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Kernkraftwerk Blahutovice

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Kernkraftwerk Blahutovice
Standort
Land Flag of the Czech Republic.svg Tschechien
Region Nordmähren
Ort Blahutovice
Koordinaten 49° 35′ 42″ N, 17° 51′ 19″ OTerra globe icon light.png 49° 35′ 42″ N, 17° 51′ 19″ O
Reaktordaten
Eigentümer ČEZ
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Blahutovice (tschechisch Jaderná elektrárna Blahutovice, kurz JEBLA, selten EBLA) sollte nahe dem gleichnamigen Dorf unweit des Ballungsraumes Ostrava–Karviná entstehen. Die Anlage wäre als sechstes Kernkraftwerk der Tschechoslowakei und drittes Kernkraftwerk Tschechiens errichtet worden. Die Planungen wurden nach der Samtenen Revolution eingefroren und nicht weiter verfolgt. Der Standort ist immer noch für ein Kernkraftwerk reserviert.

Geschichte

Anfang der 1980er-Jahre wurde erstmals die Planung für eine Kernkraftanlage bei Blahutovice aufgenommen. Wie auch die bisher geplanten Projekte in Malovice, Kecerovce und Opatovice sollte die Anlage mit zwei 1000 MW starken WWER-1000 aus der Sowjetunion ausgerüstet werden.[1] Die Wahl des Standortes nahe Ostrava hängt mit der optimalen Möglichkeit der Abwärmenutzung für Fernwärme zusammen. Die Anlage soll keinerlei Prozesswärme ausspeisen; diese soll von lokalen anderen Kraftwerken kommen.[2] Die thermische Leistung, die das Kraftwerk abgegeben hätte, wäre bei 2600 MW gelegen. Die 35 Kilometer lange Fernwärmeleitung liegt direkt bis zur Stadt Ostrava. Allerdings wird diese an den größeren Städten in der Umgebung der Leitung abgezweigt werden, um die dortigen Fernwärmenetze zusätzlich zu versorgen, unter anderem bei Nový Jičín, Studénku, Kopřivnici und Frýdek-Místek. Dadurch hat das gesamte Netz eine Länge von 100 Kilometern. Bis 2015 sollten die Blöcke mit einer bereits eingeplanten Leistungserhöhung der Wärmelast standhalten können. Der Grund, weshalb zwei Blöcke errichtet werden müssen, ist die Notwendigkeit mindestens eines Blockes bei einem Ausfall eines Reaktors zur Übernahme der Lasten. Ebenso wurde der etwaige Ausfall eines anderen Wärmekraftwerks im Netz vorgeplant, für das ebenso mindestens ein Block unter Volllast die Wärmeübertragung aufrecht halten müsste. Allerdings dürfte deshalb auch keiner der Blöcke zwischen Dezember und Februar vom Netz gehen, da ansonsten das Netz kollabieren könnte.[3]

Gegen Ende der 1980er wurde mit den Arbeiten an der Anlage aufgrund finanzieller Fragen bisher nicht begonnen.[4] Bis 1988 standen fünf Varianten zur Verfügung, die in einer Reihenfolge bezüglich der Bestellung beim Auftragnehmer gebracht werden müssen. Die Bauvarianten und die ehemals festgelegte Reihenfolge war:[5]

  • V(1) - Neubau Opatovice 2000 MW
  • V(2) - Neubau Blahutovice 2000 MW
  • V(3) - Ausbau Blahutovice 4000 MW
  • V(4) - Neubau Kecerovce 2000 MW
  • V(5) - Ausbau Temelín 4000 MW

Im Jahre 1989 wurde die Reihenfolge angepasst und Opatovice vorerst ganz gestrichen sowie Kecerovce dem Bau von Blahutovice vorgezogen. Grund ist der Investmentplan beider Anlagen.[6] Während der Plan für Kecerovce bereits vollständig abgesegnet wurde, lag für Blahutovice lediglich eine Vorlage vor.[7] Nach der Auflösung der Tschechoslowakei hatte Tschechien 1993 zur Fertigstellung des Kernkraftwerks Temelín die Firma Westinghouse beauftragt, dies durchzuführen. Anlagog dazu wurde eine mögliche Ausschreibung für den Bau eines neuen Kernkraftwerks entweder in Blahutovice oder Tetov als alternative Lösung für Temelín an Westinghouse übergeben.[8] In der Theorie wurde dieser Standort noch mehrmals erwähnt, jedoch nicht fortgeführt. Obwohl die Investitionen seitens der tschechischen Seite sehr kapitalintensiv waren, zeigte sich am Standort Temelín, dessen erster Block 2000 in Betrieb ging, eine positive Wirtschaftsentwicklung in der Region.[9] Die Standorte Tetov und Blahutovice sind weiterhin im Besitz des Stromkonzerns ČEZ und mögliche Standorte für neue Kernkraftwerke.[10]

Ab 2010 wurde erstmals vom Kernforschungszentrum Řež und von Energoprojekt Prag ein Entwurf für den Standort vorgelegt, der als Referenzreaktortyp zwei Areva EPR mit je 1600 MW Leistung umfasste, die Kühlung sollte durch einen Kühlturm je Block erfolgen. Die Studie umriss allerdings nur Blahutovice, wenn auch mit einem detaillierten Standortplan. Aus dieser ging allerdings hervor, dass in den folgenden Jahrzehnten eher die Erweiterung der Standorte Temelín und Dukovany im Raum stehe.[11] Neben der Erweiterung von Temelín und dem Kernkraftwerk Dukovany gab es im März 2012 den Anstoß für das dritte Kernkraftwerk in Tschechien einen geeigneten Standort zu suchen. Der Anstoß kam seitens des Industrie- und Handelsminister der Tschechischen Republik, Martin Kuba und man brachte in diesem Zusammenhang Blahutovice wieder in Gespräch. Allerdings biete der Standort nicht die optimalen Bedingungen, weshalb erst alternativen gesucht werden sollten.[12][13] Trotz dieser Entscheidung unterzeichnete ČEZ mit dem Kernforschungszentrum Řež am 30. Juli 2012 einen Vertrag über die Vorbereitung des Baus einer großen Energiequelle am Standort Blahutovice.[14] Bereits 2011 gab es die Diskussion, dass möglicherweise der gasgekühlte schnelle Reaktor ALLEGRO (Generation IV) am Standort errichtet werden könnte,[15] seit 2012 verfolge man aber eher das Ziel dieses Reaktor möglicherweise als Nachfolgeanlage für die bestehenden vier WWER-440/213 am Standort Dukovany zu errichten.[16]

Seit dem Jahr 2013 berücksichtigt das Industrie- und Handelsministerium dennoch in der Raumplanung den Bau eines Kernkraftwerks in Blahutovice. Im gleichen Bericht wird dennoch aber auf die Probleme eingegangen, darunter die fehlenden Raumplanungen für die Anbindung an das Elektrizitätsnetz und die Versorgungswege für das Kühlwasser (inkl. des benötigtes Reservoirs), sowie die negativen Auswirkungen des Kernkraftwerks auf das neben dem Standort befindliche Naturschutzgebiet. Die Alternativen zu diesen Problemen waren jedoch weit gefächert, weshalb der Standort als geeigneter Bauort für das dritte tschechische Kernkraftwerk seit 2014 offiziell berücksichtigt wird.[17]

Standortdetails

Zum Standort Blahutovice wurden ab 1983 Studien zur Seismik durchgeführt. Im Jahr 1986 wurde dazu auf dem Standort ein Netzwerk zur Erfassung von Mikroerdbeben geschaffen, das sich aber als unzureichend für die seismische Analyse herausstellte, da die Geologie des Standortes und der Umgebung komplexer war als angenommen. Dieses Problem konnte allerdings einfach durch die Anwendung einer anderen Software für das Netzwerk umgangen werden.[18] Im Herbst 1986 wurde ein Schwarm von Erdbeben von dem Netzwerk registriert, die ihr Epizentrum im Altvatergebirge (tschechisch Hrubý Jeseník) hatten. Wie sich herausstellte war dieses Erdbeben von der Klepáčov-Verwerfung nahe der Stadt Šumperk ausgegangen. Aufgrund der Ausdehnung der seismischen Wellen in Richtung Nordwest und Südwest vermutete man, dass die Klepáčov-Verwerfung eine Verbindung zur Sudeten-Verwerfung haben könnte. Erdbeben in dieser Region um Opava waren nicht selten, man ging allerdings zuvor immer davon aus, dass ein Geflecht aus kleineren Verwerfungen in der Region dafür verantwortlich seien und hauptsächlich durch die nordwestlich nach südwestlich verlaufende Opava-Tiefenverwerfung und die von Westen nach Osten verlaufende Jeseníky-Randverwerfung. In der Umgebung wurden ansonsten zwischen 1984 und 1987 schwache Erdbeben registriert, die von der Muran-Verwerfung (Karpatischen Verwerfung, Westtschechien) und der Sudetischen Verwerfung herrührten, sowie vom Silesicum-Massiv. Diese Beben hatten ihr Epizentum im Gebiet Oderské Vrchy, einem Truppenübungsplatz unweit des Standortes und verliefen hauptsächlich von Norden nach Süden. In dem Gebiet gibt es dokumentiert in der Historie starke Erdbeben. Das stärkste fand im Oktober 1883 nahe der Stadt Šternberk statt, die rund 50 Kilometer west-nordwestlich des Standort liegt und erreichte auf der Mercalliskala die Stufe V. Ein weiteres Erdbeben dessen Auswirkungen dokumentiert waren fand 1843 am gleichen Epizentrum statt und erreichte auf der Mercalliskala die Stufe IV.[19]

Technik

Das Kernkraftwerk Blahutovice sollte mit zwei Reaktoren vom Typ WWER-1000 und je einer Sattdampfturbine von Škoda ausgestattet werden, aus der 1700 MWth je Block maximal als Fernwärme abgezweigt werden können. Die gleichen Modelle kommen auch im Kernkraftwerk Temelín zum Einsatz.[20]

Einzelnachweise

  1. Institution of Electrical Engineers, u.a.: Science abstracts, Band 91. Institution of Electrical Engineers., 1983. Seite 2105.
  2. United States. Dept. of Energy. Technical Information Center, u.a.: Energy research abstracts, Band 8. Technical Information Center, U. S. Dept. of Energy, 1983. Seite 2355.
  3. Ceskoslovenska Vedeckotechnicka Spolecnost, Ceske Budejovice (Czechoslovakia). Dum Techniky.: Vyuziti energii z jaderne elektrarny Temelin., engl. Applications of power from Temelin nuclear power plant. Seite 43. (Online-Version, Tschechisch, Slowakisch)
  4. Atomic Industrial Forum: Nuclear industry, Bände 35-38. Atomic Industrial Forum, 1988. Seite 48.
  5. Mervyn Richardson: QR code for Risk assessment of chemicals in the environment. Royal Society of Chemistry, 1988. ISBN 0851861180. Seite 373.
  6. Modern power systems, Band 9,Ausgaben 7-12. Miller Freeman Publications, 1989. Seite 5.
  7. United States. Foreign Broadcast Information Service: Daily report: East Europe, Ausgaben 118-126. The Service, 1989.
  8. Atomic Scientists of Chicago, u.a.: The bulletin of the atomic scientists, Bände 51-52. Atomic Scientists of Chicago, 1995. Seite 58.
  9. Ekkehard Buchhofer, u.a.: Wirtschaftsräumliche Disparitäten in Ostmitteleuropa: Entwicklung, Struktur und Auswirkungen. In: Band 17 von Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung, Nemecko) Herder Institut (Marburg). Verlag Herder-Institut, 2002. ISBN 3879693056. Seite 66.
  10. Ales John: CEZ and CO2 free technology. International Conference Secure Energy Supply, Bratislava 26. – 29. September 2006. Seite 18. (Online-Version)
  11. Aleš John, UJV Řež: Role jaderné energetiky Současnost versus budoucnost, 22.06.2010. Abgerufen am 27.10.2013. ([hhttp://www.pdf-archive.com/2013/10/27/ales-john/ Archivierte Version] bei PDF Archive)
  12. Die Presse: Tschechien plant Bau von drittem Atomkraftwerk, 22.03.2012. Abgerufen am 23.03.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  13. Wiener Zeitung: Drittes Atomkraftwerk für Tschechien, 23.03.2012. Abgerufen am 23.03.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  14. ÚJV Řež: ANNUAL REPORT 2012 ÚJV Řež, a. s., März 2013. ISBN 9788087734018. Abgerufen am 27.10.2013. (Archivierte Version bei PDF Archive)
  15. Atominfo.cz: Reaktor IV. generace Allegro a JE Blahutovice – zklamání pro všechny optimisty , 07.02.2011. Abgerufen am 20.07.2014. (Archivierte Version bei WebCite)
  16. relevant: Testreaktor neuer Generation in Dukovany geplant, 29.03.2012. Abgerufen am 20.07.2014. (Archivierte Version bei WebCite)
  17. Vyhodnocení připomínek ministerstev, jiných ústředních správních úřadů a krajů, 2014. Abgerufen am 07.03.2015. (Archivierte Version bei WebCite)
  18. Vladimir Dvořák, u.a.: Velocity distribution modelling on building site of the nuclear power plant of North Moravia - A case history, 01.07.1988. Abgerufen am 23.05.2014. (Archivierte Version bei WebCite)
  19. Český geologický ústav, u.a.: Earthquakes in the Northeastern Part of the Bohemian Massif Recorded by the MORC Station during the Period October 1994 -March 1995, 1995. Abgerufen am 23.05.2014. (Archivierte Version bei WebCite)
  20. Nuclear engineering international, Band 36,Ausgaben 438-449. Heywood-Temple Industrial Publications Ltd., 1991. Seite 52.

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk