Kernkraftwerk Rancho Seco

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Kernkraftwerk Rancho Seco
Rancho-Seco-power-plant-California new.jpg
Standort
Land Flag of the United States.svg Vereinigte Staaten
Bundesstaat Kalifornien
Ort Clay
Koordinaten 38° 20′ 43″ N, 121° 7′ 14″ WTerra globe icon light.png 38° 20′ 43″ N, 121° 7′ 14″ W
Reaktordaten
Eigentümer Sacramento Municipal Utility District
Betreiber Sacramento Municipal Utility District
Betriebsaufnahme 1974
Stilllegung 1989
Stillgelegt 1 (917 MW)
Einspeisung
Eingespeiste Energie seit 1974 44750 GWh
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Rancho Seco (englisch Rancho Seco Nuclear Power Plant) befindet sich nahe der Gemeinde Clay im US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien. Die Anlage war eine staatlich betriebene Anlage der Sacramento Municipal Utility District, die über die Jahre hinweg viele Probleme mit der verwendeten Technologie hatte aus mehreren Gründen. Die schlechte Laufzeitperformance der Anlage und der schlechte Ruf infolge mehrerer Störungen führten dazu, dass sich das Unternehmen nach einem Referendum dazu hinleiten ließ, das Kernkraftwerk stillzulegen. Die Anlage befindet sich heute im sicheren Einschluss. Ein Zwischenlager für die abgebrannten Brennelemente der Anlage befindet sich neben dem Kernkraftwerk.

Geschichte

Im Jahr 1966 erwarb die Sacramento Municipal Utility District (kurz SMUD) ein 8,5 Quadratkilometer großes Grundstück im Südosten von Sacramento County, 25 Kilometer südöstlich des Stadtzentrums von Sacramento.[1] Im gleichen Jahr bestellte das Unternehmen für den Standort beim Reaktorbauer Babcock & Wilcox einen B&W-177 als Lowered Loop. Hauptvertragspartner war der Ingenieursdienstleister Bechtel. Während Babcock & Wilcox für den gesamten Anlagenaufbau zuständig war, wurde die Turbine für den Block bei Westinghouse bestellt.[2] Es war das erste thermische Kraftwerk, das die SMUD errichten lies, ansonsten umfasste der Kraftwerkspark des Unternehmens nur Wasserkraftwerke. Das Unternehmen war daher relativ unerfahren das Betriebspersonal für die Anlage zusammenzustellen, weshalb Ronald Stinson von General Electric zur SMUD wechselte und als leitender Ingenieur beim Bau und der Zusammenstellung des Personals teilnahm. Um das Personal für Rancho Seco zu schulen wurde das Betriebsteam, das von Grund auf neu zusammengestellt wurde, in Kraftwerke und Kernkraftwerke anderer Energieversorger geschickt um direkt an in Betrieb befindlichen Anlagen geschult zu werden.[3]

Im Oktober 1968 erhielt die SMUD von der Atomic Energy Commission die Baugenehmigung für die Anlage,[4] sodass im Dezember die Baustellenzufahrt zum Standort eingerichtet werden konnte.[5] Im März 1969 begannen die Vorarbeiten am Standort[4] und der Aushub der Baugrube, der am 10. März zuerst für die Turbinenhalle erfolgte. Im April wurde mit dem Aushub der Baugrube für das Reaktorgebäude begonnen.[5]

Ursprünglich war geplant, dass neben Rancho Seco 1 ein weiterer Block, Rancho Seco 2, entstehen sollte mit einer Leistung von 1100 MW.[6] Mit dem Abschluss der Umweltverträglichkeitsprüfung war der Block bereits 1975 vor dem Vorstandskreis der SMUD für eine Entscheidung bereit. Allerdings gab es im Management große Bedenken aufgrund der ungelösten Brennstofffrage nach Einsatz im Reaktor, die sich bereits mit Block 1 stellte.[7] Auch seitens der Nuclear Regulatory Commission gab es keine direkte Hilfe für einen Lösungsansatz des Kernbrennstoffproblems in Rancho Seco. Seitens der SMUD wurde außerdem hervorgehoben, dass es Finanzierungsprobleme für den weiteren Block gebe und die Anlage daher nicht alleine errichtet werde.[8] Die andere Seite war, dass es Diskussionen um ein Gesetz gab, die Produktion des ersten Blocks und eines potentiell Zweiten zu drosseln, wenn genug Kapazität aus anderen Kraftwerken zur Verfügung stehen würde. Das machte den Bau eines weiteren Blocks in Rancho Seco eher unattraktiv.[9]

Bau

Die Anlage während der Bauphase im Jahr 1974

Der Bau des Blocks begann offiziell am 1. April 1969.[10] Im September wurde die Spanngallerie für das Containment im unteren Bereich vorbereitet, für den Guss von Beton. Im Februar 1970 wurde mit der Montage des Containmentliners am Boden des Reaktorgebäudes begonnen, sodass bis März die Bewehrung für die Wände des Containments installiert werden konnten, sowie der Bau des ersten Kühlturms. Ende April war die Bewehrung des Containments weit genug installiert, dass mit dem ersten Guss der Wände begonnen werden konnte. Zeitgleich konnten die 108 Zoll-Rohre für das Kühlwasser zwischen Turbine und Pumpenhaus unterhalb der Kühltürme gelegt werden, sodass sie einbetoniert werden konnten. Ende Mai war der Turbinentisch der Turbinenhalle bereits im Bau weit fortgeschritten. Anfang Juli wurde begonnen den Bewehrungsstahl für das Hilfsanlagengebäude zu legen.[5] Bis 1974 konnte der Bau der Anlage abgeschlossen werden.[4] Die Gesamtkosten der Anlage beliefen sich auf 375 Millionen Dollar.[11]

Betrieb

Am 16. August 1974 vergab die Nuclear Regulatory Commission die Betriebsgenehmigung für die Anlage, sodass noch im gleichen Monat der erste Kernbrennstoff geladen werden konnte.[4] Am 16. September 1974 wurde der Reaktor erstmals kritisch gefahren und am 13. Oktober 1974 erstmals mit dem Stromnetz synchronisiert. Am 17. April 1975 wurde der Block in den kommerziellen Betrieb überführt.[10] Im Juni 1975 kam es zu zwei ungeplanten Stillständen aufgrund von Reparaturen, die auf Materialfehler zurückzuführen waren.[4] Dies umfasste unter anderem am 30. Juni 1975 eine Niederdruckturbine, deren Rotor sich aufgrund eines Materialfehlers löste und einen Teil der Turbine zerstörte. Ein weiterer Fehler unterlief einem Operateur, der die Steuerstabsmotoren prüfen wollte, jedoch ohne die Wasserkühlung. Die Folge war, dass der Block sieben Monate für Reparaturen stillstehen musste.[12] Im März 1976 fuhr der Block wieder unter Volllast, die allerdings im darauf folgenden Monat wieder unterbrochen musste, aufgrund eines Spulenausfalls am Stator des Generators,[4] der neu gewickelt werden musste,[12] wodurch der Block erst im Oktober 1976 wieder auf Volllast angefahren werden konnte. In den ersten 18 Monaten des Betriebs stand die Anlage alleine aufgrund von technischen Problemen rund 13 Monate. Daher lag der Kapazitätsfaktor nur bei 26 % im Jahr 1975 und 29 % im Jahr 1976.[12] Im Jahr 1977 konnte der Block rund acht Monate lang die Volllast fahren und zwischen Juli und Dezember einen Kapazitätsfaktor von 75 % erreichen.[4] Grund für den dennoch geringen Faktor war, dass in diesem Jahr der Reaktor erstmals nachgeladen wurde. Mangels Erfahrung dauerte der Prozess mehr als zwei Monate.[12]

Am 20. März 1978 kam es zu einem Leistungsverlust im Primärsystem mit Reaktorschnellabschaltung. Ursache war hierfür ein Arbeiter, der an der Reaktorkonsole in der Schaltwarte eine Glühbirne tauschen wollte. Bei dem Tausch wurde ein kleiner Kurzschluss erzeugt, der dazu führte, dass die Reaktorkonsole spannungslos war, da die Sicherungsorgane auslösten.[13] Die Folge war, dass das System den Speisewasserdurchsatz im Sekundärsystem zurückfuhr, wodurch die Temperatur und der Druck im Reaktor stiegen, weshalb der Reaktor wegen zu hohen Druck automatisch eine Reaktorschnellabschaltung einleitete. Um den Druck zu reduzieren wurde mehr Speisewasser in die Dampferzeuger gepumpt, wodurch der Druck sank. Kurz darauf initiierte das System das Hochdrucknotkühlsystem, wodurch der Druck auf 137,8 Bar stieg und gehalten werden konnte. Die Operatoren versuchten durch die Hochdruckeinspeisung den Druck im Reaktor zu halten, während er gekühlt wurde, während das Wartungspersonal in der Schaltwarte versuchte die Elektrizitätsversorgung wieder herzustellen.[14] Binnen einer Stunde fiel die Temperatur von 288 °C auf 138 °C.[15] Erst im Nachgang wurde seitens der ermittelnden Nuclear Regulatory Commission festgestellt, dass der Reaktordruckbehälter unter diesen Bedingungen aufgrund eines thermischen Schocks unter Druck hätte versagen können, wenn er mehr versprödet gewesen wäre oder einen kleinen Fehler im Material aufgewiesen hätte.[14] Am 24. März durfte die Anlage wieder anfahren, nachdem mit der Nuclear Regulatory abgesprochen wurde, entsprechende Änderungen zum Schutz einer solchen Störung auch im Instrumentierungs- und Kontrollsystem des Sekundärkreislaufs vorzunehmen. Am 5. Januar 1979 wiederholte sich die Störung, bei der erneut der Reaktor bei zu hohen Druck zu stark gekühlt wurde.[13]

Blick auf das in Betrieb befindliche, aber stillstehende Kernkraftwerk Rancho Seco

Im Jahr erreichte der Block einen Kapazitätsfaktor von 65 %. Über den Zeitraum von 1975 bis 1978 lag damit der Gesamtkapazitätsfaktor bei 50 %, damit 15 % unterhalb des US-Durchschnitts. Ron Rodriguez, Sicherheitsbeauftragter im Kernkraftwerk Rancho Seco, ging davon aus, dass von den 59 Abschaltungen, die es bis dahin im Kernkraftwerk gab, etwa 39 auf technische Probleme zurückzuführen waren, während die restlichen auf menschliches Versagen zurückzuführen wären. Nach der partiellen Kernschmelze in Block 2 im Kernkraftwerk Three Mile Island am 28. März 1979, bekam das Kernkraftwerk Rancho Seco als baugleiche Anlage am 27. April 1979 die Weisung der Nuclear Regulatory Commission, das Kraftwerk für Modifikationen abzuschalten.[12] Unter anderem ging es das Integrierte Kontrollsystem des Kraftwerks zu modifizieren, die Babcock & Wilcox zur höheren Zuverlässigkeit des Systems empfohlen hatte. Die SMUD entschied sich allerdings dagegen diese Modifikationen durchzuführen, obwohl die Nuclear Regulatory Commission diverse Mängel an dem System entdeckte.[13] Im Juni 1983 gab es seitens Babcock & Wilcox die Schätzung, dass ein zu starkes Abkühlen des Reaktors infolge des Ausfalls des Integrierten Kontrollsystems bei 4×10-2 liegt, was praktisch bedeutet, dass das System alle drei Jahre einen Ausfall erleiden würde und es zu der Störung kommt, die bereits zwei mal zuvor stattfand. Da Rancho Seco allerdings mit einer modifizierten Variante ausgestattet war, lag die Wahrscheinlichkeit in dieser Anlage sogar noch höher. Am 19. März 1984 kam es erneut zum Spannungsverlust an einer nicht nuklearen Instrumentierung, wodurch der Reaktor abgeschaltet wurde und der Reaktor zu schnell gekühlt wurde.[13]

Am 23. Juni 1985 kam es zum Abriss einer Stickstoffleitung aufgrund zu starker Vibrationen mangels fehlerhafter Installation eines Ventils. Am 2. Oktober 1985 kam es erneut zu einem zu einer Überkühlung des Reaktorsystems nachdem zwei Abblaseventile am Speisewasservorwärmer öffneten und zu einem Abschalten des Reaktors führten. Für den Rest des Monats Oktober blieb der Block für Modifikationen abgeschaltet. Am 5. Dezember 1985 befand sich der Block wieder in Betrieb, musste aber abgeschaltet werden, nachdem es Probleme gab den Wasserstand in den Dampferzeugern aufrecht zu halten. Am 12. Dezember ging der Block wieder ans Netz. Am 22. Dezember 1985 kam es erneut zur Abschaltung der Anlage, nachdem ein Leck mit 11 bis 15 Liter pro Minute in einem Nebensystem des Primärkreislaufs entdeckt wurde.[13]

Am 26. Dezember 1985 kam es zur bisher schwersten Störung im Block, als die Anlage mit 76 % der Nennleistung fuhr. Am integrierten Kontrollsystem kam es zu einen Spannungsverlust, wodurch das Kontrollsystem automatisch reagierte und die Hauptspeisewasserventile auf 50 % Durchsatz schloss, sowie die Abblaseventile des Sekundärsystems öffnete, das Überströmventil der Turbine in den Kondensator öffnete und die Hilfsspeisewasserventile auf 50 % öffnete. Aufgrund hohen Druck im Reaktorsystem wurde eine Reaktorschnellabschaltung automatisch ausgelöst. Innerhalb der 26 Minuten, die das Kontrollsystem spannungslos war, konnten die Operatoren den Reaktor nicht ausreichend prüfen, sodass die Temperatur im Reaktor um 82 °C gefallen war, was die Auslegung von 38 °C/h deutlich überschritt. Probleme gab es insbesondere bei dem Druckhalter, dessen Wasserstand außerhalb des Messbereichs absank, während der Wasserstand in einen der beiden Dampferzeuger viel zu hoch stand. Außerdem meldete der Speisewasserflussmesser einen Durchsatz von 50 %, was allerdings falsch war, da er tatsächlich bei 0 % lag. Aufgrund dieses Fehler arbeitete einer der Hauptumwälzpumpen, obwohl das Sektionsventil geschlossen war, was zu starken Schäden an der Pumpe führten. Aufgrund des Stresses in der Schaltwarte kollabierte einer der Operatoren des Blocks und wurde im Krankenhaus behandelt. Infolge des Zwischenfalls wurde seitens der Nuclear Regulatory Commission ein Inspektionsteam geschickt, das allerdings vier Tage später von einem anderen Inspektionsteam ersetzt wurde, dass auf Störungen spezialisiert war, da es sich eher um ein Problem handele, das auch andere baugleiche Reaktoren betreffe. Tatsächlich aber war die Ursache, dass das Emergency Feedwater Initiation and Control (EFIC) system, das nach den Unfall in Three Mile Island ab 1984 installiert werden sollte, nie in Rancho Seco installiert wurde, sondern sich der Betreiber SMUD für ein alternatives System entschieden hatte, das weder der Nuclear Regulatory Commission bekannt war, noch dämpfend bei der Störung hätte eingreifen können, wie das EFIC.[13]

Seitens der Nuclear Regulatory Commission wurde ein Anfahren von Rancho Seco bis auf weiteres untersagt, bis die SMUD die entsprechenden Nachrüstungen vorgenommen habe. Seitens der Nuclear Regulatory Commission wird die Störung als bisher schwerster Zwischenfall seiner Art in einem US-Kernkraftwerk bezeichnet. Infolge des Unfalles musste SMUD eine Strafe zwischen 300.000 und einer Millionen Dollar an die Aufsichtsbehörde zahlen. Infolge des schlechten technischen Umsetzungsvermögen der SMUD und des schlechten Mangements, formte sich im Jahr 1986 eine Protestgruppe gegen das Kernkraftwerk, auch begründet durch den Reaktorunfall von Tschernobyl im April 1986.[11] Allerdings gab es auch innerhalb der Nuclear Regulatory Commission scharfe Kritik im Bezug auf die Aufsichtspflicht, die in den vorherigen Jahren vernachlässigt wurde und möglicherweise bereits zu einer früheren Abschaltung der Anlage geführt hätte, somit nicht zur Störung.[16] Nach einem Stillstand von 27 Monaten bei einem finanziellen Verlust von 400 Millionen Dollar wurde der Reaktor am 11. April 1988 wieder kritisch gefahren.[13]

Bis 1988 verzeichneten die Gegner des Kernkraftwerks Rancho Seco einen Erfolg, als sie als Anwohner der Anlage in Sacramente County für den 6. Juni 1989 ein Referendum gegen das bis dahin 13 Jahre alte Kernkraftwerk erwirkten. Aufgrund der Tatsache, dass die Anlage seit Inbetriebnahme kaum wirtschaftlich betrieben werden konnte durch die häufigen Stillstände, gab es auch seitens der SMUD die Option das Kernkraftwerk zu verkaufen.[17] Die Alternative zum Verkauf war der Umbau der Anlage in ein gasgefeuertes Kraftwerk innerhalb der folgenden 5 Jahre.[18] Am 12. Dezember 1988 kam es erneut zu einem Zwischenfall als der Speisewasserfluss in den Dampferzeuger zum erliegen kam, woraufhin eine Reaktorschnellabschaltung folge, der betroffene Dampferzeuger ausdampfte und eine starke Überkühlung des Reaktorsystems einsetzte. Während der Wartung des Blocks am 31. Januar 1989 kam es zu einer Fehlfunktion an einer der Turbopumpen für das Speisewasser, die nicht elektrisch, sondern über eine zweiflutige Dampfturbine getrieben werden. In der Regel liegt die Geschwindigkeit bei 3600 Umdrehungen pro Minute, allerdings führte der hohe Dampffluss dazu, dass sie auf Überdrehzahl mit 6020 Umdrehungen pro Minute lief. Versuche die Turbine normal zu regeln scheiterten, auch die angesprochene Schaltung bei Überdrehzahl sprach zwar an, versagte jedoch beim Schließen des Ventils. Um die Turbine vor einem Schaden, sowie die Leitungen durch die die Pumpe förderte vor Schäden zu schützen (Die Pumpe förderte mit einem Druck von 262 Bar und überschritt damit die technische Grenze der Rohrleitungen von 179 Bar) schlossen die Operatoren das Hauptdampfventil zu der Turbopumpe, womit die Störung behoben werden konnte.[13]

Am 6. Juni 1989 kam es in Sacramento County zum Referendum über die Stilllegung der Anlage.[19] Für den Betreiber SMUD war das Referendum nicht bindend, weshalb die Umsetzung des Ergebnisses alleine in der Verantwortung der SMUD lag.[4] Dennoch investierte das Unternehmen zusammen mit anderen Unternehmen der Atomwirtschaft rund 580.000 Dollar in öffentlich wirksame Kampagnen um das Kernkraftwerk weiterhin zu betreiben. Die Kampagne schlug fehl, sodass insgesamt 111.867 Bewohner (53,4 %) von Sacramento County für die Stilllegung von Rancho Seco stimmten, 97.460 Bewohner (46,6 %) für den weiteren Betrieb des Kernkraftwerks.[19] Am 7. Juni 1989 begann die SMUD den Block in den Morgenstunden abzufahren und gab bekannt, das Ergebnis zu akzeptieren und das Kernkraftwerk stillzulegen.[20] Um 10:40 Uhr morgens erreichte der Block den Heißzustand auf Nachwärmeleistung. In der Geschichte der US-Atomwirtschaft war es das erste Kernkraftwerk, das nach einem öffentlichen Referendum stillgelegt wurde, was insbesondere durch die Gegner des Kernkraftwerks, darunter die in den USA populäre Figur Ralph Nader als Teil der Anti-Atom-Bewegung, als Anfang vom Ende der Kernenergie in den Vereinigten Staaten von Amerika bezeichnet wurde.[21]

Tatsächlich werteten Analysten das Ergebnis anders: Carl Goldstein vom U.S. Council for Energy Awareness in Washington wertete die Abstimmung eher als eine über die SMUD. Grund hierfür ist seiner Ansicht nach, dass mit der SMUD ein staatliches Unternehmen war und der Sacramento County mit Rancho Seco mehrere Millionen Dollar in den letzten fünf Jahren kostete, sodass insbesondere mehrere Kostenfaktoren wie der Kauf von neuen Brennstoff und die Beschaffung von Ersatzkapazitäten eine wirtschaftliche Herausforderung für die SMUD waren, sodass hier einer der Hauptgründe liegt, dass die Anlage stillgelegt wurde. Sekundär war Rancho Seco der bisher einzige Fall, bei dem es wirklich zu einem Referendum um ein Kernkraftwerk kam. Hauptgrund hierfür ist, dass die Anlage bereits im staatlichen Besitz waren, die meisten US-Kernkraftwerke allerdings von privaten Gesellschaften betrieben werden. Um eine Stilllegung zu erwirken müsste der Staat erst das Kernkraftwerk aufkaufen, sodass eine Stilllegung verfügt werden könne.[21]

Seitens der SMUD wurde Ende Juni 1989 dennoch ein Versuch unternommen das Kernkraftwerk zu retten und zu verkaufen. Ein festes Angebot gab es bereits der Quadrex Corporation mit Sitz im kalifornischen Campbell, die spezialisiert auf Reparaturen und Modernisierungen von Kernkraftwerken war. Obwohl sich die Regierung des Staates Kalifornien hinter die Wähler von Sacramento County stellte, begründeten die drei der fünf Mitglieder des Verwaltungsrates der SMUD ihre Entscheidung die Anlage zu verkaufen damit, dass sie damit Sacramento County die Kosten für die Stilllegung und den Rückbau der Anlage ersparen wollten. Die SMUD nahm die Angeboten zwischen dem 20. Juni und dem 30. Juni an. Für Anfang Juli plante die SMUD die Entlassung der ersten 100 von 1000 Beschäftigten des Kernkraftwerks Rancho Seco, weitere 300 Beschäftigte sollten bis Ende 1989 entlassen werden. Weiter plante die SMUD die Brennelemente bis November 1989 aus dem Kraftwerk zu entfernen und in ein neues Trockenlager am Standort einzulagern, bis ein nationales Endlager etabliert ist.[22] Am 11. September 1989 stimmte allerdings der Verwaltungsrat gegen den Verkauf an die Quadrex Corporation, womit das Kraftwerk trotz Interesse des Unternehmens weiterhin im Besitz der SMUD blieb. Neben der Quadrex Corporation gab es kein weiteres Interesse am Kernkraftwerk Rancho Seco. Ein weiterer Verkaufsversuch im Oktober 1989 an das eventuell interessierte Department of Energy, wie die Nuclear Regulatory Commission dem Eigentümer SMUD zuerst zusicherte, kam nie zustande.[23]

Stilllegung

Die Anlage im Jahr 2009

Seit dem 7. Juni 1989 befindet sich die Anlage im stillgelegten Zustand. Im August 1989 beantragte die SMUD bei der Nuclear Regulatory Commission eine Lizenz zur Stilllegung des Kernkraftwerks. Bis zum 8. Dezember 1989 wurde der Reaktor vollständig entladen.[4] Innerhalb der 14 Betriebsjahre hat der Block lediglich im Equivalent etwa sechs Volllastjahre gefahren.[24] Im Oktober 1991 stellte die SMUD einen Antrag für ein Trockenlager am Kernkraftwerk, um die Kosten von rund einer Millionen Dollar pro Jahr für die Lagerung im Kernkraftwerk zu sparen.[25] Am 26. April 1990 stellte die SMUD einen Antrag, die Betriebsgenehmigung für den Block abzugeben und die Anlage als stillgelegt zu deklarieren, sodass sie lediglich die Anlage besitzt. Über den Rest der 1990er wurden die Genehmigungen für die sichere Verwahrung des Kernkraftwerks beantragt, sodass im August 2002 die letzten Brennelemente das Reaktorgebäude in das Trockenlager verlassen konnten. Daraufhin begann im Januar 2003 ein teilweiser Abbau des Kernkraftwerks, der sich auf den sekundären Bereich beschränkte.[4]

Innerhalb des Reaktors wurde bis 2005 der Stahlliner im Abklingbecken entfernt, sowie die meisten Sekundärsysteme, als auch die meisten Leitungen im Reaktorgebäude.[26] Ab 1999 bis 2008 wurde die Anlage dekontaminiert und damit von der Betriebslizenz freigesetzt. Die erwarteten Gesamtkosten bis dahin wurden auf 518,6 Millionen Dollar veranschlagt.[27] 2008 wurde der Reaktordruckbehälter in mehrere Teile geschnitten, ebenso der Dampferzeuger.[28] Seit 2008 befindet sich die Anlage für den Abriss im sicheren Einschluss. Im September 2013 wurde ein Vertrag für die Verschaffung von radioaktiven Abfall der Klasse B und C in das Endlager Andrews nach Texas unterzeichnet, der bis November 2014 abgeschlossen wurde.[29]

Standortdetails

Naherholungsgebiet Rancho Seco Lake mit Kühltürmen im Hintergrund

Der Standort der Anlage befindet sich im südöstlichen Bereich von Sacramento County, 40 Kilometer südöstlich der Stadt Sacramento. Topografisch ist der Standort flach, nicht direkt beeinflusst von einigen Erhöhungen. Der Standort des Kernkraftwerks selbst liegt 50 Meter über den Meeresspiegel, wodurch keine Gefahr der Überflutung besteht. Geologisch ist der Untergrund der Sierra Nevada Moutains, in denen Rancho Seco sich befindet, aus festen Sedimentgestein, darunter aus Granit und metamorfen Gestein. Seismisch gesehen befinden sich in der näheren Umgebung keine Verwerfungen. Der nächste Verwerfung befindet sich 16 Kilometer östlich des Standortes, die seit dem Jurazeitalter nicht mehr aktiv sind. Die nächste aktive Verwerfung ist in 113 Kilometer Entfernung in westlicher Richtung der San Andreas Graben. Auf der Richterskala wird daher an diesem Standort kein Beben über der Stärke 4,0 bis 4,9 erwartet.[4] Das Gelände besitzt einen Gleisanschluss der Union Pacific Railroads, der an der Hauptstrecke zwischen Galt und Ione angebunden ist. Der Ausbau der Strecke ist aufgrund geringer Wichtigkeit nicht sehr groß, da die Strecke in Ione endet. Frachtzüge können daher nur mit einer Geschwindigkeit von 40 Kilometer pro Stunde fahren. Der Gleisanschluss muss aufgrund des Lagers für abgebrannte Brennelemente beibehalten werden, da der Abtransport per Bahn geplant ist, sofern entweder das Endlager Yucca Mountain vollendet wird oder eine andere Lösung gefunden wird.[1] Die Wasserversorgung der Anlage erfolgt durch den Folsom South Canal, der knapp 6 Kilometer westlich der Anlage fließt. Zeitgleich zum Bau wurde ein kleiner Teich südöstlich der Anlage zum 65 Hektar großen See Rancho Seco Lake aufgestaut, um in Notfällen als Wasserreserve zu dienen. Der See und seine Umgebung sind gleichzeitig ein Naherholungsgebiet des County of Sacramento.

Technik

Rancho Seco 1 ist mit einem Druckwasserreaktor von Babcock & Wilcox ausgestattet, den B&W-177 als Lowered Loop-Variante. Bei einer thermischen Leistung von 2772 MW erreichte der Block eine elektrische Leistung von 917 MW, von denen er 873 MW in das Elektrizitätsnetz speiste.[10]

Daten des Reaktorblocks

Das Kernkraftwerk Rancho Seco besteht aus einem Block, der stillgelegt wurde.

Reaktorblock[10] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Rancho Seco-1 PWR B&W-177 L-Loop 873 MW 917 MW 01.04.1969 13.10.1974 17.04.1975 07.06.1989

Einzelnachweise

  1. a b Tran Systems: Rancho Seco Nuclear Generating Station, California. 01.10.2010. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  2. Nuclear Engineering International: NEI Yearbook 2011. 2011. Abgerufen am 28.05.2016.
  3. American Nuclear Society: Ronald Stinson: ANS President. Juli 1987. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  4. a b c d e f g h i j k Nuclear Regulatory Commission: RANCHO SECO HISTORICAL SITE ASSESSMENT, REVISION 1. 03.08.2006. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  5. a b c Nuclear Regulatory Commission: Rancho Seco License Termination Plan, Chapter 2, Site Characterization. April 2006. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  6. Rancho Seco Nuclear Generating Station Unit No. 2: Draft Environmental Impact Report. Sacramento Municipal Utility District, 1974.
  7. United States. Congress. Atomic Energy Joint Committee: Storage and disposal of radioactive waste, hearing before ..., 94-1 ..., November 19, 1975. 1975. Seite 170.
  8. United States. Congress. Joint Committee on Atomic Energy: Hearings, Reports and Prints of the Joint Committee on Atomic Energy. U.S. Government Printing Office, 1975. Seite 173.
  9. California. Legislature. Assembly. Committee on Resources, Land Use, and Energy: Hearings on the Nuclear Initiative, Bände 14-16. 1975. Seite 319.
  10. a b c d Power Reactor Information System der IAEA: „United States“ (englisch)
  11. a b Los Angeles Times: Cooling Accident at Rancho Seco Chills Nuclear Power Industry 31.08.1986. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  12. a b c d e Ed Salzman: California environment and energy: text and readings on contemporary issues. California Journal Press, 1980. ISBN 0930302230. Seite 16.
  13. a b c d e f g h Union of Concerned Scientists: Rancho Seco. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  14. a b Christopher Boyd: Pressurized Thermal Shock, PTS. Abgerufen am 28.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  15. US-Congress: Unresolved Safety Issues: Pressurized Thermal Shock. U.S. Government Printing Office, 1984. Seite 5.
  16. United States. Congress. House. Committee on Energy and Commerce. Subcommittee on Energy and Power: NRC Authorization for Fiscal Year 1988, Band 4. U.S. Government Printing Office, 1987. Seite 41.
  17. Public Citizen, Band 8. Public Citizen, Incorporated, 1988. Seite 4 bis 7.
  18. Independent Power: A Prospectus. Public Utilities Reports and the Management Exchange, 1988. Seite 31.
  19. a b New York Times: Voters, in a First, Shut Down Nuclear Reactor, 08.06.1989. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  20. Los Angeles Times: STATE : Rancho Seco A-Plant Starts Closing, 07.06.1989. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  21. a b New York Times: Rancho Seco Nuclear Plant Shutdown Begins: But Closure by Voters, First of Its Kind, Is Not Expected to Have Much Effect on Other Facilities, 08.06.1989. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  22. United Press International: Closed nuclear plant up for sale, 20.07.1989. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  23. Bulletin of the Atomic Scientists, Band 45, Nr. 10, Dezember 1989. ISSN 0096-3402. Seite 7.
  24. Sacramento Public Affairs Center: California Policy Choices. Sacramento Public Affairs Center, School of Public Administration, University of Southern California, 1992. Seite 222.
  25. Nuclear Waste, Public Information and Residential Property Values, 30.10.1995. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  26. IAEA: Radioactive Waste Management, Februar 2005. Seite 43, 44. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  27. Nuclear Regulatory Commission: Site Summaries for Decommissioning Power Reactors, 2005. Seite 15. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  28. OECD: R&D and Innovation Needs for Decommissioning Nuclear Facilities, 2014. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)
  29. Nuclear Regulatory Commission: ANNUAL FINANCIAL REPORT, 2014. Abgerufen am 29.05.2016 (Archivierte Version bei WebCite)

Siehe auch


Für kursiv geschriebene Kernkraftwerke gab es zwar Planungen und Anträge bei der AEC oder NRC, diese kamen jedoch nie in die eigentliche Planungsphase; (ausgeklammerte) Standorte wurden für Kernkraftwerke bereits evaluiert, aber keine Planung begonnen.