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Kernkraftwerk Primorje

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Kernkraftwerk Primorje
Standort
Land Flag of Russia.svg Russische Föderation
Oblast Region Primorje
Ort Nachodka
Koordinaten 42° 44′ 47″ N, 132° 51′ 57″ OTerra globe icon light.png 42° 44′ 47″ N, 132° 51′ 57″ O
Reaktordaten
Eigentümer JSC Rosenergoatom Konzern
Betreiber JSC Rosenergoatom Konzern
Pläne gestoppt 2 (2510 MW)
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Die Quellen für diese Angaben sind in der Zusatzinformation einsehbar.

Das Kernkraftwerk Primorje (russisch Приморская АЭС, kurz ПАЭС, deutsch PAES) soll in der russischen Region Primorje nahe der Stadt Arsenjew entstehen. Das Werk wird in Zusammenhang mit einem geplanten Aluminiumwerk von RUSAL projektiert und ist im föderalen Zielprogramm von 2010 bis 2015 und 2020 für die Inbetriebnahme in der zweiten Hälfte zwischen 2015 und 2020 vorgesehen. Bereits zur Sowjetzeit und danach war geplant, in der Region ein Kernkraftwerk zu errichten. Die Planungen für das Werk sind seit 2012 gestoppt.

Geschichte

Bereits Ende der 1980er gab es Planungen im Fernen Osten erste Offshore-Kernkraftwerke zu positionieren, was allerdings seitens der möglichen Anlagestellen in Magadan, Nachodka und Petropawlowsk-Kamtschatski abgelehnt wurde.[1] In der Folge wurde 1988 erstmals in Aussicht gestellt, ein Kernkraftwerk in der Region Primorje zu errichten.[2] Bis zum Zerfall der Sowjetunion war das Kernkraftwerk im Dezember 1992 in das Bauprogramm bis 2010 aufgenommen worden und der Bau von zwei fortschrittlichen Blöcken mit WWER-640 in Aussicht gestellt worden, die 2010 hätten in Betrieb gehen sollen.[3] Neben dem Werk war eine baugleiche Anlage für die Region Chabarowsk vorgesehen gewesen, das Kernkraftwerk Fernost, häufig auch durch die Direktübersetzung Dalnij Wostok (russisch Дальний Восток) bezeichnet. Die Konfiguration der Anlagen ist die gleiche gewesen, weshalb in den 1990ern die Regionen Chabarowsk und Primorje die Planungen für die Anlagen gemeinsam vornahmen. Als Referenzwerk galt jedoch das Kernkraftwerk Fernost.[4] Als Problem stellte sich allerdings die Evaluierung eines geeigneten Standortes heraus, der einerseits Eigenschaften für ein Kernkraftwerk bieten würde und mit geringen Kostenaufwand erschließbar schien. Während für das Kernkraftwerk Fernost ein Standort seit 1989 am Fluss Amgun bereits zur Verfügung stand, stellte sich die Evaluierung im Falle des Kernkraftwerks Primorje als komplizierter heraus.[5]

Im Jahr 1995 wurden Gelder für Machbarkeitsstudien für die beiden Werke vom föderalen Staatsbudget zur Verfügung gestellt und für beide Werke ein lokales Planungsbüro eröffnet. Im Jahr 1998 änderten sich allerdings die Gegebenheiten, weshalb die Studie für das Kernkraftwerk Fernost eingestellt wurde, und nur die Studie für das Kernkraftwerk Primorje über andere Finanzierungsquellen fortgesetzt wurde. Allerdings wären für die Umsetzung des Kernkraftwerks nach dem Ministerium für Atomenergie der russischen Föderation rund 2,5 Milliarden Dollar nötig gewesen, die das Ministerium nicht zur Verfügung hatte und es eher unwahrscheinlich schien, dass das Werk, für das 2002 bis 2005 der Standort erschlossen werden sollte, 2005 in Bau gehen und 2010 betriebsbereit sein würde. Abgesehen davon war das Werk nur für das maximal geplante Bauprogramm vorgesehen gewesen, womit ein Bau der Anlage nur bei hohem Energiebedarf und der Verfügbarkeit der finanziellen Mittel infrage gekommen wäre. Sekundär war das Kernkraftwerk nie als primäre Lösung für die Energieprobleme der Region vorgesehen gewesen, sondern lediglich als langfristige Ergänzung des Kraftwerksparks. Die Studie selbst führte dennoch zu einem Erfolg, da man einen geeigneten Standort in Nowotroitsk nahe der Stadt Arsenjew für das Kernkraftwerk finden konnte. Um das Projekt eventuell doch umzusetzen wurde versucht private Unternehmen anzulocken. Allerdings gab es regional auch Widerstand gegen das Werk, das weitestgehend als Tschernobyl-Syndrom bezeichnet wurde, eine Spätfolge und Angstreaktionen infolge des Reaktorunfalls von Tschernobyl im Jahr 1986.[6]

Neben Russland bildete sich auch bei der Volksrepublik China und Südkorea Interesse heraus, Energie aus dem mit 1300 MW projektierten Werk zu beziehen. Die Folge war die Projektierung einer neuen 1800 Kilometer langen 500 kV-Hochspannungsleitung zur nordchinesischen Stadt Shenyang, die sich über Nordkorea bis zur südkoreanischen Hauptstadt Seoul fortsetzt. Allerdings lag der Bedarf beider Städte bei jeweils drei Gigawatt, weshalb das Werk alleine dafür nicht ausreichen würde und man weitere Evaluierungen über die Lösung dieser Stromlücke anstellte. Man favorisierte die Lösung des Baus eines neuen konventionellen Kraftwerks, dass die Lasten weitestgehend abdecken und die Netzregelung übernehmen sollte.[7] Die Kosten für den Bau der Trasse wurden auf rund 1,5 Milliarden Dollar geschätzt, an deren Kosten sich auch die Volksrepublik und Südkorea beteiligten wollten, nicht jedoch Nordkorea.[8] Mit der Etablierung des neue Bauprogramms seitens des Ministeriums für Atomenergie der russischen Föderation im Jahr 2001 wurde Primorje weiterhin aufgeführt,[9] allerdings waren nunmehr statt nur zwei Blöcke insgesamt vier Stück mit WWER-640 vorgesehen gewesen und einer Gesamtleistung von 2520 MW.[10] Ab 2002 wurde dazu Atomenergoprojekt Nischni Nowgorod und das Kurtschatow-Institut beauftragt eine Ausarbeitung des Werkes vorzunehmen, nach dem entsprechenden Bedarf der Region und der angrenzenden Länder zwischen 2010 und 2020. Innerhalb dieser Periode sollte die Anlage errichtet werden.[11] Noch im April 2003 folgte vom Ministerium für Atomenergie der russischen Föderation eine offizielle Ankündigung, dass die Projektierung des Werkes wiederaufgenommen sei und mit dem Bau in den nächsten Jahren begonnen werden würde.[12] Allerdings ist nicht mehr das Ministerium federführend, sondern der staatliche Kernkraftwerksbetreiber Rosenergoatom, dem mit dem Dekret Nummer 1207-r vom 8. September 2001 sämtliche Kernkraftwerke, auch die in Planung und Bau befindlichen Anlagen in der russischen Föderation, in seinen Besitz bekam, und das Ministerium dadurch ausgeschaltet wurde.[13] Der Konzern hatte allerdings keine Prioritäten für das Werk, weshalb die Planungen daraufhin weitestgehend eingestellt wurden.

Russland Region Primorje
Nachodka
Nachodka
Arsenjew (Nowotroitsk)
Arsenjew (Nowotroitsk)
Ussurijsk
Ussurijsk
Gewählter (grün) und alternativer (grau) Standort in der Region Primorje

Im Rahmen des Föderalen Zielprogramms von 2010 bis 2015 und 2020, dass am 22. Februar 2008 verabschiedet wurde, wurde der Bau von einer zweiblöckigen Anlage mit Reaktoren des Typs WBER-300 mit jeweils 300 MW mit Inbetriebnahme zwischen 2016 und 2020 für Primorje in Aussicht gestellt.[14] Analog dazu wurde allerdings bereits 2007 mit dem Aluminiumhersteller RUSAL darüber verhandelt im Rahmen des Baus eines neuen Aluminiumwerks in der Region eine vierblöckige Anlagen mit einer Gesamtleistung von 4000 MW zu errichten, in der nicht Rosenergoatom, sondern Atomstroiexport den Mehrheitsanteil hält und zusammen mit RUSAL das Werk betreibt. Die Aluminiumhütte sollte jährlich rund 600.000 Tonnen produzieren. Von dem Kraftwerk wäre etwas mehr als ein Drittel der Energie von dem Aluminiumwerk abgenommen worden.[15] Im Rahmen dessen wurden die Planungen 2009 angepasst und mit der Entwicklung des WWER-1200/501 der Bau von zwei solchen Einheiten als AES-2006M für Primorje beschlossen.[16] Als Standort für das Werk wird weiterhin Arsenjew bevorzugt,[17] allerdings gab es auch Planungen das Werk nahe Ussurijsk zu errichten, dem Ort in dem das Aluminiumwerk entstehen soll, was seitens Gegner des Projekts scharf kritisiert wird, da der dortige Standort auf einem Kohlevorkommen liegt und eher weniger für den Bau eines Kernkraftwerks geeignet scheint.[18] Die Planungen für die Anlage wurden im Jahr 2012 ausgesetzt.[19][20]

Im Juli 2013 wurde die Standortwahl neu überdacht und aufgrund der Vorteile weder Arsenjew, noch Ussurijsk als Standort gewählt, sondern die Küstenstadt Nachodka. Grund hierfür war eine überarbeitete Raumordnung der Region Primorje, die die sozioökonomischen Entwicklungen entsprechend berücksichtigte.[21]

Die Kosten für das Werk werden auf rund 36 Milliarden Rubel geschätzt, es soll dauerhaft 1500 Arbeitsplätze schaffen.[17]

Bau

Der Bau des Werkes sollte nach Plan 2016 beginnen und vier Jahre bis 2020 in Anspruch nehmen.[17]

Betrieb

Nach Plan soll der erste Block 2019 ans Netz gehen, gefolgt vom zweiten im Jahr 2020.[15]

Technik

Das Kernkraftwerk soll mit zwei Reaktoren vom Typ WWER-1200/501 als AES-2006M ausgestattet werden. Jeder der Blöcke soll eine elektrische Bruttoleistung von 1200 MW erreichen, von denen 1082 MW netto in das Elektrizitätsnetz gespeist werden sollen.[19][20]

Wissenswertes

  • In den 1990er Jahren wurde das Werk mehrmals mit dem damals baugleich projektierten Kernkraftwerk Sosnowy Bor, heute Kernkraftwerk Leningrad II verwechselt und angenommen, die Anlage würde nahe der Stadt Primorsk, Oblast Leningrad, am finnischen Meerbusen entstehen.[22] Diese Verwechslung hängt damit zusammen, dass die Region Primorje aus dem Russischen (Приморский) übersetzt im Englischen als Primorsk übersetzt wird, die Stadt Primorsk im russsichen (Приморск) jedoch fast ebenso geschrieben wird. Die Unterscheidung liegt hier primär in dem Zusatz kraij (russisch край), der die Region beschreibt.

Daten der Reaktorblöcke

Das Kernkraftwerk Primorje soll aus zwei Blöcken bestehen, die sich in Planung befinden.

Reaktorblock[23] Reaktortyp Leistung Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommer-
zieller Betrieb
Stilllegung
Typ Baulinie Netto Brutto
Primorje-1[19] DWR WWER-1200/501 1082 MW 1200 MW Planungen 2012 gestoppt
Primorje-2[20] DWR WWER-1200/501 1082 MW 1200 MW Planungen 2012 gestoppt

Einzelnachweise

  1. John Massey Stewart; The Soviet environment: problems, policies and politics : [selected papers from the Fourth World Congress for Soviet and East European Studies, Harrogate, July 1990]. Cambridge University Press, 1992. ISBN 0521414180. Seite 229.
  2. Григорий Медведев: Миг жизни: повести, рассказы. Сов. писатель, 1988. Seite 169.
  3. Charles K. Dodd: Industrial Decision-Making and High-Risk Technology: Siting Nuclear Power Facilities in the USSR. In: G - Reference, Information and Interdisciplinary Subjects Series. Rowman & Littlefield, 1994. ISBN 0847678474. Seite 141.
  4. Приамурское географическое общество: Экономическая жизнь Дальнего Востока, Ausgabe 1. Приамурское географическое общество, 1994. Seite 72.
  5. П. А. Минакир, u.a.: Экономика Дальнего Востока: переходный период. "Дальнаука", 1995. Seite 100.
  6. Проекты реализации атомной энергетики в Приморском крае.. Abgerufen am 21.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  7. Российская академия наук. Отделение физико-технических проблем энергетики: Известия Академии наук: Энергетика. Наука, 1997. Seite 9.
  8. Андрей Генрихович Адмидин, u.a.: Экономик девелопмент анд интернатионал кооператион ин Нортхеаст Ася. Дальнаука, 2001. ISBN 5804400665. Seite 105.
  9. Алексей Михайлович Мастепанов: Топливно-энергетический комплекс России на рубеже веков--состояние, проблемы и перспективы развития. Современные тетради, 2001. ISBN 5882891760. Seite 595.
  10. Руссия (Федератион): Собрание законодательства Российской Федерации, Ausgaben 1-2. "I͡Uridicheskai͡a literatura", 1994, 2002. Seite 953.
  11. А. П. Латкин, u.a.: Российский Дальний Восток в условиях глобализации и регионализации мировой экономики: материалы международной научной конференции, г. Владивосток, 15-16 ноября 2001 года. Изд-во ДВГУ, 2002. ISBN 5744412956. Seite 87.
  12. James Clay Moltz, u.a.: Preventing Nuclear Meltdown: Managing Decentralization of Russia's Nuclear Complex. Ashgate Publishing, Ltd., 2004. ISBN 0754642577. Seite 131.
  13. Rosenergoatom: History of the Concern. Abgerufen am 07.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  14. AtomInfo.ru: Правительство России одобрило Генеральную схему размещения объектов электроэнергетики до 2020 года. Abgerufen am 21.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  15. a b World Nuclear Association: Nuclear Power in Russia. Abgerufen am 21.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  16. Рыжов С.Б., u.a.: Развитие технологии ВВЭР в рамках Федеральной Целевой Программы «Развитие атомного энергопромышленного комплекса России на 2007 – 2010 годы и на перспективу до 2015 года» (тезисы), 2009. Abgerufen am 21.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  17. a b c APEC Russia 2012: Investment projects 2008 - 2020 → Primorye NPP. Abgerufen am 21.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  18. PrimaMedia: Главные проблемы Приморья - газ, нефть и АЭС - экологи, 01.10.2012. Abgerufen am 21.02.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  19. a b c Power Reactor Information System der IAEA: „Nuclear Power Reactor Details - PRIMORSK-1“ (englisch)
  20. a b c Power Reactor Information System der IAEA: „Nuclear Power Reactor Details - PRIMORSK-2“ (englisch)
  21. Росатом Атомные стройки: В Приморье хотят построить АЭС, 02.07.2013. Abgerufen am 03.08.2013. (Archivierte Version bei WebCite)
  22. American Nuclear Society: Nuclear News, Band 41,Ausgaben 7-13. American Nuclear Society, 1998. Seite 136.
  23. Power Reactor Information System der IAEA: „Russian Federation“ (englisch)

Siehe auch

Icon NuclearPowerPlant-green.svg Portal Kernkraftwerk