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Kernkraftwerk Gösgen

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Kernkraftwerk Gösgen
KKG-SW-Flight.jpg
Standort
Land Civil Ensign of Switzerland.svg Schweiz
Kanton Solothurn
Ort Däniken
Koordinaten 47° 21′ 58″ N, 7° 58′ 0″ OTerra globe icon light.png 47° 21′ 58″ N, 7° 58′ 0″ O
Reaktordaten
Eigentümer Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG
Betreiber Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG
Vertragsjahr 1973
Betriebsaufnahme 1979
Im Betrieb 1 (1060 MW)
Einspeisung
Eingespeiste Energie im Jahr 2010 8029 GWh
Eingespeiste Energie seit 1979 234494 GWh
Stand der Daten 1. Juli 2011
Zusatzfunktion Prozesswärme
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Gösgen (kurz KKG, auch Kernkraftwerk Gösgen-Däniken, daher ehemaliges Kürzel KGD) steht auf dem Gebiet der Gemeinde Däniken, einer der 15 Gemeinden in der sogenannten Region Niederamt zwischen Olten und Aarau, im Schweizer Kanton Solothurn. Die im Bezirk Gösgen gelegene Anlage steht direkt an der Aare, genauer gesagt auf dem Gebiet der Aareschleife und sorgte bei der Errichtung für heftige, aber hauptsächlich friedliche Auseinandersetzungen. Gösgen ist die einzige Anlage in der Schweiz, die von einer deutschen Firma errichtet wurde. Die Entfernung zu den nächstgrößeren Orten beträgt nach Däniken und Niedergösgen je zwei Kilometer, nach Olten vier Kilometer, nach Aarau und Oftringen sechs Kilometer, nach Liestal, Bad Säckingen (Deutschland), Wohlen, Reinach und Langenthal je rund 20 Kilometer, zum Großraum Zürich, Großraum Luzern, dem Kantonhauptort Solothurn, nach Basel, Lörrach (Deutschland) und Waldshut-Tiengen (Deutschland) je rund 35 Kilometer.

Geschichte

Der Bezirk Gösgen war seit langer Zeit Standort von zwei Kraftwerken, die mit Wasserkraft und Öl liefen, allerdings weniger als 30 MW erzeugten und nach der Jahrhundertwende 1900 ans Netz gingen. Die Anbindung an das Elektrizitätsnetz war für die damaligen Verhältnisse in Gösgen im Vergleich zu anderen Kraftwerksstandorten in der Schweiz am besten ausgebaut, sodass auch Leitungen Richtung Frankreich, Deutschland und Italien von Gösgen aus gelegt wurden.[1] In den kommenden 1970ern stand eher die Versorgung der Stadt Zürich im Mittelpunkt, die in den nächsten Jahren aufgrund starker Wachstumsprognosen verbessert werden musste. Ein mögliches Großkraftwerk sollte daher an der Aare entstehen, thermisch oder nuklear.[2] Als mögliche Standorte für ein Kernkraftwerk wurden Graben nahe der Gemeinde Berken und das weiter flussabwärts gelegene Däniken im Bezirk Gösgen vorgeschlagen.[3] Daraufhin schlossen sich die Elektrizitätswerke der Städte Bern, Basel und Zürich und die Motor-Columbus, die bereits an den Planungen für das Kernkraftwerk Kaiseraugst beteiligt war, zusammen und gründeten das „Studienkonsortium Kernkraftwerk Gösgen“. Dieses soll mögliche Probleme bei der Errichtung des Kraftwerks ermitteln, sowie beim späteren Betrieb.[4]

Bereits vor der Gründung wurden Sondierungsbohrungen und Vorstudien gefertigt, die eine Eignung des Geländes in der Gemeinde Däniken für ein Großkernkraftwerk bestätigten. Vorteile bot die Inbetriebnahme einer neuen 380 kV-Schaltanlage neben dem vorgesehen Standort, die eine Anbindung an das europäische Höchstspannungsnetz ermöglichen würde. Die Motor-Columbus Ingenieurunternehmung AG aus Baden wurde mit ersten Entwürfen die die Anlage beauftragt, sowie die Ausschreibung erster Kredite für die Projektierung vorgenommen. In der letzten Sitzung im Jahre 1970 beschloss das Konsortium, sich hauptsächlich auf einen Leichtwasserreaktor mit einer Leistung von rund 600 MW festzulegen. Andere Systeme sollten jedoch auch geprüft werden. In der ersten Hälfte des Jahres 1970 wurde bereits die Standortbewilligung eingereicht, mit einem Baubeschluss wurde für das Jahr 1972 gerechnet.[4]

Im Jahre 1971 erhob der aargauerische Regierungsrat Einspruch gegen das Gesuch, aus dem Oberwasserkanal des Laufwasserkraftwerks Gösgen Kühlwasser für das Kernkraftwerk zu entnehmen. Der Grund liegt im Gewässerschutz, da man befürchtete, dass das Kernkraftwerk die Wasserqualität der Aare und des Grundwassers im Aaretal beeinträchtigen könnte. Es wurde gefordert, den gleichen Standard für Gewässerschutz anzunehmen, wie er in den verwaltungsgerichtlichen Verfahren für die Kernkraftwerke Kaiseraugst und Leibstadt verwendet wurde.[5] Durch einen Beschluss aus dem Jahre 1971, wonach thermische Kraftwerke keine Flusskühlung mehr besitzen dürfen, ausgenommen die Anlagen die sich bereits im Bau oder Betrieb befanden, und wegen der nur noch geringen tolerierbaren Wärmebelastung der Rhône durch das noch in Planung befindliche Kernkraftwerk Verbois, musste das Kernkraftwerk in Gösgen mit einer zusätzlichen Kühlung ausgestattet werden.[6] In einem ersten Entwurf wurde eine Mischung aus Flusswasserkühlung in Kombination mit Zellenkühlern projektiert, die jedoch 1972 durch den Bundesrat abgelehnt wurde. Infolgedessen wurden die Pläne auf einen 150 Meter hohen Naturzug-Nasskühlturm abgeändert.[7] Eine direkte Flusskühlung wird durch dieses Konzept umgangen, allerdings stieß diese Lösung in der Bevölkerung auf wenig Verständnis.[6]

Der Kühlturm im Jahr 2003

Am 31. Oktober 1972 wurde die Standortbewilligung erteilt.[8] Gegen Ende des Jahres 1972 stimmten die Gemeinden Däniken, in der die Anlage entstehen sollte und die Gemeinde Gretzenbach dem Zonenplan mit dem Kraftwerksgelände zu. Im folgenden Jahr wurde am 27. Februar 1973 das Konsortium aufgelöst und die Nachfolgegesellschaft „Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG“ (kurz KGD) gegründet.[6] Die Gesellschafter sind die Aare Tessin-AG für Elektrizität (ATEL), die Nordostschweizerische Kraftwerke AG (NOK), die Centralschweizerische Kraftwerke AG (CKW), Alusuisse, die Schweizerischen Bundesbahnen sowie die Elektrizitätswerke der Städte Bern, Zürich und Basel, wobei für die zwei Letzteren eine Volksabstimmung vonnöten war.[9]

Am 1. März 1973 erging erstmals eine Kaufabsicht für einen 970 MW starken Druckwasserreaktor an die deutsche Kraftwerk Union AG, und am 12. Oktober 1973 erhielt sie den Auftrag für das Kernkraftwerk.[10] Damit setzt sich der deutsche Anbieter gegen seine Konkurrenten aus den USA, General Electric und Westinghouse, sowie Asea-Atom aus Schweden, um den Auftrag in Gösgen durch.[11] Nachdem im Herbst die Baubewilligung für die Anlage genehmigt wurde, wurde die „Aktion Pro Niederamt“ gegründet, die 16.000 Unterschriften in einer Petition für die Abberufung des Solothurner Regierungsrats sammelten. Diese wurde dem Bundesrat zugeschickt, ebenso wurde gefordert, dass sich die Regierung beim Eidgenössisches Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement dafür einsetzen solle, die Kühlturmauflage zu streichen und somit ausschließlich eine Flusswasserkühlung zu realisieren.[12]

In den Städten Zürich und Basel wurde eine Volksabstimmung über die finanzielle Beteiligung ihrer Elektrizitätswerke an der Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG abgehalten. in Zürich wurden die Bürger durch einen Stromspartag beeinflusst, der die Bevölkerung über mögliche Versorgungsengpässe aufklären sollte und wohl dafür gesorgt hatte, dass die Abstimmung für das Projekt positiv ausfiel. In Basel wurde die Inkonsequenz hervorgehoben, da die Stadt selbst gegen die Errichtung eines Kernkraftwerks in Kaiseraugst war, allerdings Gösgen grundsätzlich befürwortete.[12] Die Abstimmung in Zürich fand am 23. September 1973 statt, in Basel am 36. Februar 1974.[13] Während sich Zürich für eine Beteiligung aussprach, stimmten in Basel 64,9 % gegen eine Beteiligung, bei einer Stimmbeteiligung von rund 25 %.[14]

Bau

Am 28. November 1973 wurde die erste von sieben Teilerrichtungsgenehmigungen für die Anlage erteilt.[8] Mit den Arbeiten an den Gebäuden wurde am 1. Dezember 1973 begonnen.[15] Daraufhin formierten sich neue Gruppen, die besonders den enormen Finanzbedarf für die Kernkraftanlagen bemängeln.[12] Alleine die Kosten für Gösgen beliefen sich auf rund 1,4 Milliarden Schweizer Franken.[16] Und obwohl Bundesrat Willi Ritschard darauf hinwies, dass man keine Kernkraftwerke auf Vorrat errichten solle, werde wohl die erste erzeugte elektrische Energie exportiert werden müssen.[17] Am 1. Juni 1975 wurde eine Volksinitiative „zur Wahrung der Volksrechte und der Sicherheit beim Bau und Betrieb von Atomenergie“ gegründet, die eine Unterschriftensammlung durchführte und 125.000 Stimmen sammelte. Fast zeitgleich wurde am 20. November 1975 die siebte und damit letzte Teilerrichtungsgenehmigung für das Kernkraftwerk Gösgen erteilt. Am 20. Mai 1976 reichte die Initiative bei der Bundeskanzelei ihre Einsprüche für eine Gesetzesänderung ein.[8] Ziel war es, erweiterte Rechte für die umliegenden Gemeinden zu schaffen, damit sich diese bei den Standortbewilligungen intensiver beteiligen könnten. Die Klage wurde am 18. Juni 1976 als zulässig festgestellt, hatte allerdings in der Folge keinen weiteren Einfluss auf die Baustelle in Gösgen.[18]

Die Anlage im Mai 2010

Obwohl sich die Proteste in Gösgen und den anderen schweizer Kernkraftwerksstandorten abgeschwächt hatten, kam es 1977 zu einem neuen Höhepunkt. Traditionell führen Umweltaktivisten und Atomkraftgegner Ende Mai einen dreitägigen Pfingstmarsch zur Mahnung durch. Allerdings war die Schlusskundgebung am 30. Mai 1977 dieses mal in Gösgen geplant gewesen, mit einer Beteiligung von 12.000 Personen. In der Folge wurden die Zufahrtsstraßen zum Kernkraftwerksgelände besetzt.[19] Ebenso fordern die Demonstranten einen Baustopp von vier Jahren für die Anlage, da ihrer Ansicht nach die Entscheidung für das neue Kernkraftwerk nicht auf demokratischem Wege zustande kam,[20] weil das Ergebnis nicht grün-linken Vorstellungen entsprach. Den gesamten Sommer über versuchten Demonstranten auf das Kernkraftwerksgelände einzudringen und eine Bauplatzbesetzung vorzunehmen, was allerdings erfolglos blieb. In der Folge wurden die Zufahrtsstraßen zum Gelände blockiert, um der Bevölkerungsmehrheit ihren Willen aufzuzwingen.[21] Erst Ende Juni wurden die Demonstranten mit Tränengas von der Polizei vertrieben.[22]

Eine Meinungsumfrage im Mai und August 1977 nach den Protesten in der Umgebung des Kernkraftwerks Gösgen zeigte jedoch, dass die Bevölkerung sogar stärker als zuvor für das Kernkraftwerk war. Demnach lag der Befürworteranteil in insgesamt zehn Gemeinden um das Kernkraftwerk Gösgen vor den Demonstrationen lediglich bei 57 %, danach forderten 72 % die möglichst baldige Inbetriebnahme des Kernkraftwerks, die Hälfte war davon überzeugt, dass die Schweiz auf Kernenergie nicht verzichten kann. Im August wurde die Bevölkerung auch ihrer Meinung zur Besetzung des Kraftwerksgeländes durch Demonstranten gefragt, worauf zwei Drittel den Einsatz der Polizei für richtig, und die Besetzung für illegal hielten.[23]

Eine weitere Aktion wurde von den Gegnern im Juli 1977 gestartet, mit dem Sendebetrieb des illegalen 1 Watt-Radiosenders „Radio Aktiv, freies Gösgen“. Allerdings wurden die Personen, drei Techniker von der Baustelle des Kernkraftwerks, eine Stunde nachdem der Sender abgestellt wurde gefasst, nachdem sie sich verdächtig machten, als sie nach der Arbeit zu einer Anti-Atomkraft-Demonstration fuhren. Trotzdem nahm kurze Zeit darauf der Sender den Betrieb auf. Im französischen Fessenheim, in dem das Kernkraftwerk Fessenheim errichtet wurde, nahm sich die dortige Anti-Atomkraft-Bewegung den Radiosender im Gösgen zum Vorbild und sendet seitdem ebenfalls Anti-Atom-Propaganda.[22]

Betrieb

Blick von Eppenberg-Wöschnau nach Niedergösgen

Bis Ende 1977 wurde die Anlage bautechnisch vollständig fertiggestellt, darauf folgte die nicht-nukleare Prüfung der Anlage sowie die ersten beiden Warmprobebetriebe. Am 29. September 1978 wurde die Inbetriebnahmebewilligung für das Kernkraftwerk erteilt, womit der Reaktor mit Brennstoff beladen werden durfte, gefolgt von einem unterkritischen Warmprobebetrieb.[24] Diese Entscheidung wurde von vielen Gegnern des Projekts kritisch gesehen, da kurz zuvor alle noch laufenden Einsprüche gegen die Anlage vom Bundesrat abgewiesen wurden um die Genehmigung zu erteilen, obwohl diese auch mit noch offenen Einsprüchen hätte ausgehändigt werden können. Seitens des Bundesamtes für Justiz der Schweiz wurde festgestellt, dass die vorgebrachten Anträge jedoch nicht ohne Weiteres abgewiesen werden konnten, woraufhin eine Anhörung veranstaltet wurde, um deren Argumente analysieren zu können. Allerdings wurde die Öffentlichkeit bei diesem Verfahren ausgeschlossen. Die Kosten hierfür mussten die Antragsteller selbst zahlen, und beliefen sich auf 15.000 Schweizer Franken.[25]

Am 20. Januar 1979 erreichte der Reaktor erstmals den kritischen Zustand und das Kernkraftwerk wurde am 2. Februar 1979 erstmals mit dem Stromnetz synchronisiert.[15] Bis März 1979 wurde die Anlage stufenweise auf 50 % der Nennleistung hochgefahren[24] und erreichte am 28. August 1979 erstmals Volllast. Die Übergabe des Kernkraftwerks Gösgen an den Betreiber, die Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG, erfolgte am 30. Oktober 1979,[10] gefolgt vom Beginn kommerziellen Betrieb am 1. November 1979.[15] Obwohl noch 1969 fest damit gerechnet wurde, dass Kaiseraugst als vierter Kernreaktor der Schweiz den Betrieb aufnimmt, wurde Gösgen aufgrund der starken Opposition gegen Kaiseraugst die vierte Reaktoranlage.[26] Im Gegensatz zu anderen kerntechnischen Anlagen in der Schweiz besteht für das Kernkraftwerk Gösgen bei einem Versicherungspool eine Katastrophenversicherung in Höhe von 650 Millionen Franken. Grund hierfür ist, dass bei einem etwaigen Unfall der Betreiber in der Schweiz mit ausschließlich 200 Millionen Franken haftet. Damit könnte der Betreiber bei einem etwaigen Unfall sogar mit Gewinn herausgehen, wenn der Schaden die Versicherungssumme nicht übersteigt, und der Betreiber sich den Rest auszahlen lässt.[27]

Neben Elektrizität speist das Kernkraftwerk Gösgen seit 1979 für die anliegende Kartonagenfabrik Niedergösgen Prozesswärme aus. Um beim Brennstoffwechsel des Kernkraftwerks nicht auf Prozesswärme angewiesen zu sein, wird zu dieser Zeit die Produktion ausgesetzt. Bei kurzfristigen Ausfällen gibt es Reservedampferzeuger, die mit Heizöl erhitzt werden. Jährlich werden etwa 150 Gigawattstunden Prozessdampf aus dem Kernkraftwerk bezogen, das entspricht die Ersparnis von 15.000 Tonnen Öl.[28] Im gleichen Jahr wurde das Nasslager für Brennelemente in Betrieb genommen, das auf einem modernisierten Konzept beruht.[29] Bereits 1978 erhielt die Firma Sulzer den Auftrag, das Nasslager des Kernkraftwerks Gösgen umzubauen. Da der Gitterabstand zwischen den Elementen verkleinert wurde, konnte das alte Lager, das 370 Brennelemente eines dreijährigen Betriebes aufnehmen konnte, auf ein Lager, das 656 Brennelemente von acht Jahren Betrieb aufnehmen kann, modernisiert werden. Da sich die Wärmeentwicklung im Abklingbecken erhöht, wurden zwei neue Wärmetauscher mitgeliefert.[30]

Kernkraftwerk Trillo, Spanien

Im Jahr 1981 wurde die Anlage offiziell eingeweiht.[31] Im Jahre 1983 gab es einen fingierten Skandal, als einige Beamte das Bestehen der Kernkraftwerk Gösgen-Däniken AG feierten. Zusammen mit Prominenten aus Politik und Wirtschaft unternahmen diese Personen, unter ihnen auch Bundesrat Willi Ritschard mit Gattin, eine Reise zum spanischen Kernkraftwerk Trillo, die offiziell als Informationsreise galt. Gegner behaupteten, dass im Zusammenhang mit dem Kernkraftwerk Kaiseraugst Bestechungen vorgenommen wurden, wie es bereits die Kraftwerk Union bei diesem Projekt getan hätte. Willi Ritschard bestritt dies jedoch energisch.[32]

Ab 1986 wurde ein neues Projekt im Zusammenhang mit Kraft-Wärme-Kopplung in Gösgen in die Planungen aufgenommen, genannt „FOLA“ (Fernwärmeversorgung für den Raum Olten-Aarau). Das Projekt sah vor, neun Zehntel der Abwärme, die im Kraftwerk erzeugt wird und über den Kühlturm abgegeben wird, weiter für Fernwärme zu nutzen.[28] Sollte dieses Projekt Erfolg haben, war ein ähnliches Konzept für das Kernkraftwerk Leibstadt für die Stadt Basel vorgesehen. Am 16. März 1986 stimmten die Stimmberechtigten in der Stadt Aarau mit einer Mehrheit von 60 % für die Beteiligung an dem Projekt, womit zwei Kredite über je 556.000 Schweizer Franken genehmigt wurden.[33] Allerdings wurde das Projekt bis auf weiteres zurückgestellt, obwohl sich die Mehrheit dafür aussprach.[34]

Am 1. Januar 1995 bekam die Anlage die Genehmigung, zukünftig mit einer Leistung von 1015 MW elektrisch zu fahren.[35] Bereits Anfang der 1990er wurde eine Nutzung von MOX-Brennelemente für Gösgen in Betracht gezogen. Der Brennstoff selbst kam bisher aus Hanau und sollte in Belgien und Deutschland aufbereitet werden, allerdings wurden die Kapazitäten dafür als nicht ausreichend in Frage gestellt.[36] Im Jahr 1997 erfolgte erstmals die Beladung des Reaktors mit MOX-Elementen, was einen Umbau der Kühlsysteme zur Folge hatte, die nun mit angereichertem Bor arbeiten müssen.[37] Im Jahr 1998 folgte eine Welle der Empörung, nachdem der Kernkraftwerksmanager Hans Fuchs des Kernkraftwerks Gösgen die Ausstiegspläne in Deutschland kritisierte. Demnach seien in der Folge „drastische Klimaschäden vorprogrammiert, und zwar mit Megafolgen, die den Holocaust als bloße Episode erscheinen lassen werden“. Demnach gebe die rot-grüne Regierung den „[...] Startschuß zu diesem Völkermord des 21. Jahrhunderts [...]“. Eine Version, die nicht das Wort Holocaust beinhaltet, ließ der Direktor der Anlage öffentlich verteilen.[38]

Am 5. April 2012 stellten Personen Schaum in der Luft im Raum Dulliken fest. Die daraufhin alarmierte Katonspolizei war ebenso ratlos, weshalb die Feuerwehr Dulliken und das Amt für Umwelt aufgrund des Schaums anrückte. Durch Abklärung mit verschiedenen Stellen wurde das Kernkraftwerk Gösgen als Ursache ausgemacht. Der Grund war Javelwasser,[39] dass zur Desinfektion des Kühlturms gegen Legionellen dient aber nicht sehr aggressiv ist.[40] Bei dem Reinigungsvorgang bildet sich Schaum, der je nach Witterung entweichen kann.[39]

Stilllegung

Die Betriebsbewilligung, die am 28. September 1978 mit der Inbetriebnahmebewilligung ausgehändigt wurde, ist unbegrenzt, solange die Sicherheit der Anlage gewährleistet ist.[24] Im Jahr 2007 kündigte Regierung erstmals an, neue Anlagen an den bestehenden Standorten zu errichten, somit kam auch Gösgen als neuer Standort infrage.[41] Im Jahr 2008 folgte eine offizielle Ankündigung, eine neue Anlage, genannt Kernkraftwerk Niederamt, direkt neben dem Kernkraftwerk Gösgen zu errichten, dass dessen Ersatz werden sollte, wenn über die Stilllegung verfügt werden sollte.[42] Nach dem Reaktorunfall in Fukushima im März 2011 beschloss die Regierung, bis 2034 aus der zivilen Nutzung der Kernenergie auszusteigen, weshalb mit der Abschaltung des Kernkraftwerks Gösgen im Jahre 2029 zu rechnen ist, und vorerst kein Neubau die Anlage ersetzen wird.[43]

Technische Details

Die Anlage im August 2003

Das Kernkraftwerk Gösgen ist ausgestattet mit einem Druckwasserreaktor[15] der Kraftwerk Union AG.[10] Technisch gehört das Reaktorsystem zum Referenzreaktor Biblis A, der sogenannten „Biblis-Reihe“ und war die letzte Anlage dieser Bauart, die konstruiert wurde.[44] Die thermische Leistung liegt bei rund 2806 MW, wobei das System mit den drei Dampferzeugern für 2820 MW ausgelegt wurde. Erzeugt wird die Wärme in einem Reaktorkern mit einer Höhe von 3400 mm und einem Durchmesser von 3237 mm, bestehend aus 177 Brennelementen aus Urandioxid, später auch MOX. Gesteuert wird die Kettenreaktion mit 48 Steuerstäben aus einer Legierung, die zu 80 % Silber, 15 % Indium und zu 5 % aus Cadmium besteht. Ein Steuerelement setzt sich aus 20 einzelnen Stäben zusammen. Die Länge der Absorberzone beträgt 3250 mm. Die Wärmeabfuhr erfolgt durch unter 158 bar stehendem Wasser, das beim Eintritt in den Reaktor eine Temperatur von 293,3 °C besitzt und beim Verlassen des Reaktors eine Temperatur von 326,4 °C aufweist. Der Kühlmitteldurchsatz liegt bei 14.722 Kilogramm pro Sekunde, der über drei Kühlschleifen erfolgt. Jede Schleife besitzt einen Dampferzeuger um die Wärme in den sekundären Kreislauf zu übertragen.[45]

Im sekundären Kreislauf wird in den Dampferzeugern Frischdampf für die Turbine erzeugt, die mit gesättigtem Dampf arbeitet und am Dampfeintritt mit einem Druck von 65,2 bar arbeitet. Sie besteht aus einem zweiflutigen Hochdruckläufer, sowie drei zweiflutigen Niederdruckläufern, die mit einer Geschwindigkeit von 3000 Umdrehungen pro Minute rotieren. Der Generator der damit angetrieben wird, einer der größten zweipoligen in Europa, besitzt eine Scheinleistung von 1140 Megavoltampere, bei einer Wirkleistung von 970 MW.[45] Heute erzeugt der Generator 1060 MW brutto bei einer Netzeinspeisung von 1010 MW netto.[15] Der Generator erzeugt eine Spannung von 27 kV bei einer Frequenz von 50 Hertz. Der Leistungsfaktor beträgt 0,85. Der Sicherheitsbehälter der Anlage hat einen Durchmesser von 52 Metern und eine Wandstärke von 32 mm. Er kann daher einem Druck von 5,9 bar standhalten, bei einer Temperatur von maximal 135 °C.[45] Nach der Sicherheitsstudie WASH-1400 aus dem Jahre 1975 zeichnet sich das Kernkraftwerk Gösgen bei einer Kernschmelze besonders durch das Doppel-Containment (innen Stahlschale und außen Betonhülle) aus, wonach nur eine geringe Auswirkung auf die Umwelt zu erwarten ist. Obwohl eigentlich das Containment des Kernkraftwerks Surry-1 in den Vereinigten Staaten als internationale Referenz galt, wurden bei dieser Anlage diese guten Voraussetzungen nicht erreicht.[46]

Das Gebäude wurde auf platzsparende Weise gebaut. Das halbkugelförmige Reaktorgebäude ist halb umschlossen von einem flachen Bau, der die Hilfsanlagen und elektrischen Einrichtungen beinhaltet. Dahinter liegt separat die Turbinenhalle, die durch eine Verbindung zum Reaktorgebäude mit dem restlichen Gebäudekomplex gekoppelt ist. Östlich, leicht abseits gelegen, befindet sich der 150 Meter hohe Kühlturm der Anlage, der einen Basisdurchmesser von 120 Metern hat. Nördlich und nordöstlich wurde ein 20 Meter hoher Erdwall errichtet, aufgrund des Immissionsschutzgesetzes.[6] Der Vorschlag, den Kühlturm von einem Maler mit einem Kunstwerk zu versehen um ihn besser in die Kulturlandschaft zu integrieren wurde fallen gelassen.[47]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Gösgen besteht aus einem aktiven Reaktor.

Reaktorblock[15] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Gösgen DWR KWU 3-loop 1010 MW 1060 MW 01.12.1973 02.02.1979 01.11.1979 (2029)

Einzelnachweise

  1. Turbinentechnische Gesellschaft e.v., Berlin: Zeitschrift für das gesamte Turbinenwesen: in Verbindung mit Wasser- und Wärmewirtschaft ..., Band 12. R. Oldenbourg, 1915.
  2. Deutscher Verein von Gas- und Wasserfachmännern: GWF: Wasser, Abwasser, Band 111. Verlag R. Oldenbourg., 1970.
  3. Technica, Band 19. Birkhäuser., 1970.
  4. a b Atomwirtschaft-Atomtechnik, Band 15. Handelsblatt, 1970.
  5. Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband, Schweizerisches Nationalkomitee für Grosse Talsperren: Cours d'eau et énergie, Band 63. Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband, 1971.
  6. a b c d Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband, Schweizerisches Nationalkomitee für Grosse Talsperren: Cours d'eau et énergie, Band 65. Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband, 1973.
  7. Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband, Schweizerisches Nationalkomitee für Grosse Talsperren: Cours d'eau et énergie, Band 64. Schweizerischer Wasserwirtschaftsverband, 1972.
  8. a b c Jean-François Aubert: So funktioniert die Schweiz: dargestellt anhand einiger konkreter Beispiele. Cosmos-Verlag, 1981. ISBN 385621061X.
  9. Hans Michaelis: Kernenergie. In: Band 4137 von Wissenschaftliche Reihe. Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1977. ISBN 3423041374.
  10. a b c Wolfgang D. Müller: Auf der Suche nach dem Erfolg - Die sechziger Jahre - Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deuschland Band II. Schäffer Poeschel, Stuttgart 1996. ISBN 3820210296.
  11. Kerntechnik, Band 15. K. Thiemig., 1973.
  12. a b c Année politique suisse: Schweizerische Politik, Bände 8-11. Forschungszentrum für Geschichte und Soziologie der Schweizerischen Politik. Universität Bern., 1974.
  13. Hanspeter Kriesi: AKW-Gegner in der Schweiz: eine Fallstudie zum Aufbau des Widerstands gegen das geplante AKW in Graben. Verlag Rüegger, 1982. ISBN 3725301808.
  14. Naturforschende Gesellschaft in Basel: Verhandlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Basel, Bände 102-103. Birkhäuser.
  15. a b c d e f Power Reactor Information System der IAEA: „Switzerland“ (englisch)
  16. Kerntechnik, Band 16. K. Thiemig., 1974.
  17. Gegenwart, Bände 41-42. Troxler (D. Munger), 1979.
  18. Kerntechnische Gesellschaft im Deutschen Atomforum: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 37. Handelsblatt GmbH, 1992.
  19. Nationales Forschungsprogramm 21--Kulturelle Vielfalt und Nationale Identität: Rechte und linke Fundamentalopposition: Studien zur Schweizer Politik 1965-1990. In: Band 21 von Nationales Forschungsprogramm. Kulturelle Vielfalt und nationale Identität. Helbing & Lichtenhahn, 1994. ISBN 3719013464.
  20. Otto Friedrich Walter, Giaco Schiesser: Gegenwort. Limmat, 1988. ISBN 3857911417.
  21. Michael Schroeren: Zum Beispiel Kaiseraugst: der gewaltfreie Widerstand gegen das Atomkraftwerk : vom legalen Protest zum zivilen Ungehorsam. In: Band 6 von Schriftenreihe des Schweizerischen Friedensrates, Schweizerischer Friedensrat. Schweizerischer Friedensrat, 1977.
  22. a b KERNKRAFT-GEGNER: Radio Aktiv. In: Der SPIEGEL 30/1977, 18.07.1977. (Online-Version)
  23. Kerntechnik, Band 19. K. Thiemig., 1977.
  24. a b c Kerntechnische Gesellschaft im Deutschen Atomforum: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 24. Handelsblatt GmbH, 1979.
  25. Holger Strohm: Friedlich in die Katastrophe: eine Dokumentation über Atomkraftwerke. Zweitausendeins, 1981.
  26. Schweizerische Gesellschaft der Kernfachleute, Fritz Aemmer: Geschichte der Kerntechnik in der Schweiz: die ersten 30 Jahre 1939-1969. In: Band 3 von Alte Forscher--aktuell. Olynthus, 1992. ISBN 3907175166.
  27. Werner Koller: Die Demokratie der Schweiz. Sauerländer, 1981. ISBN 3794121457.
  28. a b Heinz Riesenhuber: Kernenergie: die europäische Dimension. INFORUM, 1989. ISBN 3926956062.
  29. Atomkernenergie/Kerntechnik, Band 33. K. Thiemig, 1979.
  30. Kerntechnik, Band 20. K. Thiemig., 1978.
  31. Meinrad Suter, u.a.: Kleine Zürcher Verfassungsgeschichte 1218-2000. Chronos, 2000. ISBN 3905314037.
  32. SCHWEIZ: Das Gratis-Reisli. In: Der SPIEGEL 25/1983, 20.06.1983 (Online-Version)
  33. Kerntechnische Gesellschaft im Deutschen Atomforum: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 31. Handelsblatt GmbH, 1986.
  34. Konstantin Foskolos: Die Fernwärme auf neuen Wegen. (Online-Version)
  35. International Atomic Energy Agency: IAEA yearbook 1996. In: I A E A YEARBOOK. International Atomic Energy Agency, 1996. ISBN 9201020961.
  36. Energy policy, Band 19,Ausgaben 6-10. IPC Science and Technology Press., 1991.
  37. International Atomic Energy Agency: Iaea Yearbook: 1997. International Atomic Energy Agency, 1997. ISBN 9201028970.
  38. ATOMINDUSTRIE: Im Ton vergriffen. In: Der SPIEGEL, 50/1998, 07.12.1998. (Online-Version)
  39. a b Bieler Tageblatt: Schaumfetzen» aus dem Kernkraftwerk entwichen, 05.04.2012. Abgerufen am 06.04.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  40. René Steiner: Legionellen, Kälte - Wärme - Technik AG. Seite 6. Abgerufen am 06.04.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  41. SCHWEIZ: Strahlende Nachbarn. In: Der SPIEGEL 12/2007, 19.03.2007. (Online-Version)
  42. Energie: Schweizer Konzern will neues Atomkraftwerk bauen. In: Spiegel Online, 10.06.2008. (Online-Version)
  43. AKW vom Netz: Schweiz plant Atomausstieg - bis 2034. In: Spiegel Online, 25.05.2011. (Online-Version)
  44. Atomkernenergie/Kerntechnik, Band 41. K. Thiemig, 1982.
  45. a b c Nuclear Reactor Wallchart: Gösgen. In: Nuclear Engineering International, Februar 1980
  46. Georg Kunze, u.a.: Der Sicherheitsingenieur: Rechtsstellung, Haftung u. Verantwortung d. Fachkräfte für Arbeitssicherheit. VDI-Verlag, 1979. ISBN 3184004392.
  47. Patrick Kupper: Atomenergie und gespaltene Gesellschaft: die Geschichte des gescheiterten Projektes Kernkraftwerk Kaiseraugst. In: Band 3 von Interferenzen. Studien zur Kulturgeschichte der Technik. Chronos, 2003. ISBN 3034005954.

Weblinks

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk