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Kernkraftwerk Stendal

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Kernkraftwerk Stendal
Block 1, im Hintergrund Zellstoff Stendal
Block 1, im Hintergrund Zellstoff Stendal
Standort
Land Flag of Germany.svg Deutschland
Bundesland Sachsen-Anhalt
Ort Arneburg
Koordinaten 52° 43′ 26″ N, 12° 1′ 4″ OTerra globe icon light.png 52° 43′ 26″ N, 12° 1′ 4″ O
Reaktordaten
Eigentümer VEB Kernkraftwerk Bruno Leuschner
Betreiber Energiewerke Nord GmbH
Vertragsjahr 1974
Bau storniert 1991
Bau storniert 2 (1940 MW)
Zusatzfunktion Fernwärme
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Stendal (kurz ehemals KST) sollte nahe der Stadt Arneburg bei Niedergörne gebaut werden. Das in der Deutschen Demokratischen Republik begonnene Bauwerk wurde aufgrund der Wiedervereinigung und technologischer Unstimmigkeiten mit dem Gesetz nicht vollendet. Die an der Elbe gelegene Anlage sollte einst das größte Kernkraftwerk der Deutschen Demokratischen Republik werden, allerdings gab es noch während des Baus viele Hindernisse aufgrund von Reformen in der DDR selber, aber auch von Seiten der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Nach der Wende gab es andere Konzepte, um die Anlage doch noch zu vollenden, die sich jedoch nicht durchsetzen konnten und zu teuer waren. Das Kernkraftwerk stand seither als Bauruine in der Landschaft, bis man nach der Jahrtausendwende mit dem Abriss der eigentlichen Gebäude begann. Auf dem Gelände sind heute mehrere Firmen ansässig, darunter auch das größte Zellstoffwerk Deutschlands.

Geschichte

Erstmals im Jahr 1971 verabschiedete die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) auf dem achten Parteitag den Bau eines weiteren dritten Kernkraftwerks, dass im Raum Magdeburg entstehen sollte.[1] Bereits im Herbst 1973 war der Standort intern bekannt gewesen, weshalb am 7. und 21. November das Landesmuseum Halle in der Gemarkung Niedergörne eine erste Standortbegehung unternahm, zur Erkundung eventueller historischer Fundstücke aus der Zeit des Mittelalters. Diese Begehung schaffte drei Fundorte bei Niedergörne direkt am Elbufer zutage, die jedoch weniger auf dem geplante Gelände lagen sondern eher in Richtung der Ortschaft Altenzaun. Nach der Flurbereinigung konnten weitere Fundstätten in der Umgebung festgestellt werden. Während des Baus einer Wasserleitung für das Werk noch vor Baubeginn wurde eine ganze Siedlung entdeckt, die durch Erdarbeiten angeschnitten wurde.[2]

Im Jahre 1974 wurde ein Standort für das Kernkraftwerk drei der Deutschen Demokratischen Republik festgelegt: Im Bezirk Magdeburg bei Elbkilometer 407 bis 410, Landkreis Stendal. Am 21. Oktober 1974 wurde hierzu die Schutzgebietserklärung verlautbart, die aufgrund des Atomrechts eine Schutzzone um das Kernkraftwerk vorsah. In der Zone 1 war das Wohnen, Campieren oder längere Aufenthalte nicht gestattet. Ebenso war das Ankern von Schiffen auf der Elbe untersagt. In der Zone 2 wurde die Besiedlung eingeschränkt.[3] Die Wahl des Standortes fiel aus drei Gründen für Stendal aus:[4]

  • Die Lage ist zentral in der Deutschen Demokratischen Republik
  • Nähe zur Elbe als Kühlwasserquelle
  • Nähe zu den Lastzentren der Hauptstadt Berlin, der Bezirksstadt Magdeburg sowie der nördlich liegenden Gebiete

Ein Nachteil des Standortes war jedoch, dass die Umgebung die dichteste Besiedelung im Bezirk Magdeburg aufwies. Während der Durchschnitt unter 100 Einwohner pro Quadratkilometer lag, im Norden sogar unter 50 Einwohner pro Quadratkilometer, entwickelte sich Stendal aufgrund des vorangegangenen Wohnungsbaus bereits zu einem Ballungsraum, in dem 125 Einwohner je Quadratkilometer wohnen.[5] Wie bereits das vorherige Werk in Greifswald sollte Stendal mit vier Reaktoren vom Typ WWER-440 ausgestattet werden. Das Werk sollte bereits ab 1980 in Betrieb gehen.[6] Weitere vier Reaktoren des gleichen Reaktortyps waren angedacht, allerdings gab es bereits zu dieser Zeit bereits die Option die Anlage um leistungsstärkere WWER-1000 zu erweitern.[7] Anders als es beispielsweise beim Kernkraftwerk Greifswald der Fall war wurde für das Kernkraftwerk Stendal kein Hauptauftragnehmer benannt, da bei anderen Großprojekten dieser Art einige rechtliche Probleme auftraten, die sich auf die finanzielle Haftung auswirkten.[8]

Bau

Im Jahre 1973 wurde mit dem Bau eines neuen Stadtteils in Stendal begonnen mit dem Namen Stadtsee. Insgesamt gab es drei Ausbaustufen die als Stadtsee I bis III bezeichnet wurden. So konnten rund 10.000 Wohnungen geschaffen werden, die vorwiegend für die Angestellten des Kernkraftwerks als Unterkunft dienen sollten.[9] Ein Jahr später wurde mit dem Bau des Kernkraftwerkes begonnen.[9] Planungen sahen zudem eine Einbindung in das 750 kV-Netz der Sowjetunion durch eine Hochspannungstrasse vor, kommend vom Kernkraftwerk Ignalina, durch Polen bis nach Niedergörne. Ignalina selbst sollte eine Knotenpunkt werden und so die Deutsche Demokratische Republik in ein Verbundnetz mit anderen Satellitenstaaten der Sowjetunion einbinden.[10] Nachdem 1975 die Bundesrepublik von dem Werk in Kenntnis gesetzt wurde, gab es sofort schwere Bedenken. Die Antwort der Deutschen Demokratischen Republik lautete hierauf: „Die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik ist bereit, den Bau eines Kernkraftwerkes auf der Basis von Angeboten potentieller Lieferanten aus der BRD zu prüfen.“ Die Deutsche Demokratische Republik erhielt zwar entsprechende Angebote, konnte diese jedoch nicht annehmen, da es ansonsten die sowjetische Seite verärgert, und wirtschaftliche Nachteile zur Folge gehabt hätte.[11]

Projektänderung

Block 1 im Jahr 2007

Die Überlegung eventuell doch größere Blöcke zu errichten war durch eine Entscheidung seitens der Sowjetunion im Jahre 1976 und 1977, sich eher auf diese Rektoren auszurichten, beeinflusst worden. Im Jahre 1979 wurden schließlich die Planungen angepasst und der Bau von vier Reaktoren mit dem leistungsstärkeren Modell vorgezogen, anstatt die leistungsschwächeren WWER-440 zu errichten. Hierdurch verschob sich jedoch der Fertigstellungstermin des ersten Blocks auf das Jahr 1989. Nach Plan sollte die ganze Anlagen rund 16 Milliarden Mark kosten.[1] In der Deutschen Demokratischen Republik selbst warb man mit der Anlage, da sie die modernste sei, die gegenwärtig dort errichtet werden würde.[12] Seitens der Bundesrepublik Deutschland gab es nur wenige Informationen über das Werk. Auf eine Anfrage im Jahre 1979 nach der Fertigstellung des Kraftwerks wurde keine eindeutige Antwort abgegeben.[13] In einen späteren Bauabschnitt sollte die Anlage von vier auf acht Blöcke ausgebaut werden.[14]

Mit dem Bau des ersten Blockes wurde am ersten Dezember 1982 begonnen.[15] Der Baubeginn von Block 2 erfolgte am ersten Dezember 1984.[16] Nach Plan sollten die Anlagen zwischen 1986 und 1990 den Betrieb aufnehmen. Allerdings rechnete der Westen aufgrund der vorhandenen Kenntnisse, dass die Anlage erst in den 1990er den Betrieb aufnehmen könnte.[17] Lange Zeit wurde die Anlage als Investitionsrunie auch innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik gesehen.[18] Aufgrund einer Änderung der Stromsituation in der DDR wurden die Pläne für das Kernkraftwerk abgeändert und nicht mehr nach dem Originalplan errichtet. Die finanziellen Geldmittel die eingespart wurden hatte man auf die Fertigstellung der noch in Bau befindlichen Braunkohlekraftwerke umgelenkt, die schneller realisiert werden konnten. In der Folge jedoch kam das Land seinen Lieferverpflichtungen nicht nach. Ähnliche Probleme gab es auch in anderen RGW-Ländern, weshalb einige Komponenten für Stendal nicht rechtzeitig geliefert werden konnten.[19] Der erste Block hätte demnach erst bis 1992 den Betrieb aufnehmen können,[20] der Zweite bis 1995.[1] Ein weiteres Problem gab es beim Bau der Kühltürme. Eigentlich wurde ein Kran vorgesehen, der am Boden abgespannt wird. Allerdings kam die Deutsche Demokratische Republik nicht an einen solchen Kran, weshalb eigens für Stendal ein neuer Kletterkran entwickelt wurde. Dieser wurde jeweils mit vier um 90 ° versetze Abspannseilen am Kühlturm selbst befestigt.[21]

Die Katastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986 und der Preissturz beim Erdöl hatten keinerlei Auswirkungen auf den Bau des Kernkraftwerks. Im Gegenteil, nach Plan hätte die Inbetriebnahme des ersten Blockes bereits 1991 erfolgen können.[22] Im Südosten von Stendal wurde im gleichen Jahr ein weiterer Stadtteil errichtet, von dem etwa die Hälfte der Wohnungen für die Mitarbeiter des Kernkraftwerks vorgesehen waren. Während der Bauzeit wurden die rund 9000 Arbeiter in diesen Wohnungen untergebracht. Das Kernkraftwerk Stendal selbst hatte zu diesem Zeitpunkt rund 800 Beschäftigte. Das Kernkraftwerk war in den 1980ern der bedeutsamste und größte Arbeitgeber im Kreis Stendal. In der Stadt Stendal selbst förderte der Bau der neuen Wohnungen auch den Bau neuer sozialer Einrichtungen sowie der Infrastrutur.[9] Gegen Ende des Jahres 1986 gab es jedoch eine Änderung in der Fertigstellung der Werke. Willi Stoph, Ministerratsvorsitzender der Deutschen Demokratischen Republik, erklärte, dass lediglich noch drei von vier Reaktoren des Kernkraftwerks Greifswald errichtet werden würden, Stendal vorerst aus den Plänen vollständig wegfallen würde. Die Fachzeitschrift Kernenergie listete diese Reaktoren in der Ausgabe 1987 ebenfalls nicht mehr auf.[23] Ebenso regierten erste Umweltbewegungen, die sich bisher von der Kernenergie thematisch distanziert hatten, um wegen der Katastrophe von Tschernobyl gegen die Anlage zu protestieren.[14] Nachdem bis 1989 immer mehr sozialistische Regime in Osteuropa fielen und die ersten Nuklearprojekte vor dem Aus standen, insbesondere wegen der angespannten finanziellen Lage in der Sowjetunion aber auch innerhalb der Deutschen Demokratischen Republik, stand eine Stornierung dieses Projekts, sowie baugleicher Projekte an den Standorten Temelín, Greifswald und Paks erstmals im Raume.[24]

Im Jahre 1988 gab es ein weiteres Problemen, nachdem sich die Leningrader Metallwerke nicht mehr bereit erklärten die Turbine für den ersten Block zu liefern.[25] Der Grund war, dass das von der DDR bestellte Modell bisher nie gefertigt wurde.[26] Weitere Probleme an den Blöcken gab es bereits vorher. Aufgrund von Fehlberechnungen mussten mehrere Tonnen Beton an den Fundamenten nachgegossen werden, die ansonsten abgesackt wären.[27] Für die Blöcke 3 und 4 gingen die Planungen jedoch trotzdem weiter. Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurden Verbesserung der Sicherheitseinrichtungen an den Reaktormodellen vorgenommen, anders als bei den ersten beiden Blöcken ohne Unterstützung der Deutschen Demokratischen Republik. Daher kamen für Block 3 und 4 nur noch Modelle vom Typ AES-88 oder AES-92 in Frage.[1]

Wende und Wiedervereinigung

Das Kernkraftwerk im Jahr 1991

Nach der ersten demokratischen Wahl im März 1990 kamen die Allianz für Deutschland, Sozialdemokratische Partei Deutschlands und die Liberalen bei den Koalitionsverhandlungen darüber überein, dass die Deutsche Demokratische Republik keine weitere Entscheidung über das Kernkraftwerk Stendal fällen werden, ob es einen Fortbau geben würde oder nicht. Man hatte diese Entscheidung einer gesamtdeutschen Regierung vorbehalten.[28] Jedoch gab es bereits zu diesem Zeitpunkt die Gewissheit, dass die Anlagen in allen Komponenten nicht dem deutschen Genehmigungsrecht entspricht. Nach Aussage des Umweltministers Klaus Töpfer wären aufwändige Nachrüstungen an der Anlage nötig um sie unter bundesdeutschen Recht betreiben zu können. Nach Plan sollte 1991 der erste Reaktordruckbehälter angeliefert werden. Die restlichen Komponenten der Anlage lagerten jedoch noch in der Sowjetunion. Sollten diese Komponenten nicht abgenommen werden kämen Verbindlichkeiten aus den Lieferverträgen auf die Treuhand zu, die sich auf 7,6 Milliarden Deutsche Mark belaufen hätten. Weiter wären rund 7000 bis 10000 Arbeiter ohne Arbeit entlassen.[29] Verglichen mit dem internationalen Stand der Technik hätten die Reaktoren in Stendal jedoch den Vorschriften entsprochen.[30] Auch die westdeutsche Kraftwerksindustrie machte sich entsprechende Sorgen um die Versorgungsstabilität in den DDR-Ländern, denn einige Braunkohlekraftwerke mussten kurzfristig vom Netz genommen werden aufgrund schwerer technischer Schwierigkeiten, ebenso die vier noch laufenden Reaktoren am Standort Greifswald. Nach deren Ansicht wäre eventuell über den Zubau neuer großer Kernkraftwerke zu reden. Ähnlich sah die Situation das Deutsche Atomforum, dessen Präsident Claus Berke diese Problematik ansprach.[31]

Die drei großen Energieversorger RWE, PreussenElektra und Bayernwerk sahen eine Übernahmechance an den Werken und äußersten ihr großes Interesse, sowohl den Standort in Stendal, als auch den in Greifswald übernehmen zu können und jedes Werk um einen Reaktor der KWU-Baulinie '80 (genauer Konvoi-95) zu erweitern.[32] Spätere Pläne sahen den Bau von zwei Konvoi-95-Reaktoren, Stendal C und D vor (Block 1 und 2 wurden theoretisch als A und B geführt). Allerdings erwartete man bereits zu diesem Zeitpunkt Widerstand seitens der neuen Bundesländer gegen die Anlage. Die älteren Anlagen wurden ebenfalls seitens Siemens untersucht und die Nachrüstmöglichkeiten erläutert. Die Energiewerke Nord, der Nachfolgegesellschaft des VEB Kernkraftwerke Bruno Leuschner, sahen jedoch keine Chance mehr eine neue Lizenz für die Reaktoren in Stendal zu erhalten, zumindest sei die Wahrscheinlichkeit sehr gering. Für den Neubau gab es jedoch seitens des Bundeswirtschaftsministers Jürgen Möllemann erstmals politische Unterstützung. Seitens der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wurde das Projekt abgelehnt. Der Lizenzantrag für den Bau der Anlage wurde zwar eingereicht, allerdings hoffte Siemens auf eine einzige Baugenehmigung um die Blöcke C und D innerhalb von drei Jahren zu realisieren. Der Trend in Westdeutschland ging jedoch eher in die Richtung mehrere Teilgenehmigungen auszulegen. Die Gesamtkosten des Projekts hätten sich auf rund vier Milliarden Deutsche Mark belaufen. Ein endgültiger Preis konnte jedoch nicht gemacht werden, da bei den bisherigen Konvoi-Werken Isar-2, Emsland und Neckarwestheim-2 die Kosten am Ende noch stark gefallen sind.[33]

Am ersten März 1991 wurde offiziell der Bau der ersten beiden Blöcke storniert.[15][16] Grund war eine Entscheidung vom 28. Januar desselben Jahres in der der Abriss des in Bau befindlichen Kernkraftwerks verankert wurde.[34] Aus einer Studie aus dem Jahr 1992 ging heraus, dass die neuen Blöcke in den nächsten Jahren doch nicht benötigt werden würden. Der Grund lag daran, dass durch die Schließung vieler großer Industriebetriebe der Stromverbrauch alleine in Ostdeutschland um 27 % innerhalb des ersten Quartals 1991 gefallen war.[35] Rückwirkend zum ersten Januar 1993 wurde die AIG Altmark-Industrie GmbH gegründet, um das gesamte Kernkraftwerksgelände nach und nach zu einem Industriegebiet zu entwickeln. Am 4. Februar 1994 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt mit einem Festkapital von fünf Millionen Deutsche Mark. Das erste größere Projekte auf dem Gelände waren die Errichtung eines Recyclingzentrums. Bis Anfang 1994 konnten insgesamt 20 Firmen mit 560 Arbeitnehmern angesiedelt werden. Weiter sollte auf dem Gelände von der VEAG ein neues Kohlekraftwerk errichtet werden.[36]

Die heute beseitigten Kühltürme des Werkes

Im Jahre 1994 wurde der erste von den drei errichteten 150 Meter hohen Kühltürmen gesprengt. Erst 1999 folgten die anderen beiden Kühltürme. Gesprengt wurden sie mit 350 Kilo Sprengstoff in 880 Bohrlöchern. Der Grund der Sprengung war der Unterhalt, der für das Energieunternehmen PreussenElektra zu teuer war.[37] Das Unternehmen plante ehemals die Kühltürme für zwei 750 MW starke kohlebefeuerte Kraftwerksblöcke zu erhalten.

Technische Details

Die Reaktoren die zum Einsatz kommen sollten sind vom Typ WWER-1000/320 und basieren auf dem sowjetischen Modell. Allerdings gab es gravierende Unterschiede bezüglich der Kennziffern der Anlage, so waren nahezu alle Parameter im Vergleich mit der Referenzanlage Saporischschja wesentlich schlechter, ebenso die Wirtschaftlichkeit. Allerdings gibt es gravierende Unterschiede bezüglich der Standorte, so war Saporischschja bereits ein erschlossener Standort, Stendal jedoch nicht. Seitens der Deutschen Demokratischen Republik wurde der größte Aufwand auf die Erschließung gelegt, die schlechteren Leistungsmerkmale der Blöcke sollen den Unterschied nur geringfügig beeinflussen. Weiter war die Baustelle und das Werk technologisch zurückgeblieben, da die große Automatisierung wie sie beim Bau des Kernkraftwerks Saporischschja verwendet wurden nicht in der DDR zur Verfügung stand. Dies beeinflusst die Qualität der Komponenten und des Werkes enorm. Auch konstruktive Abweichungen gab es, so kamen unter anderem Turbinen mit einer Geschwindigkeit von 3000 Umdrehungen pro Minute zum Einsatz um die Materialkosten zu verringern. Eine weitere Besonderheit ist der Verzicht auf eine Durchflusskühlung, wie es bei den sowjetischen Werken üblich war. Stattdessen wird das Kühlwasser durch Kühltürme umgewälzt und fort genutzt.[26]

Schnittbild des Reaktorgebäudes

Die Maschinenhallten sollten mit Turbinen vom Typ K-1000-60/3000 ausgestattet werden, die bei einer Geschwindigkeit von 3000 Umdrehungen pro Minute rund 1000 MW erzeugen können. Als Alternativkonzept wurde der Einsatz von zwei 500 MW starken Turbinen in Erwägung gezogen, die ohne Probleme in Polen hätten gefertigt werden können. Allerdings riet die Sowjetunion davon ab, denn dann wäre ein Prototyp zum Einsatz gekommen, für den die Deutsche Demokratische Republik die volle Verantwortung hätte tragen müssen. Obwohl es sich bei der 1000 MW-Turbine auch um einen Prototyp gehandelt hätte wäre die Sowjetunion als Fertiger der Maschine auch als Garant für die Sicherheit eingetreten.[26] Beide Blöcke hätten eine Leistung von 970 MW brutto erreicht, von denen 900 MW in das Elektrizitätsnetz gespeist worden wären.[15][16] Eine Innovation hingegen stellt das Containment der Anlage dar, das die Deutsche Demokratische Republik zusammen mit der Sowjetunion entwickelte. Dies führte zu einer Arbeitszeitverkürzung und zu weiteren Materialeinsparungen durch eine Gewichtsreduzierung der Gebäude, da weniger Beton benötigt wurde.[26] Das Containment selbst ist ein Volldruckconteinment, jedoch nur einfach und nicht doppelt. Das Gebäude hätte jedoch faktisch einen Flugzeugabsturz überstanden, jedoch war die Auslegung etwas schlechter als bei den Konvoi-Anlagen. Die Sicherheitssysteme jedes Blockes sollten aus drei Strängen bestehen. Ebenso war eine Notsteuerstelle als Reservewarte vorhanden. Das Störfallspektrum der Anlage entsprach dem westlichen Standard, bedeutet dass die Anlage für den Bruch einer Hauptkühlmittelleitung nach DN 850 ausgelegt war. Ebenso wäre der Bruch einer Sekundärleitung und Schäden an den Heizrohren der Dampferzeuger beherrschbar gewesen.[38]

Die beiden Blöcke waren erdbebensicher ausgelegt worden. Ebenso waren die Blöcke für Notstromfälle vorbereitet. Gegen einen Brandfall war eine räumliche Trennung vorhanden, jedoch keine sehr strikte. Gegen etwaige Überflutungen war die Anlage nur bedingt geschützt.[38] Baulich basierte das modifizierte Gebäude auf dem materialaufwändigeren WWER-1000/320 Gebäude, das für die ersten WWER-1000 in der Sowjetunion sowie den Kernkraftwerken Temelín und Kosloduj zum Einsatz kam. Ab 1986 wurden die ersten Projekte als AES-U87 ausgeführt, dessen bauliche Struktur dem Vorläufermodell nahezu vollständig glich, jedoch materialsparender ausgeführt wurden, sodass die Gesamtlast des Gebäudes verringert werden konnte. Abgesehen von den Hauptgebäuden waren die Nebengebäude Eigenentwürfe aus der DDR, insbesondere die Wasseraufbereitungsanlage.[39]

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Stendal besteht aus zwei Reaktorblöcken, deren Bau storniert wurde, die Planung zweier weiterer Blöcke wurden ebenfalls aufgegeben.

Reaktorblock Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Stendal-1[15] DWR WWER-1000/320 900 MW 970 MW 01.12.1982 Bau am 01.03.1991 storniert
Stendal-2[16] DWR WWER-1000/320 900 MW 970 MW 01.12.1984 Bau am 01.03.1991 storniert
Stendal-3 DWR WWER-1000 900 MW 970 MW Planungen storniert
Stendal-4 DWR WWER-1000 900 MW 970 MW Planungen storniert

Einzelnachweise

  1. a b c d Felix Christian Matthes: Stromwirtschaft und deutsche Einheit: eine Fallstudie zur Transformation der Elektrizitätswirtschaft in Ost-Deutschland. In: Band 1 von Edition Energie + Umwelt. BoD – Books on Demand, 2000. ISBN 3898118061. Seite 57, 58, 60.
  2. Museum für Kulturgeschichte (Magdeburg, Germany), u.a.: Abhandlungen und Berichte für Naturkunde und Vorgeschichte, Band 12. Das Museum, 1977. Seite 13, 32.
  3. Staatliches Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz der Deutschen Demokratischen Republik: Schutzgebietserklärung KKW III, 21.10.1974. Abgerufen am 02.01.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  4. Eötvös Loránd Tudományegyetem: Annales Universitatis Scientiarum Budapestinensis de Rolando Eötvös nominate: Sectio geographica, Bände 15-17. 1980. Seite 16.
  5. Verlag Enzyklopädie, Leipzig: Handbuch DDR. Enzyklopädie, 1979. Seite 136.
  6. Lutz Mez: Der Atomkonflikt: Atomindustrie u. Anti-Atom-Bewegung im internal. Vergleich. Olle und Wolter, 1979. ISBN 3921241472. Seite 62.
  7. Germany (West). Bundestag: Verhandlungen des Deutschen Bundestages: Stenographische Berichte, Band 262. 1980. Seite 50.
  8. Wilhelm-Pieck-Universität Rostock: Wissenschaftliche Zeitschrift der Wilhelm-Pieck-Universität Rostock: Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe, Band 26,Ausgaben 1-5. Wilhelm-Pieck-Universität Rostock, 1977. Seite 441.
  9. a b c Gesellschaft für Deutschlandforschung (Germany). Fachgruppe "Geographie und Raumplanung.": Energiestrukturveränderungen und ihre Raumwirksamkeit in den beiden deutschen Staaten. In: Band 32 von Schriftenreihe der Gesellschaft für Deutschlandforschung e.V. Duncker & Humblot, 1991. ISBN 3428072316. Seite 65 bis 66.
  10. Kommunistische und Arbeiterpartei für Theorie und Information: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Band 23,Ausgaben 7-12. Dietz, 1980. Seite 1092.
  11. Harry Maier, u.a.: Innovation oder Stagnation: Bedingungen der Wirtschaftsreform in sozialistischen Ländern. Dt. Inst.-Verl., 1987. ISBN 3602348520. Seite 107 bis 114.
  12. Hendrik Bussiek: Notizen aus der DDR: Erlebnisse, Erfahrungen, Erkenntnisse in der unbekannten deutschen Republik. In: Band 3417 von Fischer Taschenbücher. Fischer Taschenbuch Verlag, 1979. ISBN 3596234174. Seite 268.
  13. Ständiges Sekretariat für die Koordinierung der Bundesgeförderten Osteuropaforschung (Germany): Kernenergiepolitik der Länder des RGW. In: Sonderveröffentlichung des Bundesinstituts für Ostwissenschaftliche und Internationale Studien. BOIS, 1979. Seite 39.
  14. a b Peter Wensierski: Ökologische Probleme und Kritik an der Industriegesellschaft in der DDR heute. Wissenschaft und Politik, 1988. ISBN 3804687210. Seite 291, 321.
  15. a b c d Power Reactor Information System der IAEA: „Nuclear Power Reactor Details - STENDAL-1“ (englisch)
  16. a b c d Power Reactor Information System der IAEA: „Nuclear Power Reactor Details - STENDAL-2“ (englisch)
  17. Raimund Dietz: Die Energiewirtschaft in Osteuropa und der UdSSR. In: Band 11 von Studien über Wirtschafts- und Systemvergleiche. Springer, 1984. ISBN 3211817573. Seite 139.
  18. Hajo Hoffmann, u.a.: Konzepte zum Frieden: Vorschläge für eine neue Abrüstungs- und Entspannungspolitik der SPD. SPW-Verlag, 1985. ISBN 3922489060. Seite 153.
  19. Horst Ulrich, u.a.: M-Z. In: Band 1 von DDR Handbuch, Michael Fehlauer. Verlag Wissenschaft und Politik, 1985. ISBN 3804686427. Seite 97.
  20. Stern, Band 39,Ausgaben 20-27. Gruner + Jahr, AG & Co., 1986. Seite 268.
  21. Bauplanung-Bautechnik, Band 43. VEB Verlag für Bauwesen., 1989. Seite 78.
  22. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: Wochenbericht, Band 53. 1986. Seite 310, 394.
  23. Friedrich-Ebert-Stiftung: Die Energiepolitik der DDR: Mängelverwaltung zwischen Kernkraft und Braunkohle. In: Band 92 von Die DDR, Realitäten, Argumente. Verlag Neue Gesellschaft, 1988. Seite 41.
  24. Österreichisches Ost- und Südosteuropa-Institut: Atlas Ost- und Südosteuropa: aktuelle Karten zu Ökologie, Bevölkerung und Wirtschaft, Ausgabe 3. Österreichisches Ost- und Südosteuropa-Institut, 1989. ISBN 3443285058. Seite 7, 17.
  25. Michael Hänel: “Das Ende vor dem Ende“ Zur Rolle der DDR-Energiewirtschaft beim Systemwechsel 1980-1990, Januar 1998. Abgerufen am 03.01.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  26. a b c d Mike Reichert: Kernenergiewirtschaft in der DDR: Entwicklungsbedingungen, konzeptioneller Anspruch und Realisierungsgrad, 1955-1990. In: Band 19 von Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Scripta Mercaturae, 1999. ISBN 3895900818. Seite 332, 334, 338
  27. Werner Kern: Drei letzte Jahre: vom Sturm auf die Zionsbibliothek bis zur deutschen Einheit. Gollenstein, 2000. Seite 85.
  28. Deutschland Archiv, Band 23. Kiepenhauser and Witsch., 1990. Seite 906.
  29. Heinz Suhr: Was kostet uns die ehemalige DDR?. Eichborn, 1990. ISBN 3821811404. Seite 65.
  30. Germany (East). Amt für Kernforschung und Kerntechnik: Kernenergie: Zeitschrift für Kernforschung und Kerntechnik, Band 34. Akademie-Verlag., 1991. Seite 183.
  31. Klaus Humann: Wir sind das Geld: wie die Westdeutschen die DDR aufkaufen. In: Band 12925 von Rororo aktuell. Rowohlt, 1990. ISBN 3499129256. Seite 71.
  32. Atomic Industrial Forum: Nuclear industry, Bände 35-38. Atomic Industrial Forum, 1988. Seite 172.
  33. Nuclear engineering international, Band 36,Ausgaben 438-449. Heywood-Temple Industrial Publications Ltd., 1991. Seite 2, 11
  34. Spiegel: Nützliche Fiktion, 11.02.1991. Abgerufen am 04.01.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  35. Bureau of National Affairs (Arlington, Va.): International environment reporter: current report, Band 14. Bureau of National Affairs, 1992. Seite 285.
  36. Kerntechnische Gesellschaft (Bonn, Germany): Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 39. Handelsblatt GmbH, 1994. Seite 180.
  37. Spiegel: AKW-Kühltürme gesprengt, 29.10.1999. Abgerufen am 04.01.2012. (Archivierte Version bei WebCite)
  38. a b Kerntechnische Gesellschaft im Deutschen Atomforum: Atomwirtschaft, Atomtechnik, Band 38. Handelsblatt GmbH, 1993. Seite 434.
  39. Bauplanung-Bautechnik, Band 43. VEB Verlag für Bauwesen., 1989. Seite 5.

Siehe auch

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