einer der ersten Kernkraftwerke in der Sowjetunion mit Druckwasserreaktoren vom Typ WWER-1000 ausgestattet, da es zuvor nur Anlagen vom Typ RBMK gab, die diese Leistungen erreichten.[5] Allerdings gab es Versäumnisse bei der Errichtung dieser Anlagen, weshalb neben dem Kernkraftwerk Leningrad als positives Beispiel, das Kernkraftwerk Süd-Ukraine eher als negatives Beispiel der Planerfüllung diente.[6] Am ersten Januar 1979 wurde mit dem Bau des zweiten Blocks begonnen,[4] wobei der erste Block bereits in einem weit fortgeschrittenen Baustadium war.[7] Im Rahmen eines Abkommens zwischen Rumänien und der Sowjetunion kündigte Rumänien eine Beteiligung an dem Kernkraftwerk Süd-Ukraine an.[8] Im Gegenzug erhält Rumänien einen Teil der erzeugten Elektrizität des Kernkraftwerks.[9]

Die Baustelle diente mehr als eine Art Versuchsobjekt, um Unzulänglichkeiten zu beseitigen und um den Bau zu optimieren. Auf dieser Basis wurde die Planung von zwei weiteren Reaktoren am Standort vorgenommen, die als standardisierte Reaktorblöcke entstehen sollten und neben dem baugleichen Kernkraftwerk Kalinin als eine Art Grundkonzeption dienen sollten.[10] Mit dem Bau des dritten Blocks wurde am ersten Februar 1985 begonnen.[4] Hierfür wurde Atommasch in Wolgodonsk in der Oblast Rostow gegründet, um die Produktion zu beschleunigen. Das erste komplette Set der neuen Reaktorserie V320 wurde für das Kernkraftwerk Süd-Ukraine gefertigt.[11] Am ersten Januar 1987 wude mit dem Bau des vierten Blocks begonnen.[12] Im Jahre 1988 ging man sogar weiter und plante eine Vergrößerung des gesamten Werken auf eine Leistung von 6000 MW bis später möglichen 8000 MW. Ein Ingenieur aus dem Kernkraftwerk warnte hiervor, insbesondere die Planung von drei großen Wasserkraftwerken am selben Standort. Einerseits würde diese Erweiterung einen extremen Einfluss auf den Wasserhaushalt des anliegenden Flusses Bug haben, andererseits würde die geplante Positionierung mit der extrem großen Leistung des Kernkraftwerks langfristig zur Überhitzung des Flusses führen, gefolgt von einer langfristigen Ausrottung aller Lebensarten in dem Gewässer.[13]

Im Jahre 1988 formierte sich ein stärkerer Protest gegen die Anlage, infolge des Reaktorunfalls von Tschernobyl im Jahre 1986. Im Gegensatz zu unerschlossenen Standorten ist der Protest bei bestehenden Standorten wie insbesondere Süd-Ukraine relativ gering und eher mit weniger wichtigen Bedenken gegen diese Anlage verbunden. Bei der 19. Parteikonferenz der KPdSU wurde Süd-Ukraine angesprochen als gefährdeter Standort, jedoch konnten nach einem unabhängigen Expertengutachten eine gefährdende Lage ausgeschlossen werden, da die Region vor Überflutung geschützt ist und die Lage seismisch ruhig ist.[14] Für die zukünftig geplanten Blöcke wurde ebenso ein unabhängiges Gutachten vorgenommen, dass von dem Zubau weiterer Blöcke warnt, weshalb die Planung für weitere vier Reaktoren am Standort verworfen wurden.[15] Weiter ist bereits für die beiden bestehenden Reaktoren und die in Bau befindlichen Anlagen ein Wassermangel zu erwarten, weshalb die Blöcke in warmen Sommermonaten eventuell mit gedrosselter Leistung fahren müssen, oder ganz vom Netz gehen müssten. Eine ähnliche Situation stellt sich am Standort Riwne heraus.[16] Im April 1989 führte eine Unterschriftensammlung zu 200.000 Unterschriften, die für einen Baustopp des Kernkraftwerks Süd-Ukraine plädierten. Der Ministerrat der UdSSR stoppte daraufhin im Dezember 1989 den Bau des vierten Blocks.[14] Im Rahmen der Schließung des ältesten Kernkraftwerks in Tschernobyl gab es im Jahre 1994 wieder Überlegungen, den vierten Block doch fertigzustellen.[17][18] Allerdings wurde die Fertigstellung der Reaktoren Chmelnyzkyj-2 und Riwne-4 vorgezogen.

Betrieb

Am 31. Dezember 1982 wurde der erste Block erstmals mit dem Stromnetz synchronisiert und ging am 18. Oktober 1983 in den kommerziellen Betrieb.[4] Durch den fertiggestellten Block, sowie die zusätzlichen Kapazitäten in den Werken Kalinin und Saporischschja konnte die Energieversorgung über den Dezember 1983 bis hin in das Jahr 1984 über den Winter besser sichergestellt werden als in den vorherigen Jahren.[19] Am sechsten Januar 1985 ging der zweite Block erstmals ans Netz und wurde am sechsten April 1985 in den kommerziellen Betrieb übergeben.[4] Im gleichen Jahr konnte die 750 kV-Übertragungsleitung nach Rumänien und weiter nach Bulgarien in Betrieb genommen werden.[20] Insgesamt standen Rumänien bis zum Jahre 2004 fünf Milliarden Kilowattstunden aus dem Kernkraftwerk zu.[21]

Am 20. September 1989 wurde der dritte Block des Werkes mit dem Stromnetz erstmals synchronisiert und am 29. Dezember 1989 dem Betreiber für den kommerziellen Betrieb übergeben.[4] Im Oktober 1990 fiel die 750 kV-Leitung nach Rumänien aus, sodass mehrere Industriebetriebe in der Umgebung von Dobrudscha völlig ohne Elektrizität aus dem Kernkraftwerk Süd-Ukraine waren.[21] Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde das Kernkraftwerk ukrainisches Eigentum. In der Folge gab es einen Wartungsmangel an den Anlagen, sodass 1992 der zweite Block des Kernkraftwerks aufgrund einer sofort notwendigen Reparatur der Dampferzeuger für ein Jahr vom Netz gehen musste. Ähnliche Fälle gab es bereits im ersten Block des Werkes.[22] Weitere Schäden folgten 1993, als aufgrund eines Schadens in Block zwei ein Strahlenwert gemessen wurde, der zwölffach über den Grenzwert lag.[23] Ab Februar 1994 gab es einen Mangel an nuklearen Brennstoff für alle ukrainischen Kernkraftwerke, weshalb die operative Leistung der Kernkraftwerke Tschernobyl, Saporischschja und Süd-Ukraine gedrosselt werden musste. Alternativ wurden andere thermische Kraftwerke, insbesondere Gaskraftwerke in Betrieb genommen. Nur bei einem Abfall der Produktion sollten die Kernkraftwerke ihre Leistung erhöhen.[24]

Im Mai 1996 wurde in den Reaktoren ein neues Kontrollsystem eingebaut, dass modernere Züge hat als die alten Prozessrechner.[25] Im Jahre 1997 wurden umfangreiche Ultraschallmessungen im Werk vorgenommen. Hierbei wurden unakzeptable Risse an den Turbinenschaufeln festgestellt.[26] Im Jahre 2007 wurden erstmals Brennelemente von Westinghouse in den Reaktoren des Kernkraftwerks Süd-Ukraine geladen. Grund ist die Weiterentwicklung der Vvantage-Brennelemente für WWER-Reaktoren. Insgesamt wurden 42 Elemente geladen. Diese sollen bis zu vier Jahre im Reaktorkern verweilen.[27]

Stilllegung

Ursprünglich sollten Block 1 bis 3 in den Jahren 2012, 2015 und 2019 vom Netz gehen, jedoch erhielten alle Reaktoren eine Betriebsverlängerung um 15 Jahre, sodass sich die Stillegung in die Jahre 2027, 2030 und 2034 verschiebt.[28]

Technische Details

Die vier Blöcke der Anlage, von denen sich drei in Betrieb befinden, sind alle vom Typ WWER-1000. Ein Block ist in der Version 302 errichtet, ein weiterer als 338 und zwei, inklusive des vierten Blockes, als Version 320. Die elektrische Leistung aller Reaktoren liegt bei 1000 MW brutto, von denen 950 MW netto in das Stromnetz gespeist werden.[4][12] Eine Besonderheit im ersten Block des Kernkraftwerks ist der Turbogenerator mit einem vierpoligen Generator vom Typ TVV-1000-4, der sich anstatt mit 3000 Umdrehungen pro Minute nur mit 1500 Umdrehungen pro Minute dreht. Der Generator ist ein Prototyp und wurde zwischen 1982 und 1984 technisch erprobt. Bei verschiedenen Versuchen, auch mit erhöhten Lasten auf 1050 MW Leistung, zeigte der Generator ein stabiles Betriebsverhalten ohne Ausfälle.[29]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Süd-Ukraine besteht aus vier Reaktoren, von denen sich drei im Betrieb befinden, ein weiterer Block wurde storniert.

Reaktorblock[4] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Süd Ukraine-1 DWR WWER-1000/302 950 MW 1000 MW 01.03.1977 31.12.1982 18.10.1983
Süd Ukraine-2 DWR WWER-1000/338 950 MW 1000 MW 01.01.1979 06.01.1985 06.04.1985
Süd Ukraine-3 DWR WWER-1000/320 950 MW 1000 MW 01.02.1985 20.09.1989 29.12.1989
Süd Ukraine-4[12] DWR WWER-1000/320 950 MW 1000 MW 01.01.1987 Bau gestoppt

Einzelnachweise

  1. Ukrainian Academy of Arts and Sciences in the United States: Annals, Bände 35-38. In: Annals, Ukrainian Academy of Arts and Sciences in the United States. Ukrainian Academy of Arts and Sciences in the U.S., 1973. Seite 171.
  2. Science Policy Foundation: Science & public policy, Band 2. Science Policy Foundation, 1975. Seite 193.
  3. Kagaku Keizai Kenkyūjo (Tokyo, Japan): CEER, Chemical economy & engineering review, Band 8. Chemical Economy Research Institute, 1976. Seite 21.
  4. a b c d e f g h Power Reactor Information System der IAEA: „Ukraine“ (englisch)
  5. Atomkernenergie, Band 31. K. Thiemig Verlag., 1978. Seite 37.
  6. Ständiges Sekretariat für die Koordinierung der Bundesgeförderten Osteuropaforschung (Germany): Kernenergiepolitik der Länder des RGW. In: Sonderveröffentlichung des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien. University of Michigan. Seite 57.
  7. The bulletin, Band 101. J. Haynes and J.F. Archibald, 1980. Seite 102.
  8. Gesellschaft zur Verbreitung Wissenschaftlicher Kenntnisse, u.a.: Deutsche Aussenpolitik, Band 27,Ausgaben 1-3. Rütten & Loening, 1982. Seite 11.
  9. Karl Wilhelm Fricke: D.D.R.-Staatssicherheit. Verl. Wiss. u. Politik, 1982. ISBN 3804686087. Seite 1102.
  10. Bauplanung-Bautechnik, Band 37. VEB Verlag für Bauwesen., 1983. Seite 243, 259
  11. Agentstvo pechati "Novosti": USSR yearbook. The Agency, 1985. Seite 116.
  12. a b c Power Reactor Information System der IAEA: „Nuclear Power Reactor Details - SOUTH UKRAINE-4“ (englisch)
  13. Soviet analyst, Bände 17-19. World Reports Ltd., 1988. Seite 12.
  14. a b Charles K. Dodd: Industrial decision-making and high-risk technology: siting nuclear power facilities in the USSR. In: G - Reference, Information and Interdisciplinary Subjects Series. Rowman & Littlefield, 1994. ISBN 0847678474. Seite 159.
  15. Radio Liberty Committee, u.a.: Radio Liberty research, Ausgaben 40-52. Radio Free Europe/Radio Liberty, 1988.
  16. United States. Foreign Broadcast Information Service: Daily report: Soviet Union, Ausgaben 104-107. The Service, 1989. Seite 24.
  17. Joan DeBardeleben, u.a.: Environmental security and quality after Communism: Eastern Europe and the Soviet successor states. Westview Press, 1995. ISBN 0813321832. Seite 81.
  18. New scientist, Band 143,Ausgaben 1932-1945. IPC Magazines, 1994. Seite 44.
  19. Economist Intelligence Unit (Great Britain): Quarterly energy review: USSR & Eastern Europe. The Economist Intelligence Unit Ltd., 1985. Seite 62.
  20. Wilhelm Cornides: Europa-Archiv, Band 40. In: Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik. Forschungsinstitut, Frankfurt am Main, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik. Verlag für Internationale Politik, 1985. Seite 493.
  21. a b Südost-Institut München. Abteilung Gegenwartsforschung: Südost Europa, Band 40,Ausgaben 1-6. Die Abteilung, 1990. Seite 29, 30.
  22. Vitali Skliarov: Chernobyl was... tomorrow: a schocking [sic] firsthand account. Presses d'Amérique, 1993. ISBN 2921378302. Seite 117.
  23. RFE/RL, Inc. Research Institute: RFE/RL research report, Band 2,Ausgaben 25-34. RFE/RL, Inc., 1993. Seite 43.
  24. British Association of Slavonic and East European Studies: Abstracts, Russian and East European series: ABREES., Band 24. ABREES Ltd., 1994. Seite 98.
  25. DIANE Publishing Company: Cooperative Threat Reduction: Status Of Defense Conversion Efforts In The Former Soviet Union. DIANE Publishing, 1997. ISBN 0788146408. Seite 34.
  26. Dale E. Chimenti, u.a.: Review of progress in quantitative nondestructive evaluation, Band 1. In: Band 509 von AIP conference proceedings. American Institute of Physics, 2000. ISBN 1563969300. Seite 33.
  27. Ukrainian Congress Committee of America: The Ukrainian quarterly, Band 63. Ukrainian Congress Committee of America, 2007. Seite 106.
  28. World Nuclear Association: Nuclear Power in Ukraine. August 2011. Abgerufen am 27.09.2011. (Archivierte Version bei WebCite)
  29. Soviet electrical engineering, Band 57,Ausgaben 1-6. Allerton Press, 1986. Seite 5, 6.

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk