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Kernkraftwerk Stade

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Kernkraftwerk Stade
AKW Stade.JPG
Standort
Land Flag of Germany.svg Deutschland
Bundesland Niedersachsen
Ort Stade
Koordinaten 53° 37′ 13″ N, 9° 31′ 49″ OTerra globe icon light.png 53° 37′ 13″ N, 9° 31′ 49″ O
Reaktordaten
Eigentümer Kernkraftwerk Stade GmbH
Betreiber E.ON Kernkraft GmbH
Betriebsaufnahme 1972
Stilllegung 2003
Stillgelegt 1 (672 MW)
Einspeisung
Eingespeiste Energie seit 1972 145896 GWh
Stand der Daten 23. Januar 2010
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Stade (kurz KKS) steht nahe der Stadt Stade an der Elbe. Die Anlage besaß einen Druckwasserreaktor von Siemens und war das erste Kernkraftwerk in Deutschland, das neben Elektrizität auch Fernwärme für eine anliegende Saline erzeugte. Es ist nach dem Kernkraftwerk Lingen das zweite Kernkraftwerk im Bundesland Niedersachsen.

Geschichte

Aufgrund der fortschreitenden Industrialisierung der Elbregion um Brokdorf wurde geplant, nahe Stade ein Kernkraftwerk zu errichten,[1] was der Industrialisierung einen weiteren Schub verlieh.[2] Geplant wurde die Anlage von der Nordwestdeutsche Kraftwerke AG. Dem Projekt in Stade schlossen sich die Hamburgischen Elektrizitätswerke AG an, nachdem sich der Aufsichtsrat im Juni 1967 dafür ausgesprochen hatte. Am 11. Oktober 1967 erteilte die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG den Auftrag an Siemens zur Errichtung eines Druckwasserreaktors mit einer Leistung von 662 MW brutto und 630 MW netto. Daraufhin gründeten am 26. Februar 1968 die Hamburgischen Elektrizitätswerke AG und die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG das gemeinsame Tochterunternehmen Kernkraftwerk Stade GmbH (KKS), von dem die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG zwei Drittel und die Hamburgischen Elektrizitätswerke ein Drittel halten. Auf dieser Basis wurden auch andere Kernkraftwerke in Brunsbüttel, Krümmel und Brokdorf verwirklicht.[3]

Nach Ansicht von AEG befanden sich die Anlagen in Stade und Würgassen in einer Art Konkurrenz zueinander, weshalb es scharfe Kämpfe darum gab, jeweils die eigene Anlage zuerst ans Netz zu bringen.[3] Aufgrund dessen gab es bereits bei der Ausschreibung heftige Preiskämpfe, die von den Energieversorgungsunternehmen entsprechend ausgenutzt wurden. Als erste kommerzielle Kernkraftwerke, das heißt Anlagen, die entsprechend Gewinn abwerfen und gegenüber den Demonstrationskernkraftwerken wirtschaftlich arbeiten, sollten sie eine Art Entscheidungsschlacht austragen, welche Typen zukünftig in Deutschland errichtet werden.[4] Allerdings konnte durch die Preissenkungen und die anschließend entsprechend günstigere Erzeugung der Elektrizität nicht abgeschätzt werden, inwieweit der Atomstrom zum Kohlestrom wirklich einen Preisvorteil bot. In die Projekte flossen noch über Umwege staatliche Subventionen, die nicht abschätzbar waren, zumal anschließende Projekte ohne Subventionen einen solchen großen Vorteil nicht mehr hatten. Weiter ist abgesehen von einigen Änderungen das Reaktorkonzept nahezu gleich mit dem des Kernkraftwerks Obrigheim, wobei lediglich die projektierte Blockleistung angehoben wurde, um den vergleichsweise hohen Anlagenkosten entgegenzuwirken.[5] Mit dem Bau des Kernkraftwerks wurde am 1. Dezember 1967 begonnen.[6] Dieser verlief ohne größere Probleme und Verzögerungen.[3]

Betrieb

Am 8. Januar 1972 konnte der Reaktor erstmals kritisch gefahren werden.[3] Die erste Netzsynchronisation fand am 29. Januar 1972 statt,[6] am 9. März 1972 erreichte die Anlage erstmals Volllast.[3] Am 19. Mai 1972 wurde der Reaktor dem Betreiber übergeben.[6] Lange Zeit galt die Anlage als weltweites Vorzeigeobjekt in Sachen Sicherheit und Verfügbarkeit. Im Jahr 1973 gab es kleinere Probleme mit der Anlage, so fiel unter anderen ein Steuerstab nicht mit der vorhergesehenen Geschwindigkeit ein, Schrauben lösten sich im Druckbehälter und man stellte kleine Risse in einem der Dampferzeuger fest. Allerdings gab es einen größeren Zwischenfall, als man feststellte, dass nach dem Einfahren von Steuerstäben mehrere vor Erreichen der Endlage feststeckten. Grund war der Kern, der in eine Schieflage gekommen war aufgrund von Materialversprödung. Der Schaden wurde von Industrietauchern ausgebessert, die in den Reaktordruckbehälter eingetaucht sind.[7]

Im Jahr 1978 stellte ein vertraulicher Bericht der Reaktorsicherheitskommission fest, dass eine starke Versprödung an Einbauteilen in Kernnähe aufgetreten war. Der Reaktordruckbehälter war an dieser Stelle erhärtet, was auf den Neutronenbeschuss zurückzuführen ist. Ein weiterer Betrieb mit einem hohen Druck war zwar weiterhin möglich, allerdings können bei einer Schnellabschaltung die dabei resultierenden Temperatur- und Druckschwankungen die Wahrscheinlichkeit eines Berstens des Reaktordruckbehälters erhöhen. Für einen solchen Unfall wurde das Kernkraftwerk allerdings nie ausgelegt. Auf Anordnung der Reaktorsicherheitskommission wurde ab 1979 ein Schonprogramm für den Reaktor durchgeführt, so wurden die Aufhängungen der Brennelemente verändert und die Anlage sollte nach dem Willen der Reaktorsicherheitskommission nur noch mit 30 bis 40 % Leistung fahren. So entschied man sich für einen Betrieb mit reduzierter Leistung. Im Jahr 1982 gab es aufgrund der Probleme eine Klage für die sofortige Stilllegung der Anlage. Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg lehnte die Klage im September 1982 ab, da diese »zur Zeit noch nicht geboten« sei. Allerdings forderte das Urteil eine Verbesserung der Sicherheit bezüglich eines möglichen Bruchs durch Versprödung, zumindest sofern dies möglich war. Um trotzdem eine Stilllegung zu erzwingen, beziehungsweise vorerst die Betriebserlaubnis der Anlage zu entziehen, wurde von den Grünen im April 1983 ein entsprechender Antrag im Landtag eingereicht, der von der Mehrheit abgelehnt wurde.[7]

In den folgenden Jahren wurden immer wieder Verbesserungen an der Anlage vorgenommen, so besonders an den Notkühleinrichtungen. Nach Ansicht von Lothar Hahn, ein damaliger „Reaktorsicherheitsexperte“ des Darmstädter Öko-Instituts, seien die Nachrüstungen keine Verbesserungen, sondern sollen lediglich das Gefühl vermitteln, dass die Anlage einem höheren Sicherheitsstand entsprechen würde. Als Beispiel wurde das Notkühlsystem genannt, dass anders herum funktioniert als planmäßig vorgesehen. So wird das Wasser anstatt von unten in den Kern, von oben auf den Kern geleitet. Dadurch gibt es ohne Frage einen besseren Kühleffekt, allerdings verstärken die Verwirbelungen die Belastung für den Reaktordruckbehälter.[7]

Stilllegung

Nach dem sogenannten „Atomkonsens“, der durch die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000 ausgehandelt wurde, sollte das Kernkraftwerk Stade nach Plan Mai 2004 vom Netz gehen.[8] Doch noch im Jahr 2000 stellt E.ON, der Betreiber der Anlage fest, dass das Kernkraftwerk ein Jahr früher abgeschaltet werden würde als im Konsens festgelegt, da es sich ökonomisch nicht weiter rechnen würde. Von Politikern wurde dieser Schritt gelobt. Durch die Abschaltung wären die Reststrommengen für andere Reaktoren noch verfügbar, und der Konzern könnte einen jüngeren Reaktor länger laufen lassen.[9] Am 14. November 2003 ging das Kernkraftwerk Stade endgültig vom Netz.[6] Die restlichen Stromkontingente, insgesamt 4,8 TWh, übertrug E.ON im Mai 2010 auf das Kernkraftwerk Biblis vom Konkurrenten RWE.[10] Der anschließende Rückbau der Anlage zur grünen Wiese soll 2014 abgeschlossen sein.[11]

Während seiner Betriebszeit erzeugte das Kernkraftwerk Stade bis zu seiner Stilllegung insgesamt 145896,361 GWh Elektrizität. Das beste Ergebnis erzielte die Anlage im Jahr 1994 in dem insgesamt 5353,101 GWh erzeugt wurden, am wenigsten erzeugte Stade im Jahr 1991, bei dem nur 2296,602 GWh eingespeist wurden. Die Anlage erreichte während des Betriebs eine Gesamtverfügbarkeit von 84,59 % bei einer Ausfallfaktor von 15,41 %.[6]

Technische Details

Das Kernkraftwerk Stade gilt als technologische Fortschreibung des Kernkraftwerks Obrigheim.[5] Während sich die Siedewasserreaktoren in Deutschland eng an den amerikanischen Vorbildern und Vorgängern orientierten, wurde für Stade viele Verbesserungen vorgenommen, besonders an den Dampferzeugern. Allerdings blieb das Konzept noch abweichend vom modularen Druckwasserreaktorkonzept, das später verwirklicht wurde. Der Reaktor hat vier Kühlschleifen, von denen jede Schleife eine Kapazität von 300 MWth hat.[12] Das Kernkraftwerk besitzt eine Turbine vom Typ TC-4F54,[13] die eine Leistung von 672 MW erzeugt, von denen 640 MW in das Elektrizitätsnetz gespeist werden.[6] Nebenbei wurde auch Prozessdampf für eine anliegende Saline erzeugt.[14] Die Kühlmittelpumpen konnten 15000 m3 in der Stunde fördern, bei einem Eigenbedarf von je 2,4 MW.[15]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk ist ausgestattet mit einem Reaktor, der abgeschaltet ist. Die Anlage wird zur Zeit rückgebaut.

Reaktorblock[6] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Stade (KKS) DWR KWU 4-loop 640 MW 672 MW 01.12.1967 29.01.1972 19.05.1972 14.11.2003

Einzelnachweise

  1. Christian Joppke: Mobilizing against nuclear energy: a comparison of Germany and the United States. University of California Press, 1993. ISBN 0520078136.
  2. Christoph Ohlig: Hamburg- die Elbe und das Wasser sowie weitere wasserhistorische Beiträge. In: Band 13 von Schriften der Deutschen Wasserhistorischen Gesellschaft. BoD – Books on Demand, 2009. ISBN 3837023478.
  3. a b c d e Wolfgang D. Müller: Auf der Suche nach dem Erfolg - Die sechziger Jahre. In: Band 2 von Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland. Schäffer Poeschel, Stuttgart 1996. ISBN 3820210296
  4. Felix Christian Matthes: Stromwirtschaft und deutsche Einheit: eine Fallstudie zur Transformation der Elektrizitätswirtschaft in Ost-Deutschland. In: Band 1 von Edition Energie + Umwelt. BoD – Books on Demand, 2000. ISBN 3898118061
  5. a b Jens Hohensee: Energie, Politik, Geschichte: nationale und internationale Energiepolitik seit 1945. In: Band 5 von Historische Mitteilungen: Beiheft. Franz Steiner Verlag, 1993. ISBN 351506396X.
  6. a b c d e f g Power Reactor Information System der IAEA: „Germany“ (englisch)
  7. a b c Reimar Paul: Der gefährliche Traum: Atomkraft: nach Tschernobyl: notwendiges Basiswissen, Daten über Sicherheitsrisiken, Steckbriefe aller deutschen AKWs, Folgen von Tschernobyl und Harrisburg für Mensch und Umwelt; mit kleinem Lexikon der Atom-Energie. In: Eichborn, Frankfurt am Main, 1986 ISBN 3821811102
  8. Ralf Jeß: Perspektiven zur Deckung des Bedarfs an elektrischer Energie in Deutschland bis 2020. In: Akademische Schriftenreihe. GRIN Verlag, 2007. ISBN 3638726797.
  9. Lisa Erdmann: Das Sterben der Kraftwerke beginnt. In: SPIEGEL ONLINE, 10.10.2000. (Online-Version)
  10. Uralt-Reaktor bleibt länger am Netz. In: SPIEGEL ONLINE, 10.05.2010. (Online-Version)
  11. Sarah Köhlmann: Die Abbildung von nuklearen Entsorgungsverpflichtungen in IFRS-abschlüssen: Eine Analyse der Bilanzierung, Offenlegung und Prüfung. In: Gabler Edition Wissenschaft. Gabler Verlag, 2008. ISBN 3834909424.
  12. Steve D. Thomas: The Realities of Nuclear Power: International Economic and Regulatory Experience. In: Cambridge Energy Series; Cambridge Energy and Environment Series. Cambridge University Press, 2010. ISBN 0521126037.
  13. Alexander Leyzerovich: Wet-steam turbines for nuclear power plants. PennWell Books, 2005. ISBN 1593700326.
  14. M. Bahadir, u.a.: Springer Umweltlexikon. Springer, 2000. ISBN 3540635610.
  15. Edward G. Nisbett, u.a.: Steel forgings: a symposium sponsored by ASTM Committee A-1 on steel, stainless steel, and related alloys, Williamsburg, VA, 28-30 Nov., 1984. In: Band 903 von ASTM special technical publication; Band 903 von ASTM STP; Steel forgings: a symposium sponsored by ASTM Committee A-1 on steel, stainless steel, and related alloys, Williamsburg, VA, 28-30 Nov., 1984. ASTM International, 1986. ISBN 0803104650.

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk